© Cornelia Lembke

Gute Beispiele
Bielefeld

AlarmTheater

Ein deutscher und ein afghanischer Junge tanzen miteinander Tango. Das Publikum reagiert erstaunt: Wie habt ihr das denn geschafft, dass zwei Männer Tango tanzen? Der Impuls kam von einem muslimischen Jugendlichen während einer Improvisation. Im Alarmtheater Bielefeld erarbeiten junge Geflüchtete zusammen mit deutschen Jugendlichen Stücke und bringen sie auf die Bühne. 

Seit mehr als dreieinhalb Jahren arbeiten Dietlind Budde und Harald Otto Schmid vom „AlarmTheater“ in Bielefeld mit jungen Geflüchteten zusammen. 2013 bat sie eine Bielefelder Künstlerin mit dem Erlös eines Bildverkaufs ein Projekt mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen zu machen. Nach nur vier Wochen haben sie mit einer kleinen Gruppe geflüchteter Jungen das erste Stück inszeniert. Weitere Produktionen folgten, unter anderem „Da kann ja jeder kommen“. Hierin wurden Fluchtgeschichten verarbeitet: Weniger biographisch, sondern die Jugendlichen haben selbst Geschichten als Co-Autoren entwickelt.

„Wir bringen das Theater dorthin, wo es gebraucht wird“, sagen Budde und Schmid, die das Alarmtheater 1993 ins Leben gerufen haben. Seitdem arbeiten sie mit den sogenannten „Experten des Alltags“, Menschen vom Rand der Gesellschaft, denen eine Stimme verliehen wird. Es entstehen jährlich bis zu acht Produktionen und Projekte zu gesellschaftsrelevanten Themen wie Flucht, Arbeitslosigkeit, Demenz und Integration.

Zusammenarbeit der Jugendlichen ist nicht immer reibungslos

Im internationalen Jugendensemble des Alarmtheaters spielen die geflohenen Jugendlichen Seite an Seite mit deutschen Schülern und Studenten. Die Zusammenarbeit ist nicht immer reibungslos, erzählt Dietlind Budde: „Natürlich gibt es auch Missverständnisse und Auseinandersetzungen, aber alle versuchen gemeinsam eine Lösung zu finden. Im Mittelpunkt steht trotz allem immer der Wunsch, ein gutes Stück auf die Bühne zu bringen.“
Während der Proben profitieren alle – geflüchtete wie deutsche Jugendliche – deutlich von der Zusammenarbeit. „Viele deutsche Jugendliche sind auf der Sinnsuche: Was will ich im Leben? Wo soll es hingehen? Diese Probleme haben die geflüchteten Jugendlichen auch, aber sie haben eine ganz andere Herangehensweise. Sie haben klare Vorstellungen, was sie wollen. Sie leben viel stärker im Hier und Jetzt. Für die deutschen Jugendlichen eine wichtige Erfahrung, solche Experten des Alltags kennenzulernen“, ergänzt Harald Otto Schmid. Es entstehen Freundschaften, man unterstützt und hilft sich gegenseitig.

Die Bühne hilft den jungen Geflüchteten sich mitzuteilen

Für viele ist das Alarmtheater ein zweites Zuhause geworden. Während der Probenarbeit können die jungen Geflüchteten ihre Probleme in kreative Prozesse umwandeln. Die Jugendlichen können sich frei fühlen, sich ausprobieren und sich auf ihre Talente konzentrieren. Der Theaterprozess ermöglicht ihnen einen künstlerischen Ausdruck in einer fremden Lebenswelt: sie sind gefordert, sich mit Texten, Gesang, Tanz, Akrobatik und eigenen Ideen bei der Szenenentwicklung einzubringen. Harald Otto Schmid hat die Erfahrung gemacht, dass die meisten ein großes Sendungsbewusstsein haben und sich mitteilen möchten. Die geflohenen Jugendlichen sind entwurzelt und oftmals traumatisiert. Die geschulten Theaterleute Budde und Schmid können zum Teil schon an der Körpersprache ablesen, wie es den jungen Akteuren geht. Viele können über die Erlebnisse nicht reden, aber durch die Art und Weise des Spiels, können sie sich öffnen. Die Bühne gibt ihnen die Möglichkeit Anerkennung zu erfahren und eine erfolgreiche Theateraufführung zu erleben.

Krisen sind ein Teil der Arbeit

Manchmal werden die Akteure aber dennoch von ihren Erlebnissen eingeholt. „Wichtig ist immer, einen guten Kontakt zu den Menschen zu halten. Wir treffen uns auch außerhalb der Arbeit, führen Gespräche, wenn wir merken, dass es nötig ist ", erzählt Dietlind Budde, „man muss ein echtes Miteinander entwickeln. Davon profitieren alle."

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