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Gute Beispiele
Sachsen

Cricket (MSV Bautzen)

Noch ist Cricket in Deutschland eine sogenannte Randsportart. Doch in vielen Regionen sorgen Geflüchtete für einen kleinen Cricket-Boom. In Bautzen ist in weniger als anderthalb Jahren eine erfolgreiche Mannschaft entstanden. Dank des Engagements der Spieler und der engagierten Gruppe „Schüler für Flüchtlinge“ hat sie in der ersten Saison sogar fast den Sprung in die Bundesliga geschafft.

Cricket als Möglichkeit einander kennenzulernen

Cricket lässt sich kurz als „das Duell zwischen einem Werfer, Bowler genannt und einem Schlagmann, dem Batsmann“ zusammenfassen. Die Regeln sind jedoch deutlich komplizierter. Eine fast unbekannte Sportart in Deutschland, die aber in Ländern wie Pakistan und Afghanistan ein Volkssport ist.
Auch in Bautzen gibt es jetzt beim Sportverein MSV Bautzen 04 eine Abteilung Cricket. Im Schnitt zweimal in der Woche treffen sich die Spieler, um gemeinsam zu trainieren. Irshad Ahmad, selbst als politisch Verfolgter aus Pakistan geflüchtet, trainiert die Mannschaft. Die Spieler kommen unter anderem aus Afghanistan, Pakistan oder Indien. Sie sind vor kurzem in Deutschland angekommen oder leben hier schon länger. Auch ein paar Deutsche sind mittlerweile im Team.
Von Anfang an, war es das Anliegen aller nicht nur Cricket zu spielen, sondern über das Spiel hinaus die Integration der Geflüchteten in Bautzen zu erleichtern. Die meisten von ihnen lebten zunächst recht isoliert in ihrer Unterbringung und hatten kaum Kontakt mit anderen Menschen in Bautzen.  Daher spielen sie nicht nur im regulären Liga-Betrieb, sondern veranstalten auch immer wieder mit dem Verein „Schüler für Flüchtlinge“ Turniere mit angeschlossenem kulturellen Programm. Anke Rölke ist Lehrerin und engagiert sich seit langem im Verein, sie erzählt: „Bei unserem Veranstaltungen laden wir alle Interessierte herzlich ein.  Wir merken, dass zunehmend die Leute kommen, die sich für den Sport interessieren und es einfach mal ausprobieren. So entstehen Kontakte und man lernt sich kennen.“ Auch durch andere Veranstaltungsformate werden Begegnungsmöglichkeiten geschaffen. Ein Spieler, der gelernter Koch ist, bietet „Kochen mit Nasir“ an. Dann kochen alle gemeinsam, tauschen sich aus und lernen sich kennen.

Die Idee für Cricket entstand gemeinsam mit den Geflüchteten

„Schüler für Flüchtlinge“ hat die in Bautzen untergebrachten Geflüchteten von Anfang an unterstützt. Anke Rölke sagt dazu: „Wir haben mit den Geflüchteten Deutsch gelernt, sie bei Behördengängen begleitet und uns auch Aktivitäten für die Freizeitbeschäftigung überlegt. So waren wir mit ihnen im Theater oder Bowlen. Irgendwann haben uns die Jungs dann gesagt, dass sie auch gerne Cricket spielen würden. Das war für uns eine völlig unbekannte Sportart.“ So entstand gemeinsam die Idee, eine Mannschaft in Bautzen ins Leben zu rufen.

Anke Rölke hat sich daraufhin mit Rugby Cricket Dresden e.V. in Verbindung gesetzt und die Geflüchteten aus Bautzen konnten an einem Training teilnehmen: „Das war der Anstoß, wo die Jungs gemerkt haben, Cricket ist auch in Deutschland möglich und wir würden es gerne spielen.“

Zusammenarbeit mit dem MSV Bautzen 04

Bis das erste Spiel stattfand, ging alles sehr schnell. Bereits im Anschluss an den Besuch in Dresden haben die Geflüchteten angefangen in ihrer Unterbringung zu trainieren. Da der Platz und die Bedingungen nicht ausreichten, um Cricket zu spielen, hat sich „Schüler für Flüchtlinge“ auf die Suche nach einem Verein gemacht. Dies war auch noch notwendig geworden, da die Mannschaft in der Liga spielen wollte und dafür ein Verein im Hintergrund Voraussetzung ist. Der MSV Bautzen, der unter seinem Dach die unterschiedlichsten Sportarten beherbergt, hat sich bereit erklärt, eine Abteilung Cricket zu gründen. Zunächst wurden die neuen Vereinsmitglieder kritisch beäugt, mittlerweile sind sie jedoch voll akzeptiert und es kommen auch immer mehr Zuschauer zu den Spielen.

Cricket als Integrationsmotor

Inzwischen sind über anderthalb Jahre vergangen. Die meisten in der Mannschaft haben eine Arbeit gefunden. Dies lag nicht zuletzt an Cricket und den damit verbundenen Erfolg. Anke Rölke erzählt dazu: „Wir hatten ein unheimlich hohes mediales Interesse gehabt. Daraufhin sind viele Leute auf uns zugekommen. Teilweise haben sie uns sogar Arbeit für die Spieler angeboten.“

„Schüler für Flüchtlinge“ in Bischofswerda

Finanziert wird die Mannschaft hauptsächlich über „Schüler für Flüchtlinge“. Die Gruppe ist bereits 2014 entstanden. Anke Rölke dazu: „Nachdem sich einige Schüler sehr fremdenfeindlich geäußert haben, dass es keine Ausländer in Deutschland geben solle, wollten andere Schüler das nicht so stehen lassen. Sie haben sich daraufhin selber fortgebildet und sind in den Unterricht gegangen, um über die Situation von Flüchtlingen und die Asylpolitik zu sprechen.“ 2015 haben sie ihre Arbeit ausgeweitet und sich direkt für Geflüchtete engagiert.
Außerdem übernimmt der Verein viele organisatorische Aufgaben wie den Transport zu den Turnieren, die Verpflegung und behördliche Angelegenheiten.

Ziel: Bundesliga

Das große Ziel der Mannschaft ist die Bundesliga. In der letzten Saison sind sie nur knapp gescheitert und waren am Ende zweiter der ostdeutschen Liga.
Doch noch wichtiger ist, dass sie in Bautzen ankommen. Anke Rölke erzählt: „Wenn sich die Mannschaft durch die Stadt bewegt, passiert es nicht selten, dass sie angesprochen werden. Dich kenn ich doch, du bist aus der Zeitung vom Cricket. Und dann kommen sie ins Gespräch.“