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Gute Beispiele
Berlin

Guidance - Suchtberatung für Geflüchtete

Suchtmittelkonsumierende Geflüchtete können in Berlin die Beratungs- und Vermittlungsstelle „Guidance“ im Stadtteil Tempelhof-Schöneberg kontaktieren. Die Suchtberatung bietet kultursensible und individuelle Beratung, Begleitung und Unterstützung in allen Fragen rund um den Konsum und die Abhängigkeit an. Guidance versteht sich als Ergänzung zur Regelversorgung und nicht als Parallelversorgung.

Jeder Mensch mit gültigem Aufenthalt hat ein Anrecht auf einen Therapieplatz

Das deutsche Suchthilfesystem ist den meisten geflüchteten Menschen unbekannt. Daher geht es erst einmal darum zu informieren. „Viele kommen aus Ländern, in denen Suchthilfe gleich Drogenfahndung ist. Auch das Prinzip der Schweigepflicht ist in diesem Kontext etwas Neues. Hinzu kommt die Angst um Aufenthaltstitel und Asylrecht. Da müssen wir viel Aufklärung betreiben und Vertrauen schaffen“, sagt Panagiotis Stylianopoulos, Projektleiter von Guidance. Auch rechtliche und sprachliche Hürden müssen überwunden werden. „Die Arbeit mit Geflüchteten unterscheidet sich von einer regulären Suchtberatung vor allem wegen des Asylrechts. Es gibt zu unterschiedlichen Zeitpunkten des Aufenthaltes in Deutschland unterschiedliche Rechte. Die muss ich kennen, um zu wissen an wen ich vermitteln kann und wer die Kosten übernimmt“, erklärt Stylianopoulos. Jeder Mensch mit gültigem Aufenthalt beziehungsweise 15 Monate nach Antragsstellung des Asyls als Analogleistung hat ein Anrecht auf einen Therapieplatz. Nur die Kostenübernahme unterscheidet sich. Menschen, die relativ neu in Deutschland sind, werden keinen von der Deutschen Rentenversicherung bezahlten Platz bekommen, sondern werden von der Krankenkasse beziehungsweise je nach Status von der Ausländerbehörde finanziert.

Cannabis und Alkohol sind sehr verbreitet

Nachdem in den Berliner Unterkünften erste Suchtprobleme bekannt wurden, schrieb die Senatsverwaltung Gelder aus, um ein migrationsspezifisches Programm, speziell für geflüchtete Menschen zu starten. Seit Mitte 2016 haben die Mitarbeitenden von Guidance über 250 Menschen beraten, das heißt es gab mehr als zwei Beratungskontakte. Hinzu kommen Einzelkontakte, Telefonberatungen, Fallbesprechungen mit Geflüchteten in den Unterkünften und Betreuung von Menschen, die mit Geflüchteten arbeiten. Außerdem sind im Jahr 2017 zehn Frühinterventionen in Unterkünften durchgeführt worden, überwiegend für Jugendliche und junge Erwachsene. „Viele der Geflüchteten, die zu uns kommen, haben Probleme mit Alkohol und auch Cannabis ist sehr verbreitet. Bei persischsprachigen Geflüchteten sind es auch häufig Opiate. In Afghanistan und Iran ist Heroin und Opium sehr verbreitet. Und auch Tabletten spielen häufig eine Rolle“, sagt Stylianopoulos.

Sprachmittler sind bei der Beratung immer dabei

Bei den Beratungen ist meist ein Übersetzer dabei. Ein persischsprachiger und ein arabischsprachiger Sprachmittler sind im Team von Guidance festangestellt. „Jedes Wort wird doppelt gesagt. Da müssen wir darauf vertrauen können, dass das, was gesagt wird, auch so übersetzt wird und trotzdem auch in den Kontext der Sprache gesetzt wird“, führt Stylianopoulos aus. Ein großes Problem bei der Weitervermittlung ist, dass es wenige Therapieplätze in anderen Sprachen gibt. Und auch die Vermittlung in Entgiftungsprogramme ist nicht immer unproblematisch. Die aufnehmenden Krankenhäuser stehen dabei vor der großen Herausforderung Menschen zu behandeln, deren Sprache sie nicht verstehen. Auch hier müssen die Guidance-Mitarbeitenden einen Dolmetscher bei der Aufnahme im Krankenhaus organisieren. „Dennoch versuchen wir die Eigenverantwortung zu fördern. Jeder, der zu uns kommt, muss sich um seine Einweisung selber kümmern, auch um die Kostenübernahme. Wir geben Begleitschreiben mit, also selbst wenn der Suchtkranke kein Deutsch spricht, kann er eigenständig zum Krankenhaus gehen“, erzählt Stylianopoulos. Ebenso versuchen die Mitarbeitenden von Guidance niedergelassene Ärzte zu unterstützen, die zum Beispiel Substitutionsbehandlungen durchführen. „Dabei können wir in Berlin auf hohe Bereitschaft und tatkräftige Unterstützung von großen Teilen der medizinischen Gemeinschaft bauen“, sagt Stylianopoulos.

App als niedrigschwellige Ergänzung zur Suchtberatung

Das Angebot wird sehr gut angenommen.Der Projektleiter hat fast jede Unterkunft in Berlin besucht, um Guidance vorzustellen. Zudem betreiben die Mitarbeitenden viel Netzwerkarbeit, kontaktieren Suchthilfe- oder Flüchtlingskoordinatoren, sind im engen Austausch mit anderen Suchtberatungsstellen. In der Regel ein bis zweimal im Monat nehmen sie an einem der vielen runden Tische zu diesem Thema teil. Auch die Plakate hängen in den meisten Unterkünften. „Die Menschen kommen mittlerweile auch alleine ohne Vermittlung zu uns. Zudem bieten wir offene Sprechstunden in Persisch und Arabisch an. Dabei ist auch die gute Zusammenarbeit innerhalb der Suchthilfe nicht zu unterschätzen. Vor allem die Zusammenarbeit mit Fixpunkt e.V., die niedrigschwellige Straßensozialarbeit machen sowie Kontaktstellen betreiben ist, hierbei hervorzuheben.“, sagt Stylianopoulos.
Ein weiteres, besonders niedrigschwelliges Angebot ist eine App. In einfacher deutscher Sprache sowie in arabisch, persisch, englisch und französisch werden gängige Suchtmittel erklärt. Außerdem beantwortet sie Fragen wie „Wo bekomme ich Hilfe bei Suchtproblemen“ oder „Was bedeutet Sucht für mein Asylrecht“. Im Deutschen ist es alphabetisch geordnet und passt sich in den anderen Sprachen dieser Reihenfolge an, so dass man sich auch ohne Sprachkenntnisse verständigen kann.
„Wenn die Sprachkenntnisse ausreichend sind, vermitteln wir aber auch immer in Regelsysteme“, erklärt Stylianopoulos.

Peer to Peer – ehrenamtliche Tätigkeit für Geflüchtete

Seit Anfang 2016 gibt es außerdem das Projekt „Peer to Peer“. Hierbei werde interessierte Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund oder den entsprechenden Sprachkenntnissen ausgebildet um ehrenamtlich in Unterkünften als erste Ansprechpersonen für Betroffene und Angehörige von Betroffenen zu dienen und die Angst vor der Beratungsstelle zu nehmen. Dabei können die ehrenamtlichen Helfenden auf ihr kulturelles Hintergrundwissen besonders im Hinblick auf unterschiedliche Krankheitsverständnisse zurückzugreifen.