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Gute Beispiele
Brandenburg

Queer Haven - Netzwerk für queer refugees im Land Brandenburg

Der Umgang mit dem Thema LSBTIQ (Abkürzung für: Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Intersex, Queer) stellt für viele Mitarbeitende in Flüchtlingsunterkünfte eine Herausforderung dar. Wie gehe ich als Leiter der Unterkunft oder als Sozialarbeiterin richtig mit queeren Geflüchteten um? Wie schaffe ich es, dass die Geflüchteten sich mir anvertrauen und sich sicher fühlen? Sven Brandenburg, Projekteiter der Fachberatungsstelle „Queer Haven“ im Land Brandenburg, unterstützt Geflüchtete, Einrichtungen und Ämter, um zu sensibilisieren, zu informieren und zu beraten.

Unter den in Deutschland lebenden Geflüchteten befinden sich auch Menschen, welche aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität Schutz vor Verfolgung und Gewalt suchen. Die Unterstützungs- und Informationsangebote für LSBTIQ-Geflüchtete waren rar bis nicht existent. Dies war ein Grund für Sven Brandenburg das Projekt „Queer Haven“ ins Leben zu rufen. Queer Haven vermittelt Geflüchtete an kompetente LSBTIQ-sensible Beratungsstellen und berät Berufsgruppen, die mit LSBTIQ-Geflüchteten arbeiten. Die möglichen Themen reichen von Recht, Sprache, Gesundheit über berufliche Orientierung bis zur Vorbereitung der Anhörung im Asylverfahren. „Im Unterschied zu vielen anderen Geflüchteten sind queere Geflüchtete oft allein unterwegs. Sie flüchten zum Teil vor ihrer eigenen Familie“, erklärt Sven Brandenburg. „Daher sind sie oftmals sozial extrem isoliert, die meisten noch dazu im jungen Alter.“ Entsprechende Hilfsangebote und vertrauensvolle sowie professionelle Unterstützung seien für sie besonders wichtig. Denn sie haben in den meisten Fällen nie mit anderen über ihre Erfahrungen, ihre Wünsche sowie Bedürfnisse und vor allem nicht über ihre sexuelle Orientierung sprechen können.

LSTBQI Geflüchtete benötigen Schutz und Sicherheit

Wie bei allen Geflüchteten ist Schutz und Sicherheit die wichtigste Voraussetzung für Vertrauen. Dies ist notwendig, damit sich Geflüchtete offen ihren betreuenden Sozialarbeitenden zuwenden – um geeignete Unterstützungsangebote zu finden und zu erhalten. „Es reicht nicht mit der Regenbogenflagge durch die Unterkunft zu laufen und dann, wenn es zur Diskriminierung und zu Problemen mit queeren Geflüchteten kommt, nichts zu unternehmen. Es wird sich daraufhin keiner mehr outen.“, so Brandenburg. Das Team müsse zum Gespräch einladen und zu 100 Prozent garantierten, dass Anonymität gewahrt ist. Sven Brandenburg empfiehlt gemeinsam in den jeweiligen Teams ein Schutzkonzept auszuarbeiten. Zum Konzept gehören zum Beispiel: Mehrsprachige Informationsbroschüren für alle Bewohnerinnen und Bewohner zu den Rechten von queeren Menschen in Deutschland und ein offenes Bekenntnis der Einrichtung hinsichtlich des Gewaltschutzes. Auch eine Hausordnung, die Konsequenzen bei Diskriminierung und Gewalt beinhaltet und diese durchsetzt, gehört dazu. Bei Informationsmaterialien sei es besonders wichtig, so Sven Brandenburg, darauf zu achten, dass nicht direkt ersichtlich ist, dass es beispielsweise um die Rechte von LSTBQI Geflüchteten geht. Denn das Lesen der Broschüre könnte ein ungewolltes Outing oder Übergriffe von anderen Geflüchteten hervorrufen. Andere Initiativen, wie zum Beispiel „Guidance“, eine Beratungsstelle für suchtgefährdete Geflüchtete, hängt ihre Informationsblätter an die Innenseite von Klotüren. Auf diese Weise hat jeder die Möglichkeit die Informationen in einem geschützten Raum zu lesen.

Die Anhörung als Belastungsprobe

Die Anhörung ist ein besonders schwerer und doch zentraler Moment jedes Asylsuchenden: Sie ist Grundlage für die Entscheidung über den Asylantrag. Da die meisten LSBTIQ-Geflüchteten jedoch selten bis nie über ihre sexuelle Orientierung gesprochen haben, fällt ihnen sowohl die Anhörung als auch die Vorbereitung darauf sehr schwer. Sven Brandenburg findet dafür folgende Worte: „Das sind Leute, deren Überlebensstrategie es war, das mit niemanden zu teilen. Und plötzlich kommt es darauf an, dass sie innerhalb von ein paar Wochen alles erzählen und so offen wie möglich damit umgehen. Das ist eine wahnsinnige Belastung.“ Das ist nicht nur eine psychische Herausforderung, sondern auch eine sprachliche – für den Geflüchteten als auch für den Dolmetscher.

Dolmetscher benötigen Erfahrung und Sensibilität

Dolmetschern kommt in der Anhörung eine wichtige Position zu. Sie müssen neutral sein, die Sprache gut beherrschen und die Übersetzung so nah wie möglich an der ursprünglichen Aussage wiedergeben. Es erfordere, so Brandenburg, besonderer Sensibilität, Erfahrung und Wissen der Dolmetscher, um das Asylverfahren nicht unbewusst zu beeinflussen. Doch was ist, wenn es die jeweiligen Begriffe in der einen Sprache gibt, in der anderen jedoch nicht? „Eine Anhörung kann schnell scheitern, weil die sprachlichen Mittel fehlen. Teilweise gibt es nur Schimpfworte. Dann sind auch die Übersetzer überfordert. Wenn sie höflich sind, trauen sie sich nicht, das auszusprechen. Denn sie denken, sie wären dann beleidigend. Und wenn es in bestimmten Sprachen den Unterschied zwischen sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität nicht gibt, dann lässt sich schon der Unterschied zwischen schwul und trans nicht mehr abbilden,“ erklärt Sven Brandenburg. Aus diesen Gründen hat „Queer Haven“ zusammen mit Geflüchteten, Ehrenamtlichen und Dolmetschern ein Schulungskonzept erarbeitet, welches in Kooperation mit Fazit (Fachdienst Integration und Zuwanderung) für Sprachmittler angeboten wird.“

Schulung für Sprachmittlerinnen und Sprachmittler

In den Schulungen für Dolmetschende, die vier bis fünf Sitzungen umfassen, geht es zunächst um eine Sensibilisierung für die Situation der LSBTIQ-Geflüchteten. Dabei werden Fragen behandelt wie: Was bedeutet LSBTIQ? Und wie ist die rechtliche Situation für betroffene Geflüchtete in den Herkunftsländern? Es sei wichtig, so Sven Brandenburg, das Menschen, die mit LSBTIQ-Geflüchteten zusammenarbeiten verstehen, was sie vor und während der Flucht durchgemacht haben, was es beispielsweise bedeutet, als homosexueller Mensch in Syrien gelebt zu haben. Im Spachteil der Sitzungen wird unter anderem mit Rollenspielen gearbeitet. Im Rollenspiel spiel wird eine Beratungssituation nachgestellt, welche der Anhörung sehr ähnlich ist. Die Dolmetscher lernen dabei die wichtigsten und häufigsten Begriffe, die in einer Anhörung fallen könnten, kennen.