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Wie über Flucht und Asyl berichten?
Interview

Wie über Flucht und Asyl berichten?

Prof. Dr. Karl-Heinz Meier-Braun ist ein anerkannter Migrationsexperte, Buchautor, Honorarprofessor an der Universität Tübingen, langjähriger Integrationsbeauftragter und Redaktionsleiter im Südwestrundfunk (SWR) sowie Mitglied im Rat für Migration (RfM). Im „Interview mit Willkommen bei Freunden – Bündnisse für junge Flüchtlinge“ erläutert er, wie eine gelungene Berichterstattung über Flucht und Asyl aussehen und was Journalistinnen und Journalistin dabei beachten sollten.

Willkommen bei Freunden (WbF): Neben dem Wort „Flüchtlingskrise“ tauchten besonders im Sommer 2015 Begriffe wie „Flüchtlingswelle“, „Flüchtlingsansturm“, „Flüchtlingsstrom“ in den Medien auf. Warum würden Sie diese Begriffe für eine Berichterstattung nicht verwenden?

Meier-Braun: Weil diese Begriffe Vorurteile und Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen verstärken und Wasser auf die Mühlen von Rechtsradikalen sind.

WbF: Inwiefern können Medien dabei helfen, Vorurteile über geflüchtete Menschen abzubauen?

Meier-Braun: Die Vorstellung über geflüchtete Menschen wird immer noch größtenteils über die Medien vermittelt, sie prägen das Bild in den Köpfen. Durch Hintergrundberichte oder Reportagen über Einzelschicksale können die Medien einen Beitrag zum Abbau von Vorurteilen leisten.

WbF: Wie schlägt man als Journalistin bzw. Journalist die Brücke zwischen Willkommensjournalismus und dem Bestätigen von Ressentiments?

Meier-Braun: Medien müssen objektiv über dieses so sehr von Emotionen besetzte Thema berichten. Sie dürfen dabei auch Probleme nicht ausklammern, wenn sie glaubhaft bleiben wollen. Die Medien können gleichsam für Aufgeschlossenheit gegenüber Flüchtlingen werben und die Willkommenskultur fördern. Helferinnen und Helfer in ihrem Engagement bestärken. „Lügenpresse“ ist ein Schlagwort der fremdenfeindlichen Pegida, die damit Ressentiments schüren und Journalisten einzuschüchtern versuchen. Auch der Vorwurf, die Medien würden einen Willkommensjournalismus betreiben, ist ja nichts anderes als der Versuch, die Medien zu verunsichern.

WbF: Welche Narrative sollten Journalistinnen und Journalisten bei der Berichterstattung über Flucht und Asyl kritisch hinterfragen?

Meier-Braun: Es wird jetzt wieder in Frage gestellt, ob wir ein Einwanderungsland sind. Dabei ist Deutschland das eigentlich seit fast 150 Jahren. Die Bundesregierungen haben die Tatsache, dass die Bundesrepublik ein Einwanderungsland ist, seit dem Jahr 2000 anerkannt und eine Integrationspolitik auf die Fahnen geschrieben. Einwanderung findet nicht erst seit 2015 statt, was die Medien betonen sollten. Das Narrativ vom „Nicht-Einwanderungsland Deutschland“ hat ein halbes Jahrhundert lang die Integration der Zuwanderer und Flüchtlinge erschwert und sollte jetzt nicht wieder aus der Mottenkiste hervorgeholt werden.

WbF: Wie sieht zusammenfassend eine gelungene Berichterstattung über Flucht und Asyl aus?

Meier-Braun: Hintergrundberichte vor allem auch über die Fluchtursachen sind jetzt besonders wichtig. Daten und Fakten müssen noch viel stärker in die Öffentlichkeit gebracht werden. Immer wieder sollte darauf hingewiesen werden, dass es sich um ein „Weltflüchtlingsproblem“ handelt, dass die Mehrzahl der Flüchtlinge im eigenen Land und in Nachbarländern bleibt und sich nicht auf den Weg nach Europa macht. Politik und Medien sollten den Menschen „reinen Wein“ einschenken, dass wir auf Dauer mit dem Thema leben werden, so lange Fluchtursachen wie Kriege oder Bürgerkriege bestehen. Sorgen und Ängste der einheimischen Bevölkerung sollten die Medien in ihrer Berichterstattung ernst nehmen und keineswegs ausklammern. Eine Art Selbstzensur darf es nicht geben.

WbF: An welchen Beispielen für eine besonders gelungene Berichterstattung über Flucht und Asyl kann man sich orientieren?

Meier-Braun: Sehr wichtig ist das Angebot, das vor allem die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten für die Geflüchteten selbst zeitnah eingerichtet haben. Viele gelungene Beispiele von Berichten und Reportagen über Flucht und Asyl finden sich in Presse, Funk und Fernsehen, sowie im Internet. In den sozialen Medien wird aber auch gezielt gegen Flüchtlinge und Medienmacher gehetzt. Ein aktuelles gelungenes Beispiel habe ich gerade in meiner Lokalzeitung gefunden. Die Eßlinger Zeitung klärt am 28./29. Januar 2017 unter der Schlagzeile „Flüchtlingshilfe stützt Konjunktur“ auf und beleuchtet die neue Zuwanderungsstatistik unter dem Motto „Viele Zuwanderer auch aus der EU“. Im Frage- und Antwortstil werden die aktuellen Zahlen beleuchtet und relativiert.


WbF: Was geben Sie persönlich Ihren Kolleginnen und Kollegen mit auf dem Weg?

Meier-Braun: Lasst euch nicht durch Rechtsradikale verunsichern, nehmt eure Rolle und Verantwortung wahr, die gerade in diesen schwierigen Zeiten gefragt ist. Haltet euch an den Empfehlungen des Deutschen Presserats bei der Berichterstattung über Flüchtlinge. Ihr spielt eine ganz wichtige Rolle in der Flüchtlingspolitik, worüber man sich in Redaktionskonferenzen oder bei Tagungen klar werden sollte. Trennt noch stärker zwischen „Islam“ und „Islamismus“, nicht nur wenn es um terroristische Anschläge geht. Berichtet über Flüchtlinge und ihr Schicksal, versucht Geflüchtete selbst in die redaktionelle Arbeit einzubinden, beispielsweise durch Praktikumsplätze oder Volontariate.