© Willkommen bei Freunden/Fernanda Vilela

Trauma und junge Geflüchtete
Transferforum

Trauma und junge Geflüchtete

Das Transferforum „Trauma und junge Geflüchtete” informierte über die besonderen Bedürfnisse von traumatisierten Kindern und Jugendlichen mit Fluchthintergrund. Impulsvorträge und Workshops behandelten die Fragen, wie Traumata erkannt werden können und welche Hilfe für junge Geflüchtete und ihre erwachsenen Begleiter notwendig ist.

Reportage zum Transferforum

„Ich hoffe, dass ich heute viele Antworten auf meine Fragen bekomme“, berichtet einer der Teilnehmer. „Gute Tipps, die mich und meine Kollegen in unserer Arbeit entlasten.“ Man spürt die Spannung der etwa 200 Teilnehmer in der großen Halle des Nemetschek Haus in München. Sie alle besuchen das Transferforum „Trauma und junge Geflüchtete“ des Bundesprogramms „Willkommen bei Freunden“...

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Alle richten ihre Blicke auf das Rednerpult und die dynamische Frau darauf. Meike Reinecke, Programmleiterin von „Willkommen bei Freunden“, begrüßt die Anwesenden: „Es hat sich gezeigt, welche große Hilfsbereitschaft eigentlich in der Bevölkerung besteht. Es hat sich aber auch gezeigt, dass die hohe Traumatisierung der Geflüchteten nicht nur für sie selbst, sondern auch für die Helfer sehr belastend ist. Der Wille zum Helfen ist da, aber es braucht eine bessere Infrastruktur und konkrete Handlungsstrategien für alle Beteiligten.“
Wer hilft also den Helfern? Das ist in der Tat eine Frage, die im öffentlichen Diskurs kaum zu hören ist. Wie geht man mit traumatisierten Personen um? Vor allem, wenn man keine therapeutische Ausbildung hat? Und, wie viele Geflüchtete sind eigentlich betroffen?

Traumatisierte Kinder brauchen eine stabile Umgebung

In seinem Vortrag greift Volker Mall, ärztlicher Direktor des kbo-Kinderzentrums in München und Professor für Sozialpädiatrie an der TU-München, genau diese Fragen auf. In einer Studie hat er 100 syrische Kinder zwischen Null und 14 Jahren auf ihren Gesundheitszustand untersucht. Im Publikum wird es immer stiller, als die Ergebnisse in einer nüchternen PowerPoint-Präsentation auf der Leinwand erscheinen. Etwa 40 Prozent der untersuchten Kinder zeigen Ansätze von Traumatisierung. Die Zahl überrascht niemand, eher, dass es nicht noch viel mehr Betroffene gibt. Was aber tun? „Viel muss über die Stabilisierung der Umgebung passieren“, sagt Mall. Diese herzustellen, ist eine Herausforderung, der Helfer, Einrichtungen und Behörden nur gemeinsam begegnen können.

Für traumatisierte Kinder ist es wichtig, immer einen offenen Fluchtweg zu haben

Eine gespannte Erwartung erfüllt das Publikum: Nun ist der praktische Teil dran. Die Halle leert sich, man verteilt sich in die verschiedenen Räume. Im vierten Stock lässt sich eine bunt gemischte Zuhörerschaft auf ihre Stühle nieder. Sie sind Lehrerinnen, Begleiterinnen, arbeiten in Erstaufnahmestellen oder in betreuten Wohngruppen. Gemeinsam möchten sie im Workshop „Schutz- und Bildungsräume gestalten“ erarbeiten, wie kinderfreundliche Orte geschaffen werden können und eine sichere und geschützte Umgebung für Kinder während oder nach einer Notsituation bereitgestellt werden kann.

Lena Rother von „Save the Children Deutschland“ und Anja Teltschik von UNICEF geben konkrete Anregungen zur Umsetzung der Prinzipien im Umfeld der Teilnehmerinnen. Ihre Hilfestellungen enthalten Vorschläge zur Raumgestaltung: Helligkeit, Klarheit in der Struktur, gute Sichtbarkeit des Personals sind wichtige Punkte. Was vielen nicht klar ist: Der Blick zur Tür muss immer frei sein. Denn für traumatisierte Kinder ist es wichtig, immer einen offenen Fluchtweg zu haben. Auf besonderes Interesse stoßen die Hinweise auf die oft unbekannten rechtlichen Grundlagen und Mindestanforderungen für Schutzräume. „Nun habe ich eine Argumentationshilfe“, sagt eine der Teilnehmerinnen hinterher. „Wenn es da rechtliche Vorschriften gibt, gilt das Argument „das kostet zu viel!“ nicht mehr so einfach.“

Optimismus und Geduld sind wichtig für die Arbeit mit Traumatisierten

Insgesamt zehn Workshops bieten den Teilnehmern die Möglichkeit zum Austausch. Zudem gibt es den Raum, Fragen zu stellen. In einem Fall „so viele, dass es den Workshop glatt gesprengt hat“. Marianne Rauwald freut sich über das rege Interesse. Frau Rauwald ist Psychoanalytikerin und leitet das Institut für Traumabearbeitung und Weiterbildung in Frankfurt am Main.

„Es gibt ja oft die Phantasie“, sagt sie, „wenn ein Kind, ein Jugendlicher traumatisiert ist, dann braucht er eine Psychotherapie. Ich glaube das nicht. Manchmal, in extremen Fällen wird sicherlich eine Therapie notwendig sein. Im Grunde ist es aber der ganze Rahmen, der wichtig ist. Also die Art und Weise wie eine Einrichtung aufgestellt ist. Ob sie nach traumapädagogischen Gesichtspunkten geführt wird, ob die Mitarbeiter wissen, was Traumatisierung bedeutet und was die Folgen sind. Sie müssen verstehen, dass diese Folgen immer ein Versuch der Kinder und Jugendlichen sind, mit dem umzugehen, was sie erlebt haben und darauf mit Optimismus und Geduld reagieren. Das ist viel wichtiger als eine Therapie.“

Das bestätigt auch eine der Teilnehmerinnen. Sie ist Heilerzieherin am Bodensee. Ihr Resümee der Tagung: „Es ist toll, wenn man von jemandem mit Erfahrung aufgezeigt bekommt, wie sich ein Trauma bei Kindern zeigt und welche Möglichkeiten es gibt, darauf einzugehen, ohne therapeutisch zu arbeiten, was wir gar nicht leisten können.“ Ihr hat die Tagung schon jetzt weitergeholfen und sie wird die gewonnen Erkenntnisse in ihrer Einrichtung weitergeben und anwenden.

Helfer müssen auch auf ihre eigenen Bedürfnisse achten

Peter Zehentner spricht rasch und klar strukturiert. Sein Workshop hat den Titel „Stressentlastung für Begleiterinnen und Begleiter von geflüchteten Kindern und Jugendlichen“. Als Leiter des Kriseninterventionsteams München und Geschäftsführer des Trauma-Hilfezentrums befasst er sich damit, wie Helfer ihre Arbeitserfahrungen verarbeiten können.
Ihm ist es wichtig, dass die Bedürfnisse dieser Unterstützer nicht übergangen werden. Das habe nichts mit Egoismus zu tun, unterstreicht er immer wieder. „Die Fürsorge ist für mich Respekt vor dem Klienten. Der erste und wichtigste Teil in dem ganzen System ist der Helfer. Wenn es dem gut geht, kann er sich auch um Flüchtlinge gut kümmern.“ Aber oft verliert man genau das aus dem Blickpunkt. Er formuliert es drastisch: „Wir brennen da Leute aus, auch Ehrenamtliche!“ Er schlägt vor, Schulungen zum Thema Trauma durchzuführen, die laufenden Ereignisse durch Morgenbriefings oder Abendrunden zu begleiten und alle Einsätze nachzubereiten.

Eine Teilnehmerin bestätigt die Schwierigkeit, als Helferin auf ihr eigenes Befinden zu achten:
„Wir haben bei der Arbeit mit Kindern die Belastung, dass wir alle das Kindchenschema im Kopf haben. Alle reagieren bei Kindern sehr empfindlich. Deshalb funktioniert die professionelle Distanz, die wir normalerweise haben, nur schlecht. Da muss man auf sich aufpassen und nicht denken, das sei egoistisch.“

Traumatherapeutische Ausbildung ist nicht zwingend notwendig

Auf die Frage nach Handlungsstrategien in belastenden Situationen hat Herr Zehentner konkrete Antworten: „Wenn ein Flüchtling mir beispielsweise eine traumatische Geschichte erzählt, dann ist klar, wenn er diese Situation erzählt und auch durchlebt – nicht gut für ihn, nicht gut für mich. Also hole ich ihn da raus. Ich habe drei Möglichkeiten des Rausholens: Erstens, ich gehe mit ihm in die Vergangenheit und sage: „Du, ich kenn mich in Syrien gar nicht aus, wie schaut es da eigentlich aus?“ Oder „Was ist deine schönste Erinnerung an deine Kindheit?“ Und plötzlich erzählt er mir vom Brotbacken mit der Großmutter. Das zweite ist, ich gehe in die Zukunft und frage: „Wie geht es weiter für dich die nächsten Tage?“ Und wenn ich jemanden habe, der ganz tief drin ist, dann versuche ich im Hier und Jetzt zu sein und sage „Pass mal auf, ich habe das Gefühl du driftest gerade ab – spür mal: Wie ist es denn so, auf einem Stuhl zu sitzen? Möchtest du was trinken?“ Die Leute müssen verstehen – nicht nur geistig, sondern auch körperlich – ach, ich bin ja gar nicht in dieser Situation, ich bin hier im sicheren Deutschland.“

Eine spezielle traumatherapeutische Ausbildung ist, seiner Ansicht nach, nicht immer notwendig, um effektiv helfen zu können. Solche Erkenntnisse motivieren. Generell herrscht eine zuversichtliche Stimmung, die Teilnehmer nehmen viel mit.

Die momentane Phase der Flüchtlingsarbeit ist eine der wichtigsten überhaupt

Am Ende finden sich noch einmal alle zur großen Abschlussveranstaltung zusammen. Zufriedene Gesichter sieht man im Publikum. Der Tag war erfolgreich. Das bestätigen auch die Podiumsgäste. Sera Choi vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, weist darauf hin, dass das BMFSFJ regelmäßig fünf Folteropferzentren mit circa 812.000 Euro jährlich unterstützt. Im Haushaltsjahr 2016 konnte die Förderung um weitere 3 Millionen Euro erhöht werden, so dass bis zu 37 weitere Folteropferzentren in die Förderung aufgenommen werden.
Dr. Susanne Stemmler, stellvertretende Programmleiterin bei „Willkommen bei Freunden“, weist noch einmal auf das dringende Anliegen der Arbeit mit jungen Geflüchteten hin: „Es geht um Integration, um die Überführung ins Regelsystem und die Unterstützung der Kommunen dabei, aber eben mit Berücksichtigung der häufig bestehenden Traumatisierungen.“ Nun wandert das Mikro ins Publikum. Die Veranstalter können zufrieden sein: Die Begeisterung ist groß, die Sprecherinnen haben wichtige Erkenntnisse und neue Impulse gewonnen.

Noch einmal ergreift Volker Mall das Wort. Seine Stimme wirkt eindringlich: „Die momentane Phase der Flüchtlingsarbeit ist eine der wichtigsten überhaupt. Die Menschen sind seit relativ kurzer Zeit da, und jetzt geht es für sie darum, möglichst gut integriert zu werden. Ich habe heute den Eindruck gewonnen, dass es viele Angebote gibt, vieles auf einem sehr guten Weg ist. Wir dürfen jetzt nicht lockerlassen. Manche interessieren sich schon gar nicht mehr für die Geschichte der Geflüchteten. Trotzdem dürfen wir nicht unterlassen, weiterhin Ressourcen einzufordern, denn das ist die Investition in die Zukunft.“

Dokumentation zum Transferforum „Trauma und junge Geflüchtete” PDF, 6,41MB

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