Kommune

18 Jahre – was nun?

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge genießen einen besonderen Schutz in Deutschland. Dazu gehört unter anderem, dass ihnen ein Vormund zugeteilt wird, sie in Heimen für Jugendliche untergebracht werden und sie Unterstützung bei Schule und beruflicher Ausbildung erhalten. Diese Hilfen auf dem Weg zur Eigenständigkeit enden abrupt, wenn junge Geflüchtete die Volljährigkeit erreichen. „18 Jahre - was nun?“ war das Thema einer Arbeitsgruppe bei der Landeskonferenz „Zusammen Perspektiven gestalten?!“ in Magdeburg, einer gemeinsamen Tagung der Caritas, dem Landesministerium für Arbeit, Soziales und Integration, dem Bundesprogramm „Willkommen bei Freunden – Bündnisse für junge Flüchtlinge“ und mehreren Vereinen.

Neue Rechtslage ab 18. Geburtstag

Wie dringlich die Frage ist, macht Timon Perabo, Leiter des Servicebüros Magdeburg von „Willkommen bei Freunden“, deutlich. „Bis Ende 2017 werden von den derzeit 2.210 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Sachsen-Anhalt 824 die Volljährigkeit erreichen“, so Perabo. Mit ihrem 18. Geburtstag entsteht für die jungen Geflüchteten eine neue Rechtslage: Von einem Tag auf den anderen ist, laut Achtem Sozialgesetzbuch (SGB VIII), nicht mehr das Jugendamt für sie zuständig. Plötzlich müssen sie auf eigenen Beinen stehen und sich beispielsweise eine eigene Wohnung suchen. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, sind die jungen Erwachsenen dann auf BaföG, Arbeitslosengeld II oder auf eine Förderung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz angewiesen.

Unterschiede in den Kommunen

Bislang gehen die Kommunen sehr unterschiedlich mit dem Übergang in die Volljährigkeit um. In einigen Landkreisen wird die Betreuung durch die Jugendhilfe ohne Probleme auch bis zum 20. oder 21. Lebensjahr gewährt. Gerade ländliche Regionen versuchen häufig, Anschlusshilfen anzubieten, um in die Jugendlichen zu investieren und sie am Ort zu halten. In anderen Kommunen bedeutet der 18. Geburtstag für die junge Geflüchtete dagegen immer, dass sie die betreuten Wohneinrichtungen verlassen müssen und den Anspruch auf Unterstützung verlieren.

Schwierige Wohnungssuche

Eine der größten Hürden für die jungen Erwachsenen ist es, angesichts der verbreiteten Wohnungsknappheit, eine eigene Wohnung zu finden. Dabei versucht die Jugendhilfe, eine Unterbringung in einer Gemeinschaftsunterkunft zu vermeiden. Denn dies bedeutet immer einen Rückschritt auf dem Weg zur Eigenständigkeit und erschwert das Vorankommen in der Schule. Freie Wohnungen befinden sich aber oft in sozialen Brennpunkten, was die Integration erschwert. Gute Erfahrungen wurden dagegen in Städten gemacht, wo man auf Wohnungen aus kommunalen Beständen zurückgreifen konnte.

Altersschranken im Bildungssystem

Damit junge Geflüchtete reelle Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, brauchen sie einen Schulabschluss und eine berufliche Ausbildung. Gudrun Wollny vom Jugendmigrationsdienst beim Internationalen Bund fordert daher ein durchlässigeres Bildungssystem: „Die strikte Trennung nach Alter ist fatal.“ So ist es in Sachsen-Anhalt bislang sehr schwierig, mit 16 Jahren noch an einer Sekundarschule aufgenommen zu werden. 19-Jährigen ist auch das Berufsvorbereitungsjahr verwehrt.

Berufliche Perspektiven

Viele Jugendliche kommen zudem mit Vorstellungen nach Deutschland, die wenig mit der Situation hierzulande zu tun haben. Sie sind allein um die halbe Welt gereist und verstehen nicht, dass sie plötzlichen einen Vormund brauchen. Statt eine jahrelange Ausbildung zu machen, wollen sie Geld verdienen. Umso wichtiger ist es, die Jugendlichen zu einer realistischen Einschätzung der eigenen Situation zu führen und ihnen deutlich zu machen, wie sehr ihre beruflichen Chancen mit einem Berufsabschluss steigen. Dabei sollten die Jugendlichen selbst entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen. Mamad Mohamad vom Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (LAMSA) empfiehlt zudem, neben den Jugendlichen auch die Eltern und Verwandten, die sich noch im Heimatland befinden, aber in ständigem Kontakt mit dem Jugendlichen stehen, miteinzubinden.

Verlässliche Ansprechpartner

Die Erfahrungen aus der Jugendhilfe zeigen, dass die jungen Geflüchteten auch nach dem Erreichen der Volljährigkeit ein stabiles Umfeld und Unterstützung brauchen. Nötig sind verlässliche Ansprechpartner, die sie auf ihrem langen Weg zu einem Berufsabschluss begleiten und sie regelmäßige auch rechtlich beraten: Es müssen Anträge ausgefüllt werden, Stichtage beachtet werden. Für Jugendliche ohne anerkanntes Asyl steht dabei viel auf dem Spiel.

Gut vorbereitete Übergänge

Schon jetzt besteht eine Vielzahl von Einrichtungen und Gruppen, die junge Geflüchtete auch nach dem 18. Lebensjahr unterstützen. Diese müssen aber den Weg dorthin finden. Besonders wichtig ist, dass der Übergang der Zuständigkeiten gut vorbereitet wird. Im Vorfeld müssen rechtzeitig die nötigen Verfahren eingeleitet, Anträge gestellt und Bedarfe geklärt werden. Damit dies gut gelingt, müssen Betreuer in der Jugendhilfe die Rechtslage gut kennen. Das Careleaver Kompetenznetz empfiehlt deshalb regelmäßige Fortbildungen für Mitarbeitende. Eine weitere Empfehlung ist, den jungen Leuten einen Ordner mit den Anschriften der möglichen Anlaufstellen mit auf den Weg zu geben, wo sie Hilfe finden wie etwa bei der Migrationsberatung oder Angeboten aufsuchender Hilfe.

Ehrenamtliche als stabile Begleiter

Eine dauerhafte Betreuung bieten außerdem ehrenamtliche Vormünder. Jakob Lanman Niese, Kommunalberater vom Servicebüro Magdeburg, weist die Bedenken zurück, dass diese nicht verantwortungsvoll für das Wohl ihrer Mündel sorgen können. „Ehrenamtliche Vormünder verstehen sich vor allem als erwachsene Begleiter auf dem Weg zum Erwachsenenleben, die bei Anträgen, Behördengängen und der Wohnungssuche helfen“, erklärt Lanman Niese. Viele von ihnen setzten ihre Unterstützung auch nach dem Erreichen der Volljährigkeit fort. Auch LAMSA-Mitarbeiter Mohamad meint: „Wenn man Leute, die erfolgreich in dieser Gesellschaft angekommen sind, fragt, was ihnen geholfen hat, hört man immer wieder die gleiche Antwort: Es waren andere Menschen, die da waren und sich gekümmert haben.“

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