Ali ist einer von drei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die von ihrem Weg in Deutschland berichten.
Kommune

Alterseinschätzung: Bestehende Praxis und Empfehlungen von Jugendämtern

Das Thema Alterseinschätzung sorgt seit Beginn des Jahres für eine rege Debatte. „Willkommen bei Freunden“ hat mit der Bremer Jugendbehörde, den Jugendämtern in Stuttgart und dem Main-Taunus-Kreis sowie der Vorsitzenden der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Landesjugendämter über die Praxis der qualifizierten Inaugenscheinnahme gesprochen. Wie gehen andere Kollegen dabei vor? Welche Antworten gibt es auf bekannte Herausforderungen? Und was empfehlen die Interviewpartner anderen Kolleginnen und Kollegen?

Drei Säulen der Inaugenscheinnahme: Aussehen, Verhalten, Biografie

„Ich glaube, dass die Bezeichnung der qualifizierten Inaugenscheinnahme viele Leute in die Irre geführt hat und ein Grund für die kontroverse Debatte zurzeit ist“, sagt Birgit Zeller, Vorsitzende der BAG Landesjugendämter. „Dabei werden die Jugendlichen nicht einfach in Augenschein genommen: Die qualifizierte Inaugenscheinnahme nimmt die Gesamtpersönlichkeit in den Blick und prüft die Aussagen der Jugendlichen auf Glaubwürdigkeit.“ Das spiegelt sich auch in der Arbeit des Jugendamtes Stuttgart wieder. Dort fußt die Alterseinschätzung, wie in anderen Jugendämtern auch, auf „drei Säulen“, teilt Martin Schlosser, Dienststellenleiter des Sozialdienstes für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Jugendamt Stuttgart mit. „Das ist einmal die tatsächliche Inaugenscheinnahme. Also die Einschätzung der äußeren Körpermerkmale. Dabei schätzen die Kollegen ein, ob Merkmale wie Stimmlage, Bartwuchs oder Gesichtszüge als jugendlich, erwachsen oder uneindeutig zu bewerten sind. Die zweite Säule ist das Verhalten des jungen Menschen während des Gesprächs. Hier geht es um die wahrgenommene Reife des jungen Menschen. Außerdem wird als drittes Kriterium die erzählte Biografie des jungen Menschen bewertet.“ Dabei werde geprüft, ob die Erzählung des Jugendlichen mit seinen angegebenen Alter zusammenpasst. Treten Unstimmigkeiten oder sich widersprechende Aussagen auf, gelte es, entsprechende Rückfragen zu stellen.

Eine vertrauensvolle Atmosphäre ist wichtig

„Die jungen Menschen waren mehrere Wochen oder Monate auf der Flucht und haben nicht immer die besten Erfahrungen mit Behörden gemacht“, berichtet Udo Casper, Referent für Grundsatzangelegenheiten unbegleiteter minderjähriger Ausländer/innen bei der Bremer Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport. „Daher ist es sehr wichtig, eine vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre herzustellen. Die kann man häufig durch Kleinigkeiten herstellen: Zum Beispiel durch kleine Pausen, in denen man den Jugendlichen fragt, ob er alles verstanden hat oder etwas trinken möchte.“ Aus Sicht von Irmela Wiesinger, Sozialraumleiterin im Jugendamt Main-Taunus-Kreis, ist es zudem entscheidend, den jungen Menschen zunächst Willkommen zu heißen. Sie sagt: „Wir beginnen das Gespräch, indem wir sagen: Schön, dass du hier bist und gemeinsam mit uns schaust, ob die Jugendhilfe für dich die richtige Betreuung ist.“ Auf keinen Fall dürfe der Eindruck eines Verhörs entstehen, darin sind sich Frau Wiesinger, Frau Zeller, Herr Schlosser und Herr Casper einig. „Das stellen wir direkt zu Beginn klar“, ergänzt Martin Schlosser. „Wir sind nicht die Polizei und geben die Inhalte des Gesprächs nicht an die Polizei oder das Gericht weiter. Was wir weitergeben sind die festgestellten Personendaten wie die Schreibweise eines Namens oder eben das Geburtsdatum.“

Alterseinschätzung als Teamaufgabe

Jedem Mitarbeitenden in der Jugendhilfe sei klar, so die Vorsitzende der BAG Landesjugendämter, welche hohe Verantwortung er bei der Altersfeststellung trage. Denn es bestehe immer das Risiko, so Udo Casper, „dass man einen Minderjährigen, der die sozialpädagogische Betreuung der Jugendhilfe benötigt, durch eine falsche Einschätzung unbetreut lässt.“ Dies gelte es zu vermeiden. „Das ist ein Grund für unsere Empfehlung, die Altersfeststellung nach dem Vier-Augen-Prinzip durchzuführen“, erzählt Birgit Zeller. „Denn auf diese Weise liegt die Verantwortung nicht nur auf einer Schulter. Außerdem geht es auch um die Möglichkeit, über abweichende Einschätzungen diskutieren zu können.“ Verschiedene Einschätzungen können auch auf Grund mehrerer Deutungsmöglichkeiten bezüglich des Verhaltens der jungen Menschen im Gespräch entstehen. „Es ist eine große Herausforderung, Verhalten angemessen zu deuten – besonders, wenn man den Menschen nicht kennt“, sagt Irmela Wiesinger. „Ist beispielsweise Zurückhaltung ein Zeichen für Angst, für eine mögliche Traumatisierung oder eine bewusste Entscheidung des jungen Menschen, weil er keine Auskunft geben möchte? Genau deswegen, weil es mehrere Deutungsebenen gibt, ist der Austausch unter den Fachkräften so wichtig.“

Zu den verschiedenen Deutungsebenen kämen noch die kulturbedingten Unterschiede, so Udo Casper. „Es gibt beispielsweise Länder, in denen es schon fast gefährlich wäre, wenn der junge Mensch auf Augenhöhe mit der Behörde sprechen würde. Zum Beispiel jemanden beim Sprechen in die Augen zu schauen, würde in manchen Ländern harte Konsequenzen haben. Dort wird erwartet, dass man in Gesprächen mit Behörden die Augen niederschlägt und nur in kurzen Sätzen antwortet.“ Man müsse vor Augen haben, dass der junge Mensch vielleicht frei reden könnte, aber es einfach nicht kennt, sich einer Behörde gegenüber so zu verhalten.

Regelmäßige Teamtreffen, kollegiale Beratung und Fortbildungen

Alle befragten Jugendämter schätzen den kollegialen Fachaustausch als sehr hoch ein – nicht nur im Zuge der Gespräche zur Altersfeststellung. Für diesen Austausch haben die Jugendämter in Stuttgart, Bremen und dem Main-Taunus-Kreis verschiedene Formate. So trifft sich in Bremen die Fachgruppe „Unbegleitete minderjährige Ausländer/innen“ alle 14 Tage. „Dort haben wir die Möglichkeit, über bestehende Herausforderungen und erforderliche Anpassungen zu sprechen“, sagt Udo Casper. In Stuttgart gibt es für das Team, das für die Alterseinschätzung zuständig ist, vier Mal im Jahr ein Treffen. „Bei den Treffen besprechen wir aktuelle Themen und Schwierigkeiten“, sagt Martin Schlosser. „Zum Beispiel kommt es vor, dass Jugendliche gar nichts in dem Gespräch sagen. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Jedoch muss man in der Alterseinschätzung damit umgehen. Solche Fragen können gut in der Teamrunde besprochen werden.“ So auch im Main-Taunus-Kreis: „Unsere Formate wie kollegiale Beratung, Supervision und die Teamrunde sind ungemein wichtig“, sagt Irmela Wiesinger. „Denn man muss stets seine Verfahren und Methoden den aktuellen Begebenheiten anpassen – das funktioniert am besten im engen und wertschätzenden Austausch untereinander.“

Dolmetscher als Kulturmittler

Ein weiterer Garant für eine gute Altersfeststellung ist die Anwesenheit eines Dolmetschers. Nur so ist gesichert, dass der junge Mensch und die anwesenden Fachkräfte im Gespräch alles verstehen. „Wir legen Wert darauf, dass unsere Dolmetscher Personen sind, die unser Jugendhilfesystem verstehen und erklären können“, berichtet Irmela Wiesinger. „Es reicht nicht, die Begriffe wie Vormundschaft oder Inobhutnahme 1:1 zu übersetzen: Man muss sie auch erklären können. Damit reicht die Aufgabe neben dem Übersetzen ebenfalls in den Bereich der Kulturmittelung.“ Eine weitere Herausforderung, bei welcher Dolmetscher unterstützen könnten, „beginnt dort, wo die jungen Menschen Identitätsdokumente zur Alterseinschätzung mitbringen“, erzählt Martin Schlosser vom Jugendamt Stuttgart. „Wenn es sich um einen international lesbaren Pass handelt, ist das natürlich kein Problem. Schwierig wird es dann, wenn wir die Kopie einer Kopie von einem Dokument haben, welches wir nicht kennen. Oft ist es uns nicht möglich, die Echtheit eines Dokuments zu bewerten. Zudem liegt unsere Kernkompetenz nicht darin, Identitätsdokumente zu analysieren.“ Eine Möglichkeit sei beispielsweise, den Dolmetscher als Berater hinzuzuziehen. „Aber dadurch verschwimmen bereits die Kompetenzen. Im Grunde braucht es in diesem Bereich eine bessere Zusammenarbeit der verschiedenen Stellen“, sagt Schlosser.

Alle Akteure an einen Tisch

„Die Altersfeststellung ist gemeinsam mit der Kindeswohlprüfung eine hoheitliche Aufgabe der Jugendämter“, sagt Birgit Zeller. Doch wie erreicht man eine breite Akzeptanz für das Ergebnis der Altersfeststellung in der eigenen Kommune? Diese Frage stellte sich vor einigen Jahren das Jugendamt Stuttgart. „Bei uns gibt es seit 2014 ein Austauschgremium mit dem Sozialamt, der Ausländerbehörde, der Polizei und verschiedenen Stellen des Jugendamts. Zwei bis vier Mal im Jahr kommt das Gremium zusammen, um sich abzustimmen und bestehende Herausforderungen zu besprechen“, erzählt Martin Schlosser. Beispielsweise können in dem Gremium auch unterschiedliche Sichtweisen zur Altersfeststellung diskutiert werden. Der Vorteil liege darin, so Schlosser, dass Entscheidungen des Gremiums von allen beteiligten Akteuren und Behörden getragen werden. „Auf diese Weise konnte es gelingen, eine flächendeckende Akzeptanz für unsere Alterseinschätzung in ganz Stuttgart herzustellen“, berichtet Martin Schlosser. „Natürlich kommen ab und an noch Unstimmigkeiten auf, aber das gemeinsame Gesprächsformat hat einiges verbessert.“

Was tun bei Zweifelsfällen?

Nicht immer könne im ersten Gespräch zweifelsfrei Minderjährigkeit festgestellt oder ausgeschlossen werden. In solchen Fällen kommen junge Geflüchtete im Main-Taunus-Kreis zunächst wieder in der Jugendhilfeeinrichtung für ein paar Tage in Obhut. Anschließend gibt es ein zweites Gespräch zur Alterseinschätzung, welches zwei Mitarbeitende durchführen, welche am ersten Gespräch nicht beteiligt waren. Nach diesem ergänzenden Gespräch kommen die vier Fachkolleginnen für eine Fallreflexion zusammen und treffen die Einschätzung. „Wie oft habe ich es erlebt, dass ich einen jungen Mann drei Tage später in der Jugendhilfeeinrichtung gesehen habe, nachdem er geschlafen und gegessen hat sowie ein wenig zur Ruhe gekommen ist und ich sofort den Eindruck hatte: Ja klar, da steht ein Jugendlicher vor mir – wo ich vorher Zweifel hatte“, berichtet Irmela Wiesinger. Das kann Frau Zeller bestätigen: „Die äußere Reife korrespondiert oftmals nicht mit der inneren Reife oder der Hilfebedürftigkeit. Unter Umständen kann der körperliche Reifungsprozess auch schneller verlaufen.“ „Wenn wir davon ausgehen, dass der junge Mensch volljährig ist, aber die Minderjährigkeit nicht hundertprozentig ausschließen können, dann, und nur dann, bieten wir dem jungen Menschen eine medizinische Untersuchung als zusätzliches Kriterium an“, sagt Udo Casper. „Willigt der junge Mensch in die Untersuchung ein, können wir das Ergebnis der Untersuchung in unsere Überlegung miteinbeziehen.“

Auf die eigene Fachlichkeit vertrauen

In den Gesprächen mit den verschiedenen Jugendämtern wurde klar, dass die Alterseinschätzung von jungen Geflüchteten mit Herausforderungen verbunden ist. Dass diese jedoch mit den bewährten pädagogischen Methoden und Erfahrungen der qualifizierten Inaugenscheinnahme gut überwunden werden können. „Man sollte auf die Qualität der eigenen Arbeit vertrauen und sich auf seine eigene Qualifikation im Bereich der Altersfeststellung verlassen“, bestärkt Birgit Zeller Mitarbeitende in Jugendämtern. „Diese Grundhaltung“, ergänzt Irmela Wiesinger, „dürfen wir uns nicht nehmen lassen. Wir können mit aufrechten Rücken zu unserem Vorgehen stehen und sagen: Wir haben die fachlichen Standards, die von den Landesjugendämtern empfohlen werden, und wir haben in dem Bereich langjährige Erfahrung.“

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