Ausbildung und Berufseinstieg

Ausbildungscoaching für geflüchtete Jugendliche

Florian Eichenmüller ist Ausbildungscoach bei Grünbau gGmbH. Der Sozialwissenschaftler unterstützt junge Geflüchtete und Neuzuwanderer bei der Suche nach einer geeigneten Ausbildungsstelle, Arbeit oder Qualifizierung. Unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus und der rechtlichen Zuständigkeit werden die jungen Menschen unterstützt.

Willkommen bei Freunden (WbF): Wie kommen das Ausbildungscoaching von Grünbau und junge Geflüchtete zusammen?

Florian Eichenmüller: Am Anfang des Projekts haben wir Kontakt mit den Schulen aufgenommen, die Willkommens- und Auffangklassen haben und dort mit den Schulsozialarbeitern gesprochen. Die wissen am besten, wann das Thema für ihre Schülerinnen und Schüler interessant wird. Hier in Dortmund gibt es außerdem einen außerschulischen Lernort für junge Flüchtlinge und EU-Zuwanderer. Auch dort akquirieren wir Teilnehmer. Manchmal ruft auch jemand von der Arbeitsagentur an, da sie wissen, dass wir Experten auf dem Gebiet sind. Inzwischen läuft aber auch ganz viel über Mund zu Mund Propaganda. Ehemalige Teilnehmer erzählen anderen von ihren Erfahrungen und die schauen dann bei uns vorbei.

WbF: Welche Angebote macht das Ausbildungscoaching von Grünbau?

Eichenmüller: Das Angebot reicht von der allerersten Orientierung, wohin es beruflich mal gehen könnte, über Informationen zum deutschen Ausbildungssystem bis hin zur konkreten Suche nach einem Ausbildungsplatz. Das richtet sich auch danach, welchen oder ob der Jugendlichen einen Schulabschluss hat, entweder in Deutschland oder aus dem Heimatland, der hier anerkannt wird.
Die Bewerbungsphase selber unterscheidet sich nicht groß von der anderer Jugendlicher: Stellenakquise, Betriebe ansprechen und Bewerbungen schreiben. Erst wenn wir eine passende Stelle gefunden haben, kommen die ganzen ausländerrechtlichen Angelegenheiten hinzu. Viele Teilnehmer unseres Programms sind nur geduldet oder noch mitten im Asylverfahren. Dann müssen wir für den Ausbildungsplatz eine Erlaubnis erwirken. Das können wir aber erst ganz zum Schluss machen.

WbF: Wie viele Geflüchtete haben Sie im Programm?

Eichenmüller: Wir sind kein Projekt mit einer begrenzten Zahl vom Plätzen, insgesamt haben wir in den letzten zwei Jahren circa 200 junge Geflüchtete betreut. Deren Anliegen sind dabei ganz unterschiedlich. Eine sucht ein Schülerpraktikum und kommt nur einmal vorbei. Ein anderer kommt jede Woche über zwei Jahre, vom Aufwand für die einzelnen Teilnehmer ist das sehr unterschiedlich. Aktuell arbeiten wir mit etwa 30 Jugendlichen.

WbF: Welche Voraussetzungen müssen die jungen Geflüchteten mitbringen, um am Programm von Grünbau teilzunehmen?

Eichenmüller: Die Basis, um mit uns ins Gespräch zu kommen, sind Deutschkenntnisse. Daher schauen wir zu Beginn wie die Deutschkenntnisse der Jugendlichen sind. Wir arbeiten sehr selten und auch ungern mit Übersetzern. Für eine Ausbildung sind Sprachkenntnisse eine wichtige Voraussetzung. Natürlich kommen auch Leute mit keinen oder nur geringen Deutschkenntnisse zu uns. Dann helfen wir bei Vermittlung von Sprachkurse, aber das ist nicht unser Spezialgebiet.

WbF: Wie überzeugen Sie Firmen jungen Geflüchteten ohne gesicherten Aufenthaltsstatus einen Ausbildungsplatz zu geben?

Eichenmüller: Mein Standardargument ist, dass es einem Betrieb mit jedem Azubi passieren kann, dass er seine Ausbildung abbricht. Die Abbruchquote ist allgemein sehr hoch. Das wissen die Betriebe auch. Viele deutsche Auszubildende brechen aus den verschiedensten Gründen ab: Einfach keine Lust mehr oder die Freundin wohnt in einer anderen Stadt und da wollen sie jetzt auch hin. Das Risiko aus solchen Gründen seine Ausbildung nicht zu beenden, ist bei Geflüchteten deutlich geringer. Die Ausbildung hat für sie oftmals einen ganz anderen Stellenwert, weil sie für die Aufenthaltserlaubnis sehr wichtig ist. Die Gefahr aus einer laufenden Ausbildung abgeschoben zu werden, ist sehr gering. Das ist allerdings auch regional unterschiedlich. Grundsätzlich erlebe ich aber bei den Telefonaten mit den Betrieben fast nur positive Rückmeldungen, große Offenheit und Verständnis.

WbF: Welche bürokratischen Herausforderungen gibt es?

Eichenmüller: Wir versuchen den Betrieben die anfallenden Behördengänge abzunehmen, weil darauf kein Arbeitgeber Lust hat. Praktisch heißt das, sobald wir einen Ausbildungsvertrag in den Händen halten, gehen wir damit zur Ausländerbehörde und versuchen eine Erlaubnis zu bekommen. Wir können natürlich keine Versprechen geben, dass das immer klappt. Die Arbeitgeber müssen sich in dem Bereich jedoch erst einmal um nichts kümmern. Das Schlimmste was den Arbeitgebern passieren kann, ist, dass den Jugendlichen keine Erlaubnis erteilt wird und sie sich einen neuen Kandidaten suchen müssen.

WbF: Und wie motivieren Sie junge Geflüchtete trotz ihres ungeklärten Status, sich um eine Ausbildung zu kümmern?

Eichenmüller: Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass sich über eine Ausbildung der Aufenthaltsstatus sichern lässt. Wenn man eine abgeschlossene Berufsausbildung hat, die mindestens zwei Jahre gedauert hat und dann auch in diesem Beruf Arbeit findet, kann man darüber eine Aufenthaltserlaubnis bekommen.

Ein Problem, das hingegen öfter vorkommt, ist, dass die jungen Menschen gerne sofort arbeiten und Geld verdienen wollen, weil sie vielleicht noch Schulden wegen der Flucht haben oder ihre Familie in der Heimat unterstützen wollen. Da sagen wir ihnen immer, dass es langfristig sinnvoller ist, erstmal die nächsten zwei bis drei Jahre wenig zu verdienen, dafür aber eine abgeschlossene Ausbildung zu haben. Sonst müssen sie sich ein Leben lang mit irgendwelchen Helferjobs rumschlagen ohne Aussicht auf Aufstiegschancen.

WbF: Können Sie uns von einem aktuellen Beispiel eines jungen Geflüchteten erzählen?

Eichenmüller: Es gibt ein sehr schönes Beispiel: Akmal kam im Dezember 2014 das erste Mal zu uns zum Ausbildungscoaching. Er hatte gerade seine mittlere Reife gemacht und wusste nicht ganz genau, ob er lieber Elektriker oder Krankenpfleger werden möchte. Da er nur geduldet und sein Asylantrag abgelehnt worden war, hatte er große Angst vor Abschiebung.
Da es einfacher war, einen Praktikumsplatz als Elektriker zu bekommen, hat er das zunächst gemacht. Die Arbeit hat ihm sehr gut gefallen und auch der Arbeitgeber meinte, dass er seit langer Zeit nicht mehr einen so fleißigen und motivierten Praktikanten hatte. Daraufhin hat er ihm einen Ausbildungsplatz angeboten. Und nach längerem Hin und Her hat er auch eine Ausbildungserlaubnis bekommen.

Die Ausländerbehörde verlangt dafür oft eine Identitätsklärung. Denn viele Leute, die nur geduldet sind, haben auch keine Ausweispapiere. Genau dieser Punkt ist aber sehr Angst besetzt bei den jungen Leuten. Sie haben immer gelernt: Sobald du einen Pass abgibst, kannst du auch abgeschoben werden. Daher muss man intensive Vertrauensarbeit leisten. Am Ende konnte Akmal aber mit seiner Ausbildung beginnen.

WbF: Welche Tipps können sie anderen Initiativen geben, die in ihrer Region Ähnliches initiieren wollen?

Eichenmüller: Ein Erfolgsfaktor ist, dass wir ganz viel Energie ins Netzwerken gesteckt haben. Auch bei komplizierten Fragestellungen haben wir einen kompetenten Ansprechpartner in den Behörden. Und immer mehr Betriebe gehören zu unseren Partnern. Das hilft sehr bei unserer Arbeit.
Hier in Dortmund hat mittlerweile die Handwerkskammer auch ein großes Ausbildungsprojekt für Geflüchtete. Die Nachfrage ist so groß, dass wir es personell gar nicht alles abdecken können. Daher vermitteln wir uns auch gegenseitig Kontakte.

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