Gesundheit und medizinische Versorgung

Berliner Netzwerk unterstützt traumatisierte Geflüchtete

Ein Berliner Netzwerk, bestehend aus dem Verein XENION Psychosoziale Hilfen für politisch Verfolgte e. V., dem Gesundheitsamt und Ehrenamtlichen, betreut erfolgreich traumatisierte Geflüchtete. Alexandra Schulz, Projektkoordinatorin bei XENION für die psychosoziale und psychologische Versorgung in den Flüchtlingsunterkünften, erzählt im Gespräch mit „Willkommen bei Freunden“ wann sich das Netzwerk gebildet hat, wie es arbeitet und was man bei einer Übertragung dieses Modells beachten sollte.

Willkommen bei Freunden (WbF): XENION ermöglicht mit Hilfe eines Netzwerks, bestehend aus dem Gesundheitsamt sowie ehrenamtlichen Psychotherapeuten und Ärzten, die Unterstützung von traumatisierten Geflüchteten in Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Wie ist dieses Netzwerk entstanden?

Alexandra Schulz: Vor einem Jahr hat das Gesundheitsamt über den Amtsarzt Dr. Beyer Ehrenamtliche aufgerufen, um die psychosoziale und psychologische Versorgung der Flüchtlinge im Bezirk sicherzustellen. Diese Initiative hat sich aus dem Willkommensbündnis Steglitz-Zehlendorf heraus entwickelt. Im September, Oktober letzten Jahres wurde deutlich, dass die Ehrenamtlichen zwar sehr aktiv in den Flüchtlingsunterkünften waren, aber es an gewissen Strukturen und fachlicher Begleitung bedarf. Denn nicht alle Psychotherapeuten und Ärzte sind unbedingt mit den Themen Krieg, Flucht und Gewalt konfrontiert. So hat das Gesundheitsamt den bezirklichen Auftrag an XENION vergeben, die Ehrenamtlichen zu koordinieren und fachlich zu betreuen.

WbF: Wie genau arbeitet das Netzwerk?

Schulz: Das funktioniert so: Wir haben direkt vor Ort in den Flüchtlingsunterkünften psychosoziale Angebote. Diese Angebote sind vor allen Dingen unsere offene psychosoziale Sprechstunde, Gesprächskreise, kunsttherapeutische Angebote, Sozialberatungen für asylverfahrensrechtliche Fragen, Psychoedukation für Sozialbetreuer und Supervisionen. Das wird alles, außer die Sozialberatung, aus dem Fundus der Ehrenamtlichen gespeist.

WbF: Wie genau läuft die offene Sprechstunde ab?

Schulz: Das ist ein ganz wichtiger Ankerpunkt für unsere Arbeit. Mit den Eindrücken aus diesen Gesprächen schauen wir, was die jeweilige Person eigentlich benötigt. Wir vermitteln also aus der Sprechstunde heraus in andere bestehende Angebote. Das ist ganz sinnvoll, da es häufig um eine Desorientierung der Betroffenen geht. Denn oft ist es nicht klar, wie unser Versorgungssystem funktioniert. Es kann aber auch sein, dass Geflüchtete, die ganz starke Traumafolgestörungen zeigen, von uns direkt einen Therapieplatz erhalten. Denn es gibt ansonsten nicht so viele Möglichkeiten.

Entweder werden sie in die Klinik geschickt. Das läuft jedoch so ab, dass sie nach zwei, drei Tagen, nachdem sie Medikamente bekommen haben, wieder in den Flüchtlingsunterkünften sind. Oder man kann die jeweiligen Personen in die Grundregelversorgung bei psychologischen Problemen vermitteln. Das Problem dabei ist jedoch, das Geflüchtete erstens oftmals gar nicht wissen, wie sie das machen soll. Zweitens gibt es Sprachprobleme. Drittens gibt es seitens der therapeutischen Versorgung nicht unbedingt den Run, sag ich mal, sich Geflüchteten anzunehmen, weil es immer kompliziert ist. Die Dolmetscherfrage ist nicht immer geklärt oder die Vergütung beziehungsweise die Abrechnung ist nicht geregelt. Deswegen haben die Psychotherapeuten und Ärzte aus unserem Netzwerk gesagt: „Okay, schickt sie zu uns.“ Das machen wir jedoch nur, wenn sich die Ärzte und Psychotherapeuten fachlich an XENION anbinden.

WbF: Wozu braucht es diese fachliche Anbindung?

Schulz: Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht. Erstens wissen wir, wo die Menschen bleiben. Zweitens braucht es einen fachlichen Austausch für die Psychotherapeuten und Ärzte, die mit Flüchtlingen in Therapie arbeiten im Sinne von Expertise und Qualität. Zudem stellen wir Dolmetscher zur Verfügung, die für diesen speziellen Bereich der Übersetzung geschult sind und bezahlt werden. Man kann hier nicht, wie üblicherweise, Personen einsetzen, die selbst noch sehr nah an dem Thema dran sind. Damit habe ich keinen guten Erfahrungen gemacht. Denn in den Gesprächen werden die Dolmetscher unmittelbar, ungefiltert mit den Fluchtgeschichten konfrontiert. Sie laufen Gefahr sekundärtraumatisiert zu werden. Daher bieten wir für alle, die bei uns im Netzwerk arbeiten, auch Supervisionen an. Damit alle weiterhin gesund und fit bleiben.

WbF: Was müssen andere Kommunen beachten, wenn sie Ihren Ansatz bei sich vor Ort übernehmen möchten?

Schulz: Letztendlich könnte man das Modellprojekt 1:1 auf andere Bezirke übertragen. Folgende Voraussetzungen müssten jedoch gegeben sein: zum einen eine enge Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt. Wir haben einfach Fälle, die so schwierig sind, dass man eine gemeinsame Überlegung für den Bezirk braucht. Zum anderen braucht man in den einzelnen Ämtern und Behörden ein generelles interkulturelles Verständnis. Der Weg dahin ist oft lang. Zudem müssen aber auch die Rahmenbedingungen für die Behörden geschaffen werden.Natürlich braucht es auch eine enge Zusammenarbeit und eine Kooperationsvereinbarung mit den einzelnen Flüchtlingsunterkünften und deren Betreibern. Das ist nicht zu unterschätzen.

Dann ist eine vernünftige Finanzierung notwendig. Das Ehrenamt füllt ja eine Versorgungslücke aus. Das geht für eine gewisse Zeit gut. Irgendwann erlahmt das aber. Weiterhin sind klare Strukturen notwendig. Es braucht ein klares Konzept. Die einzelnen psychosozialen Angebote müssen vernünftig konzeptionell hinterfüllt sein. Das bedeutet, wenn sie zum Beispiel Gesprächskreise anbieten, dann kann sich nicht jeder einmal hinsetzen und sagen: „Ja, ich mache jetzt mal einen Gesprächskreis.“ Wir haben dafür beispielsweise einen Leitfaden. In dem steht unter anderem, dass das Angebot niedrigschwellig ist, um möglichst der Gefahr der Retraumatisierungen entgegenzuwirken. Das Ganze steht und fällt natürlich auch mit der Freude, die man daran hat.

WbF: Vielen Dank für Ihre Zeit.

Schulz: Sehr gerne.

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