Jugendarbeit und Ehrenamt

Beteiligung in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe

Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe unterstützen seit 2015 zunehmend auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Die Aufnahme und Betreuung der jungen Geflüchteten stellt neue Herausforderungen an die Einrichtungen. Dazu sprachen wir mit Prof. Dr. Petra Mund, Professorin für Sozialarbeitswissenschaften und Sozialmanagement an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und Mitglied des Fachbeirats von „Willkommen bei Freunden“. Dabei ging es speziell um die Beteiligungsmöglichkeiten junger Geflüchteter.

Willkommen bei Freunden (WbF): Warum sind Beteiligungsmöglichkeiten speziell für junge Geflüchtete in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe wichtig?

Prof. Dr. Petra Mund: Vorab möchte ich betonen, dass Beteiligung, unabhängig der Herkunft der Kinder, immer ein wichtiger Bestandteil für erfolgreiche Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe ist. Zudem ist die Beteiligung auch in Paragraph acht SGB VIII (Achtes Sozialgesetzbuch, Anmerkung der Redaktion) rechtlich verankert. Bei jungen Geflüchteten ist auf der einen Seite besonders der Blick auf die Vulnerabilität der Kinder und Jugendlichen wichtig. Auf der anderen Seite dürfen jedoch nicht die Handlungsfähigkeit, die Stärken und Potenziale der jungen Geflüchteten außer Acht gelassen werden. In dem Hinblick sind Beteiligungsprozesse entscheidend, damit geflüchtete Kinder und Jugendliche nicht in ihren Stärken und Potenzialen beschnitten werden. Das ist eindeutig ein Spannungsfeld, was es auszutarieren gilt.

WbF: Welche Beteiligungsformate gibt es für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge während der Clearingphase?

Mund: Zunächst muss man sich anschauen, was Aufgabe und Ziel der Clearingphase ist. Nach der vorläufigen Inobhutnahme klärt die Clearingphase vertiefend zentrale Fragen zum Gesundheitszustand, Fluchtursachen, Familienkontext und möglichen Anschlussmaßnahmen. Es geht um die Entwicklung von Perspektiven für die jungen Geflüchteten. Da ist Beteiligung von besonderer Bedeutung. Bei allen Fragen, die sich in dieser Phase ergeben beziehungsweise angesprochen werden, muss sich Beteiligung als kohärentes Qualitätsmerkmal durchziehen.

WbF: Wie kann das konkret aussehen?

Mund: In Gesprächen müssen die Jugendlichen die Möglichkeit haben, sich einzubringen. Das hat zur Voraussetzung, das Dolmetscherinnen und Dolmetscher anwesend sind, damit ihre Stimme nicht nur Gehör findet, sondern auch verstanden wird. Zudem müssen den jungen Geflüchteten verschiedene Möglichkeiten vorgestellt werden, damit sie überhaupt eine Wahl haben. Das ist mit dem Wunsch- und Wahlrecht im Achten Sozialgesetzbuch gesetzlich verankert. Ebenso schreibt die UN-Kinderrechtskonvention die vorrangige Berücksichtigung des Kindeswillens in allen das Kind betreffenden Angelegenheiten vor. Darunter zählt beispielsweise, dass unbegleitete minderjährige Flüchtlinge die Möglichkeit bekommen, sich verschiedene Clearingeinrichtungen anzuschauen und darunter frei wählen zu können. Das ist natürlich in Hinblick auf Kapazitäten und Ressourcen eine Herausforderung, aber eine Herausforderung, mit der sich die Kinder- und Jugendhilfe auseinandersetzen muss.

WbF: Ende 2015 wurde die Inobhutnahme für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gesetzlich geändert. Seitdem werden die jungen Geflüchteten zunächst vorläufig in Obhut genommen. Innerhalb von sieben Werktagen muss entschieden werden, ob das jeweilige Kind in eine andere Einrichtung, mitunter in ein anderes Bundesland, umverteilt werden kann. Weitere sieben Werktage stehen für die bürokratische Abwicklung zur Verfügung. Wie viel Beteiligung lässt diese Regelung zu?

Mund: Ich sehe das sehr kritisch, ob während der vorläufigen Inobhutnahme wirkliche Beteiligung möglich ist. Sie haben das Spannungsfeld bezüglich des zeitlichen Drucks bereits benannt. Oft kommt ein weiteres Element hinzu, welches diese Situation weiter verschärft: die quantitative Ausstattung mit Fachkräften. Es ist sehr schwierig in dieser kurzen Zeit ein beteiligungsförderndes Klima zu entwickeln. Denn zunächst muss ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden, um Wünsche überhaupt äußern zu können. Das ist erst nach der Aufklärung über die Rechte und Möglichkeiten möglich. Letztendlich steht der Ablauf der vorläufigen Inobhutnahme im Widerspruch zu zentralen Paradigmen der Kinder- und Jugendhilfe.

WbF: Inwiefern müssen Beteiligungsformate der Kinder- und Jugendhilfe für junge Geflüchtete angepasst werden?

Mund: Ich denke nicht, dass es unbedingt anderer Strukturen für die Gruppe der jungen Geflüchteten bedarf. Manche Einrichtungen müssen sich jedoch grundsätzlich Gedanken darüber machen, ob sie Kinder und Jugendliche tatsächlich beteiligen oder nur scheinbare Beteiligungsformate, also Alibi-Angebote, anbieten. Es geht darum, Ziele gemeinsam zu entwickeln und die Jugendlichen auf ihren Weg zu begleiten. Es reicht nicht, Jugendliche einfach teilhaben zu lassen, auch wenn die Angebote qualitativ gut sind. Die konkreten Ansätze und Methoden müssen dann natürlich zielgruppenspezifisch sein. Daher braucht es unterschiedliche Beteiligungsformate für beispielsweise junge Geflüchtete, die bereits viele wichtige Entscheidungen für sich treffen mussten.

WbF: Ein Weg der Beteiligung in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sind beispielsweise auch Beschwerdemöglichkeiten. Inwiefern müssen solche Möglichkeiten an die sprachlichen Voraussetzungen der jungen Geflüchteten angepasst werden?

Mund: Zuerst müssen alle Beteiligungsmöglichkeiten sprachlich zugänglich gemacht werden. Geflüchtete Kinder und Jugendliche müssen über ihre Möglichkeiten und Rechte informiert werden. Natürlich auch darüber, was Rechtsverletzungen sein können und wie man sich darüber beschweren kann. Grundsätzlich wissen wir, dass schriftliche Beschwerdemöglichkeiten nur einen Teil von Beschwerdesystemen ausmachen können. Die Bereitschaft, sich schriftlich über eklatante Rechtsverletzungen zu beschweren, besteht nicht immer. Als ein Baustein braucht es sicherlich Möglichkeiten in den verschiedenen Herkunftssprachen der jungen Geflüchteten. Es braucht aber auch Möglichkeiten, sich mündlich zu beschweren. Das setzt die Kompetenz auf Seiten der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen voraus, diese Beschwerden auch zu verstehen.

WbF: Beteiligung ist nicht für alle jungen Geflüchteten ein bekanntes Modell. Wie qualifiziert man junge Geflüchtete dazu, sich zu beteiligen, wenn sie denn möchten?

Mund: Zunächst, indem man versucht, trotz des zeitlichen Drucks, bereits von Anfang an auf Möglichkeiten der Beteiligung und Beschwerde hinzuweisen. Das muss immer wieder zum Ausdruck gebracht werden. Situationen sollten so gestaltet sein, dass der Zeitdruck nicht über allem steht. Außerdem muss es in Bezug auf Beschwerdemöglichkeiten mehrere Wege geben, sich zu beschweren. Zum Beispiel muss es auch externe Beschwerdemöglichkeiten geben. Das bedeutet: verschiedene Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner müssen sich für Beschwerden zuständig fühlen. Ich meine damit im speziellen das Jugendamt und den Vormund. Der Vormund spielt dabei eine sehr wichtige Rolle. Besonders, weil er eine Vertrauensperson darstellt, beziehungsweise im besten Fall darstellen sollte.

WbF: Welche Chancen bestehen, bei einer gelungenen Partizipation von jungen Geflüchteten, für die Einrichtungen selbst?

Mund: Für mich sind der Aufbau und die Weiterentwicklung von Beteiligung und Beschwerdemöglichkeiten Motoren für die Organisationsentwicklung. Es ist ein enormes Potenzial, sich nicht nur fachlich weiterzuentwickeln, sondern auch tatsächlich lebensweltorient zu arbeiten. Dafür brauchen Einrichtungen einen langen Atem. Die Gefahr ist im alltäglichen Prozess groß, schnell in Muster zu verfallen wie: „Ich entscheide jetzt mal schnell für dich.“ Es muss ein Versuch des Verstehens von Lebensgeschichte, Lebenswelt und Zukunftswünschen der jungen Geflüchteten unternommen werden. Nicht nur einmal, sondern immer wieder.

WbF: Vielen Dank für das Gespräch.

Mund: Sehr gerne.

Relevante Gesetzestexte

Berücksichtigung des Kindeswillens (UN-Kinderrechtskonvention, Artikel 12)

„Die Vertragsstaaten sichern dem Kind, das fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und berücksichtigen die Meinung des Kindes angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife. Zu diesem Zweck wird dem Kind insbesondere Gelegenheit gegeben, in allen das Kind berührenden Gerichts- oder Verwaltungsverfahren entweder unmittelbar oder durch einen Vertreter oder eine geeignete Stelle im Einklang mit den innerstaatlichen Verfahrensvorschriften gehört zu werden.”

(Quelle: www.kinderrechtskonvention.info/uebereinkommen-ueber-die-rechte-des-kindes-370/)

Wunsch- und Wahlrecht (§5 SGB VIII)

„(1) Die Leistungsberechtigten haben das Recht, zwischen Einrichtungen und Diensten verschiedener Träger zu wählen und Wünsche hinsichtlich der Gestaltung der Hilfe zu äußern. Sie sind auf dieses Recht hinzuweisen.

(2) Der Wahl und den Wünschen soll entsprochen werden, sofern dies nicht mit unverhältnismäßigen Mehrkosten verbunden ist. Wünscht der Leistungsberechtigte die Erbringung einer in § 78a genannten Leistung in einer Einrichtung, mit deren Träger keine Vereinbarungen nach § 78b bestehen, so soll der Wahl nur entsprochen werden, wenn die Erbringung der Leistung in dieser Einrichtung im Einzelfall oder nach Maßgabe des Hilfeplanes (§ 36) geboten ist.”

(Quelle: www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/__5.html)

Beteiligung von Kindern und Jugendlichen (§ 8 SGB VIII)

„(1) Kinder und Jugendliche sind entsprechend ihrem Entwicklungsstand an allen sie betreffenden Entscheidungen der öffentlichen Jugendhilfe zu beteiligen. Sie sind in geeigneter Weise auf ihre Rechte im Verwaltungsverfahren sowie im Verfahren vor dem Familiengericht und dem Verwaltungsgericht hinzuweisen.

(2) Kinder und Jugendliche haben das Recht, sich in allen Angelegenheiten der Erziehung und Entwicklung an das Jugendamt zu wenden.

(3) Kinder und Jugendliche haben Anspruch auf Beratung ohne Kenntnis des Personensorgeberechtigten, wenn die Beratung auf Grund einer Not- und Konfliktlage erforderlich ist und solange durch die Mitteilung an den Personensorgeberechtigten der Beratungszweck vereitelt würde. § 36 des Ersten Buches bleibt unberührt.”

(Quelle: www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/__8.html)

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