Kommune

Bildungs- und Freizeitangebote für geflüchtete Familien

Damit sich geflüchtete Kinder und ihre Familien in Deutschland integrieren können, brauchen sie Kenntnisse der deutschen Sprache und Kultur. Ebenso wichtig ist der Kontakt mit anderen Kindern und Erwachsenen aus Deutschland. Sprach-, Bildungs- und Freizeitangebote können dabei helfen. Diese Angebote brauchen an vielen Orten nicht neu erfunden werden. Denn deutsche Städte und Gemeinden haben bereits ein breites Angebot an Kinder- und Familienangeboten.

Viele Kinder, die mit ihren Familien nach Deutschland geflüchtet sind, leben in Gemeinschaftsunterkünften. Dort sind die Wohn- und Lebensbedingungen häufig nicht familiengerecht. Das liegt zum einen an der beengten Unterbringung. Es fehlt an privaten Rückzugsorten, altersgerechten Räumen für Kinder und Kochmöglichkeiten für die Familien. Zum anderen reicht das vorhandene Freizeit- und Bildungsangebot in den Gemeinschaftsunterkünften häufig nicht aus, damit sich alle Kinder ausreichend beschäftigen können. Gleiches gilt für die Eltern geflüchteter Kinder.

Zusammenarbeit mit regionalen Partnern

Um ein breiteres Sprach-, Bildungs- und Betreuungsangebot anbieten zu können, arbeiten einige Gemeinschaftsunterkünfte bereits eng mit Migrantenselbstorganisationen, Moscheevereinen, Wohlfahrtsverbänden, ehrenamtlichen Initiativen und freien Trägern zusammen. Diese betreuen beispielsweise die Kinder bei ihren Hausaufgaben, üben mit jungen Geflüchteten Theaterstücke ein, lernen mit den Erwachsenen Deutsch oder erproben mit Bewohnerinnen und Bewohnern die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel. Ein Beispiel für eine gut funktionierende Kooperation zwischen Gemeinschaftsunterkünften und Ehrenamtlichen ist der Verein „Champions ohne Grenzen“. Dieser organisiert unter anderem Fußballtrainings in Berlin und Brandenburg für Kinder und Jugendliche in Gemeinschaftsunterkünften.

Angebote der Kinder- und Jugendhilfe

Bisher liegt der Fokus der Kinder- und Jugendhilfe bezüglich der Betreuung von Geflüchteten stark auf unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Diese werden im Rahmen der Inobhutnahme durch das Jugendamt umfassend betreut und versorgt. Denn für diese spezielle Gruppe von Geflüchteten ist das Jugendamt laut Achten Sozialgesetzbuch (SGB VIII) zuständig. Von allen geflüchteten Kindern und Jugendlichen in Deutschland sind jedoch nur fünf bis zehn Prozent unbegleitet.

Für begleitete Kinder, welche mit ihren Familien nach Deutschland geflüchtet sind, ist das Jugendamt jedoch nicht explizit zuständig. Dennoch können Mitarbeitende der Kinder- und Jugendhilfe geflüchtete Kinder und Familien in Gemeinschaftsunterkünften durch regelmäßige Besuche erreichen. Ein genaues Bild der Wohn- und Lebenssituation der geflüchteten Familien ist Voraussetzung für eine individuelle Betreuung und Förderung. Denn die dort herrschenden Verhältnisse sind oft nicht kindgerecht und machen eine Unterstützung durch das Jugendamt möglich. Aber auch kommunale Koordinatoren können vorhandenen Partner aus der Zivilgesellschaft mit den Unterkünften verknüpfen. Ein gutes Beispiel ist Bremen: Dort koordinieren in manchen Unterkünften spezielle Beauftragte die Zusammenarbeit mit Einrichtungen der jeweiligen Stadtteile.

Kooperationen der Jugendämter ausweiten und intensivieren

Eine enge Zusammenarbeit mit kommunalen Behörden ist für die Jugendämter in Deutschland selbstverständlich. Um geflüchtete Familien besser zu erreichen, können diese Kooperationen ausgeweitet werden. Neben dem Schul- und Sozialamt kann ein intensiver Austausch unter anderem mit der Ausländerbehörde, den Sozialdiensten in den Gemeinschaftsunterkünften und ehrenamtlichen Initiativen eine gute Unterstützung bieten. Ebenso kann der Kontakt zu Flüchtlingsräten oder speziellen Fachverbänden den Jugendämtern dabei helfen, sich interkulturell zu öffnen. Ihr Wissen über die Situation der geflüchteten Familien und die Lage in den Herkunftsländern kann dabei unterstützen, jeden einzelnen Jugendlichen mit Fluchterfahrung besser zu verstehen.

Eine Möglichkeit diese Zusammenarbeit zu fördern, ist der Einsatz von kommunalen Koordinatoren. Sie können Prozesse begleiten und dadurch optimal steuern. Zum Beispiel wird in diesem Zusammenhang das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sogenannte Bildungskoordinatoren einsetzen. Diese sollen als zentrale Ansprechpartner Bildungsangebote für Geflüchtete in den einzelnen Regionen koordinieren und organisieren. Interessierte Kommunen können ab Anfang 2016 entsprechende Anträge stellen.

Offene Kinder- und Jugendarbeit

Städte und Gemeinde verfügen über eine facettenreiche Landschaft der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Darunter zählen im Allgemeinen Einrichtungen für Kinder und Jugendliche, Freizeitangebote, Räume zur kreativen Entfaltung und verschiedene Projekte. Im Einzelnen können das Jugendklubs, Proberäume oder auch Theaterprojekte sein. Den Angeboten ist gemeinsam, dass sie für alle Kinder und Jugendliche in Deutschland frei zugänglich sind. Trotz dieser generellen Offenheit gibt es verschiedene Hindernisse für geflüchtete Kinder und Jugendliche.

Eins davon ist beispielsweise die Lage der Gemeinschaftsunterkünfte, in denen die jungen Geflüchteten mit ihren Familien leben. Denn diese liegen häufig am Stadtrand. Von dort aus ist es für die Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung oft sehr schwer, die Angebote in der Stadt zu erreichen. Das liegt unter anderem an der fehlenden Kenntnis über die Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs, am Fahrpreis oder auch an der Angst der Eltern, ihre Kinder alleine fahren zu lassen. Aus diesem Grund bieten einige Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit Fahrdienste an. Eine enge Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Unterstützern kann dabei helfen. 

Aber auch die fehlende Information über die Angebote ist ein Hindernis für die jungen Menschen. Hier können Informationsposter in verschiedenen Sprachen und auch für nicht alphabetisierte Geflüchtete in den Gemeinschaftsunterkünften helfen. Eine andere Möglichkeit ist es, bestehende Angebote zeitweise in Räumen der Gemeinschaftsunterkunft anzubieten. Auf diese Weise haben Kinder geflüchteter Familien direkten Zugang zu den Angeboten. Insgesamt können die verschiedenen Angebote einen wichtigen Beitrag für die Integration von jungen Geflüchteten leisten und ihre Ausgrenzung vermeiden.

Mehrgenerationenhäuser

Ein anderes Beispiel für ein offenes Angebot für geflüchtete Familien sind Mehrgenerationenhäuser. Ähnlich wie die offene Kinder und Jugendarbeit, bieten diese Einrichtungen für alle Menschen in der Kommune, egal wie alt sie sind oder vorher sie ursprünglich kommen, ein ausgewogenes Freizeit- und Bildungsprogramm an. Bei diesen Angeboten steht besonders die Begegnung zwischen den unterschiedlichen Generationen im Vordergrund.

Ein gutes Beispiel für solch einen Begegnungsort ist das Mehrgenerationenhaus in Lübeck-Eichholz. Dort engagieren sich Senioren als Lotsen für geflüchtete Kinder und Jugendliche. Die Senioren-Lotsen unterstützen die jungen Geflüchteten zum Beispiel beim Deutschlernen, betreuen sie bei ihren Hausaufgaben oder begleiten sie bei Behördengängen. Doch die Unterstützung bleibt nicht einseitig. Die Jugendlichen mit Fluchterfahrung helfen ihren Lotsen beispielsweise im Garten, bei Einkäufen oder auch im Haushalt. Ältere und jüngere Menschen in Lübeck-Eichholz können so gegenseitig voneinander lernen und profitieren.

Kitas und Familienzentren

Kitas und Familienzentren spielen für geflüchtete Familien eine entscheidende Rolle für ein gelungenes Ankommen und die Chance auf Bildung und Teilhabe. Denn sie bündeln verschiedene Betreuungs-, Bildungs- und Beratungsangebote für geflüchtete Kinder und Familien an einem Ort. Dazu sind Kitas und Familienzentren für manche Familien häufig die erste Stelle, wo sie umfassend betreut werden. Darüber hinaus kommen sie dort regelmäßig mit der deutschen Sprache und Kultur in Berührung.

Insbesondere Familienzentren arbeiten beispielsweise mit Sozialämtern, Schulen und Vereinen zusammen. Je nach Bedarf kann das pädagogische Fachpersonal zusammen mit Mitarbeitenden des Sozialamts oder Jobcenters, Sparkassen und Mietervereinen Informations- und Beratungsabende zu Behörden-Bescheiden, zur Eröffnung eines Kontos oder Möglichkeiten der Wohnungssuche und Abschluss eines Mietvertrags organisieren. Hier können die Anwesenden die Eltern auch direkt beim Ausfüllen der Formulare unterstützen. Ein Familienzentrum wird dadurch zum Netzwerk für familienorientierte Angebote in der Kommune. Kinder und Familien werden so gezielt gestärkt und eingebunden.

Interkulturelle Öffnung kommunaler Institutionen

Auch städtische Schwimmbäder, Museen oder Bibliotheken können ihre Angebote für geflüchtete Menschen öffnen. Dies kann einerseits über einen ermäßigten Eintrittspreis gelingen. Andererseits sind spezielle Programme für Geflüchtete eine gute Möglichkeit. Die Staatlichen Museen zu Berlin bieten beispielsweise ein spezielles Workshop- und Führungsprogramm für Kinder, Familien und Erwachsene mit Fluchterfahrung an. Dafür stehen verschiedene Freizeitangebote in ausgewählten Museen zur Verfügung. Bei Bedarf werden diese auch von Dolmetschern begleitet.

Ein anderes Beispiel ist die Stadtbücherei Oberhausen. Diese verzichtet unter anderem bei der Anmeldung neuer Nutzer mit Fluchterfahrung auf einen Ausweis. Auf diese Weise können nicht nur anerkannte Flüchtlinge, sondern unter anderem auch Geflüchtete mit einer Duldung Bücher und Lehrmaterialien ausleihen. Ebenso ist der Mitgliedsbeitrag für geflüchtete Menschen um die Hälfte reduziert. Das sind nur einige Möglichkeiten für Kommunen, Städte oder Gemeinden ihre Einrichtungen und Angebote für geflüchtete Menschen zu öffnen. Jeder Ort geht dabei seinen eigenen Weg, mit individuellen Konzepten und Ideen. Doch der Blick in andere Kommunen kann oftmals eine gute Inspiration sein.  

Was bedeutet interkulturelle Öffnung?

Hubertus Schröer, einer der führenden Experten im Themengebiet der Interkulturellen Öffnung, beschreibt diese „als ein bewusst gestalteter Prozess, der (selbst-)reflexive Lern- und Veränderungsprozesse von und zwischen unterschiedlichen Menschen, Lebensweisen und Organisationsformen ermöglicht, wodurch Zugangsbarrieren und Abgrenzungsmechanismen in den zu öffnenden Organisationen abgebaut werden und Anerkennung ermöglicht wird.“ Der Begriff der Kultur ist dabei nicht zwangsläufig an bestimmte Herkunftsländer oder Ethnien gebunden, sondern beschreibt die Vielfalt der Lebenswelten, die es auch innerhalb Deutschlands immer schon gibt. Hier geht es besonders in Bezug auf geflüchtete Kinder und ihre Familien darum, ihnen den Zugang zu öffentlichen Einrichtungen wie verschiedenen Ämtern, Schulen und Kitas zu erleichtern. Und zwar, indem alltägliche Abläufe und Strukturen im Betrieb der jeweiligen Einrichtung nach möglichen Zugangshindernissen hinterfragt und diese nach Möglichkeit beseitigt werden.

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