Jugendarbeit und Ehrenamt

Große Hilfsbereitschaft: Bürgerschaftliches Engagement in Deutschland

Das bürgerschaftliche Engagement in Deutschland für geflüchtete Kinder und Jugendliche ist groß. Oft sind es auch Menschen, die selbst in Deutschland Schutz suchen oder gesucht haben, die sich für die bessere Integration der Kinder und Jugendlichen einsetzen. Ob spontane oder organisierte Hilfsbereitschaft: Die Hilfe von Freiwilligen ist eine große Unterstützung für den Start geflüchteter Kinder und Jugendlicher an vielen Orten in Deutschland. Doch die Arbeit der Freiwilligen steht auch vor vielen besonderen Herausforderungen - ob rechtlich, psychologisch, sprachlich oder kulturell.

Chancen und Grenzen des Ehrenamts

Die meisten Freiwilligen helfen bei Behördengängen, der Kinderbetreuung oder geben Sprachkurse. Sie engagieren sich in lokalen Nachbarschaftsinitiativen, aber auch in größeren Organisationen wie Kirchen, Moscheen, Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbänden und Vereinen. Wer sich engagieren möchte, sollte eigene Ansprüche, Erwartungen und Grenzen klären, um Enttäuschungen und Überlastungen zu vermeiden. Der Leitfaden „Herzlich Willkommen – wie man sich für Flüchtlinge engagieren kann“ zeigt, auf welche Weise sich Menschen für Geflüchtete einbringen können. Manchmal ist es gar nicht so leicht für Menschen, die sich engagieren wollen, die Orte zu finden, wo sie gebraucht werden. Damit Helfer und Initiativen schnell und einfach zusammen finden, informiert die „Willkommen bei Freunden“-App, was gerade wo gebraucht wird.

Überforderung durch ehrenamtliches Engagement

Oft arbeiten Freiwillige auch bis an die Grenzen der Erschöpfung und überschätzen ihre körperlichen, psychischen und zeitlichen Ressourcen. Zudem brauchen sie Unterstützung und Anerkennung für ihre Arbeit von staatlicher Seite. Eine Befragung des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung hat zudem ergeben, dass viel Zeit der Ehrenamtlichen immer noch in die Kommunikation mit den Behörden fließt. Lange Wartezeiten auf den Ämtern strapazieren die Zeit von so manchen Geflüchteten und Freiwilligen – Zeit, die für andere Projekte genutzt werden könnte.
In der Studie „Zivilgesellschaftliche Akteure und die Betreuung geflüchteter Menschen in deutschen Kommunen “ des Maecenata Instituts in Kooperation mit dem Deutschen Institut für Urbanistik empfehlen die Wissenschaftler, den Austausch und die Zusammenarbeit mit etablierten Organisationen wie etwa der Arbeiterwohlfahrt oder der Caritas zu verstärken und Ehrenamtliche zu beraten und zu schulen. Rudolf Speth, einer der beiden Verfasser der Studie merkt dazu an: „Staat und etablierten Organisationen spielen ihren Organisationsvorteil aus, sie haben mehr Ressourcen. Dort bekommen die Mitarbeiter Supervision, Fallbesprechung oder Coaching. Alles was die spontanen Helfergruppen nicht haben. Aber wir brauchen diese zivilgesellschaftlichen Helfergruppen und daher muss denen unter die Arme gegriffen werden.“

Qualifizierung des Ehrenamts

Ansätze der Träger der freien Wohlfahrtspflege, die ehrenamtlichen Helfer durch Koordination und Qualifizierung zu unterstützen, gibt es bereits. So hat die Caritas Schleswig-Holstein einen Leitfaden für die kommunale Arbeit mit Geflüchteten entwickelt, der eine qualifizierte aufgabenteilige Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamt zum Ziel hat. In Baden-Württemberg können sich engagierte Bürgerinnen und Bürger zu sogenannten Bürgermentoren qualifizieren. Wichtige Inhalte der Qualifizierung von Ehrenamtlichen ist neben den rechtlichen Rahmenbedingungen, Kinderschutz und Informationen zum Umgang mit Traumatisierung auch die eigene Haltung bezüglich Alltagsrassismus und der eigenen Rolle als „helfende“ Person. Workshops in diesem Bereich vermittelt zum Beispiel die „Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und Migrant_innen e. V.“ in Berlin oder „glokal e. V.“.
Initiativen werden auch selber aktiv. So unterstützt „medizin-hilft-flüchtlingen“ freiwillige Helfer, die am Rande ihrer Kräfte sind. Mit der Zeit soll ein Netz von Therapeuten entstehen, die sich gezielt um die Ehrenamtlichen kümmern können - in der Vorbereitung, Supervision und als Ansprechpartner, um Erlebtes zu verarbeiten. Aber auch das dauert seine Zeit – zumal diese neue Aufgabe nicht zulasten der psychosozialen Betreuung der Flüchtlinge gehen soll.

Willkommenskultur vor Ort fördern

Das Engagement vieler Freiwilliger erhöht vielerorts die Akzeptanz und Toleranz eines Großteils der jeweiligen Bürgerschaft gegenüber Geflüchteten. Ihre Unterstützung schafft ein helfendes und positives Klima gegenüber Menschen, die in Deutschland Schutz vor Krieg, Terror und Verfolgung suchen. Handlungsansätze und Beispiele guter Praxis zeigt die Broschüre „Willkommenskultur vs. Rechtsextremismus“ und bietet damit eine gute Grundlage für die ehrenamtliche Arbeit mit Geflüchteten.

Zusammenarbeit Haupt- und Ehrenamt

Professionelle Strukturen kann das bürgerschaftliche Engagement nicht ersetzen, jedoch sinnvoll ergänzen. Es benötigt dabei allerdings hauptamtliche Begleitung und Unterstützung. 
In vielen Städten und Gemeinden sind Flüchtlingskoordinatoren die Vermittler und Schnittstelle zwischen freiwilligen Helfern und Verwaltung. Andreas Hollstein, Bürgermeister von Altena im Sauerland berichtet im Gespräch mit „Willkommen bei Freunden“ von seiner langjährigen Erfahrung und der guten Zusammenarbeit zwischen Ehren- und Hauptamt. Ihm zufolge ist es wichtig, das Engagement durch die richtigen Strukturen aufzufangen, damit die Tatkraft der Helfenden nicht enttäuscht wird und die Hilfe auch dort ankommt, wo sie gebraucht wird. Gerade junge Freiwillige sind bereit, in ihrer freien Zeit eine Menge zu leisten. Doch gute Organisation braucht auch Kontinuität, die ohne Geld auf Dauer nicht zu leisten ist.

Kooperation auf Augenhöhe

Es ist wichtig, dass geflüchtete Menschen generell, besonders aber Kinder und Jugendliche in eine Akteursrolle kommen. Bereits ab der ersten Phase, in der sie ankommen und sich in der neuen Situation zurechtfinden, sollten Geflüchtete sich selbst organisieren und damit stärken können. Patrick Lühlow, Mitbegründer von „welt_raum“, einem Projekt, das Räume für Begegnungen schaffen will, beschreibt dies im Interview mit „Willkommen bei Freunden“ so: „Wir wollen keine Asymmetrien schaffen, die immer mit einem Helfer-Geholfenen Verhältnis einhergehen. Das sind alles junge Menschen wie wir auch. Wir wollen uns daher auf einer Ebene begegnen. Ganz konkret bedeutet das, dass wir Geflüchtete in die Planung und Organisation unserer Formate miteinbeziehen.“
Auf dem Kongress „Zivilgesellschaft – Geflüchtete und digitale Selbstorganisation“ wurden elf Handlungsempfehlungen zur Selbstermächtigung entwickelt. Unter anderem soll der Zugang zu Informationen, Internetverbindungen und Computern gewährleistet sein, aber auch zu Räumen der Begegnung wie Bibliotheken oder Kulturveranstaltungen.
Geflüchteten steht genauso wie den hier ansässigen jungen Menschen der Bundesfreiwilligendienst offen. Die Organisation Ipso bietet zum Beispiel psychosoziale peer-to-peer-Beratung von Geflüchteten für Geflüchtete an. Die Selbstorganisation „Jugendliche ohne Grenzen“ möchte den jungen Geflüchteten eine Stimme geben. Tätigkeitsschwerpunkt ist vor allem die politische Arbeit, aber auch Bildungs- und Kulturangebote.
Häufig haben Freiwillige mit Migrationshintergrund einen besseren Zugang zu den ankommenden Geflüchteten – ein Ansatz, den sich die Initiative „InteGREATer“ zu eigen gemacht hat. Wie ein interkulturelles bürgerschaftliches Engagement aussehen kann, hat der Paritätische in seiner Broschüre „Ehrenamt – ein Leitfaden für Migrantenorganisationen“ zusammengestellt.

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