Kommune

Das Campus-Projekt „Leben und Lernen“ im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte

Direkt auf dem Gelände der Beruflichen Schule in Neubrandenburg wohnen etwa 40 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in vier Wohngruppen. Die kurzen Wege sollen einen nahtlosen Übergang von der Schule in den Beruf gewährleisten. Gestaltungsspielräume in der Hilfeplanung bezüglich der Entwicklungsbedingungen ermöglichen zudem eine Unterstützung, die über die Volljährigkeit hinausgeht. Entscheidend für das Gelingen ist ein breites Netzwerk verschiedener Akteure, welches von „Willkommen bei Freunden“ unterstützt wird.

Betreuungskonzept orientiert sich am Grad der Selbstständigkeit

Alle Wohngruppen werden stationär betreut: Ein oder zwei Betreuungspersonen pro Gruppe sind jeder Zeit für die Jugendlichen vor Ort. Auf diese Weise erhalten die jungen Geflüchteten feste Strukturen, die ihnen Sicherheit und Halt geben. Besonderen Wert legt Frank Schwebke auf die gelebte Beziehungsarbeit, „welche auf Empathie, Wertschätzung und Respekt im Umgang mit anderen Menschen“ beruht. Frank Schwebke ist Sachgebietsleiter des Allgemeinen Sozialpädagogischen Dienstes und Fach- und Finanzcontroller im Jugendamt des Landkreises am Standort Neubrandenburg. Ziel des Campus „Leben und Lernen“ ist es, die Jugendlichen schrittweise in die Selbstständigkeit zu entlassen. „Darum hat der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte“, so Frank Schwebke, „eine intensive Betreuungsform von Beginn an vor Ort für die geflüchteten Jugendlichen etabliert. Im weiteren Verlauf werden diese intensiven Betreuungssettings an den jeweiligen individuellen Bedarf angepasst und im weiteren Verlauf gegebenenfalls reduziert. Im Anschluss erfolgt bedarfsabhängig eine ambulante Begleitung der jungen geflüchteten Erwachsenen. Dies soll ein Leben in die eigene selbstständige Welt erleichtern.“

Sprache lernen und Austausch ermöglichen

Ein wichtiger Bestandteil der Berufsschulklassen für die jungen Geflüchteten ist die Sprache. Die Jugendlichen bekommen zunächst schwerpunktmäßig Deutschkurse. Denn ohne ausreichende Sprachkenntnis und –kompetenz ist der Übergang in die Berufswelt nicht zu schaffen. Darüber hinaus gibt es Möglichkeiten zur beruflichen Orientierung. Dafür befinden sich in unmittelbarer Nähe des Campus „Leben und Lernen“ mehrere kleinere Firmen, in welchen die Jugendlichen potenziell ein Praktikum absolvieren können. Damit bietet der Campus den jungen Geflüchteten zum einen sehr kurze und vor allem verlässliche Wege. Die Jugendlichen haben Raum und Zeit zum Ankommen. Dazu geben ihnen vertraute Personen Halt und stärken sie in ihrem Selbstwertgefühl. „Dadurch kann der Alltag natürlich einfacher und positiver gestaltet werden“, so Frank Schwebke. Zum anderen bietet der Campus Gelegenheiten, mit Schülerinnen und Schülern anderer Kulturkreise in Austausch zu treten. Zum Beispiel durch die gemeinsame Freizeitgestaltung. „Zurzeit arbeiten wir mit ‚Willkommen bei Freunden‘ auch daran, die Interaktion zwischen den Jugendlichen weiter zu erhöhen“, erzählt Frank Schwebke.

Breites Netzwerk sorgt für das Gelingen

Ohne die Zusammenarbeit vieler Partnerinnen und Partner wäre das Campus-Projekt nicht möglich. Zunächst sind das drei Jugendhilfeträger für die Alltagsgestaltung in den Wohngruppen und ein Jugendhilfeträger für die Schulsozialarbeit in der Beruflichen Schule. Darüber hinaus setzen sich im Rahmen der Projektgruppe umA und dem Netzwerk Migration im Landkreis die Jobcenter, Industrie- und Handelskammer (IHK), Wohnungsgesellschaften, Gesundheitsamt, Sozialamt und Ausländerbehörde, aber auch Vertreter der Polizei und der Gerichte gemeinsam für gelingende Übergänge in die Volljährigkeit der jungen Geflüchteten ein. Zudem existiert eine enge Zusammenarbeit mit der Hochschule Neubrandenburg. Seit Mai 2016 arbeitet das Jugendamt des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte mit dem Servicebüro Berlin im Programm „Willkommen bei Freunden“ zusammen. Neben der Qualifizierung der Jugendamtsmitarbeitenden und der Koordinierung des Netzwerkes geht es vor allem um die Ausgestaltung und Weiterentwicklung des Campus-Projektes „Leben und Lernen“. „Wir haben einen guten Plan für dieses Jahr aufgestellt“, meint Frank Schwebke zur Zusammenarbeit mit „Willkommen bei Freunden“. „Ein weiterer Analyseworkshop ist geplant und soll uns dabei helfen, die Kooperation der verschiedenen Träger im Campus-Projekt zusammenzuführen und andere Träger einzuladen. Das lässt ganz andere Möglichkeiten zu, sich untereinander auszutauschen.“

Integration nahtlos gestalten

Laut Frank Schwebke kann die Integration geflüchteter Menschen nur gelingen, wenn sie in den Kommunen zunächst ankommen können. Gerade junge Geflüchtete benötigen dazu eine entsprechende Unterstützung – nicht nur beim Übergang Schule-Beruf, aber dort besonders. Das sei ein Grund dafür, dass die Unterstützung nicht mit dem 18. Geburtstag pauschal enden dürfe. Gestaltungsspielräume dafür sieht Frank Schwebke im Paragraphen 41 des Jugendhilfegesetzes (SGB VIII). Aus seiner Sicht legitimieren Reifeverzögerungen beziehungsweise Entwicklungsrückstände eine Fortführung der Unterstützung. Die Orientierung in einem neuen Land, die Bewältigung der Fluchterfahrung, die Aufarbeitung möglicher Traumata – junge Geflüchtete haben ganz eigene Entwicklungsbedingungen, die eine Verzögerung der Selbstständigkeit hervorrufen können. „Integration muss nahtlos gestaltet werden“, davon ist Frank Schwebke überzeugt. „Wenn da Nähte entstehen, über welche die jungen Menschen stolpern, dann ziehen sich die Menschen zurück oder werden gegebenenfalls auffällig. Daher darf man sich als Jugendamt nicht zu früh aus dem Prozess und der gesellschaftlichen Verantwortung verabschieden.“

Herausforderungen sind alltäglich

„Aber rund läuft auch bei uns nicht alles“, gibt Frank Schwebke zu. Dazu gehört auch, dass nicht immer alle jungen Geflüchteten im Kreis in Berufsschulklassen untergebracht werden können. Die Kapazitäten reichen wie in anderen Kommunen nicht aus. Zurzeit ist das bei zehn geflüchteten Jugendlichen der Fall. „Das ist natürlich eine Katastrophe“, sagt Frank Schwebke. Ab Juli entspannt sich jedoch die Situation an der beruflichen Schule. Dann öffnet eine weitere Klasse für geflüchtete Jugendliche. Eine weitere Herausforderung sei zudem die Ferienzeit, da viele Angebote dann nicht stattfänden. „Daran müssen wir noch arbeiten“, sagt Frank Schwebke. „Dennoch bin ich mir sicher, dass wir auf einem guten Weg sind.“

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