Kommune

Das Clearingverfahren. Eine Möglichkeit der Integration

Das Clearingverfahren gibt Antworten bezüglich der aktuellen Situation von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen und ihren Bedarf. Aber nicht nur das. Das Verfahren kann auch zur Integration der jungen Kinder und Jugendlichen beitragen. Entscheidend dafür ist der Aufbau und Ablauf des Clearingverfahrens.

Die Inobhutnahme sichert die Grundbedürfnisse junger Geflüchteter bei ihrer Ankunft in Deutschland. Nach der Flucht sind das nicht nur ausreichend Verpflegung, medizinische Versorgung und ein Schlafplatz, sondern auch Ruhe und Sicherheit. Die erste Station für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in Deutschland ist das Jugendamt. Denn diese Behörde ist fortan für ihre Betreuung verantwortlich. Ein wesentlicher Bestandteil der Inobhutnahme ist das Clearingverfahren. Dieses dient zunächst dazu, den aus Sicht der Jugendhilfe notwendigen Bedarf der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen festzustellen. Das kann zum Beispiel eine notwendige medizinische oder psychologische Behandlung sein, die Versorgung mit ausreichend Kleidung oder die Unterbringung in einer betreuten Wohngruppe. Wer mit dem Verfahren betraut wird, ist je nach Kommune unterschiedlich. Das Jugendamt kann es selbst durchführen oder eine geeignete Einrichtung, wie zum Beispiel Clearinghäuser, damit beauftragen. Auch eine für alle Bundesländer einheitliche Regelung zu Ablauf und Dauer gibt es nicht. Jedoch bieten beispielsweise die „Handlungsempfehlungen zum Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen” der Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter (BAGLJÄ) eine gute Orientierung. Auf deren Grundlage werden die einzelnen Bestandteile des Clearingverfahrens im Folgenden erläutert, Handlungsspielräume verdeutlicht und gute Beispiele aufgezeigt.

Untersuchung des Gesundheitszustandes

Eine zeitnahe gesundheitliche Untersuchung der jungen Geflüchteten ist notwendig, um ansteckende Krankheiten ausschließen zu können und wenn nötig medizinische Soforthilfe für den jungen Flüchtling bereit zu stellen. Außerdem prüfen die Verantwortlichen, ob beispielsweise eine Brille benötigt wird und auch, ob ein Besuch beim Zahnarzt ratsam erscheint. Aber auch die psychische Verfassung wird untersucht. Besonders die Erfahrungen im Heimatland und während der Flucht können Traumatisierungen auslösen. Diese frühzeitig zu erkennen, ermöglicht eine geeignete Betreuung. Nicht immer ist dazu eine Psychotherapie erforderlich. Laut Dr. Marianne Rauwald vom Frankfurter Institut für Traumabearbeitung und Weiterbildung kann bereits die Vermittlung von Sicherheit und Geborgenheit helfen – auch während des Clearingverfahrens selbst. Im Clearinghaus „Porto Am?l” in Bielefeld, eine Facheinrichtung für Flüchtlingsmädchen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren, führt beispielsweise eine Psychologin gemeinsam mit einer Dolmetscherin ein erstes Gespräch. Falls nötig, kann daraufhin eine individuelle und gruppenbezogene Betreuung direkt im Haus erfolgen. Für Einrichtungen ohne psychologische Fachkraft sind die Psychotherapeutenkammern, Kassenärztliche Vereinigungen und Gesundheitsämter eine gute Anlaufstelle für Beratungen im Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen.

Aufnahme der personenbezogenen Daten durch die Ausländerbehörde

Neben dem Jugendamt, der vom Amt beauftragten Clearing-Einrichtung und dem Vormund des unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings ist auch die Ausländerbehörde am Clearingverfahren beteiligt. Ihre Mitarbeiter befragen die jungen Geflüchteten zu ihrer Identität und ihrer Reise nach Deutschland. Von unbegleiteten Jugendlichen ab 14 Jahren werden außerdem biometrische Daten wie Körpergröße, Gewicht, Alter und Fingerabdrücke aufgenommen und gespeichert. Ziel ist es zu erfahren, ob die jungen Geflüchteten bereits einen Asylantrag innerhalb der Europäischen Union gestellt haben oder in einer anderen deutschen Stadt registriert wurden. Während dieses Vorgangs ist es wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen mit Fluchtgeschichte von ihrem Vormund, in den meisten Fällen ist das ein Amtsvormund, begleitet werden. Denn dieser kann einerseits Sicherheit vermitteln, aber andererseits auch auf die Rechte seines Mündels achten. Doch nicht jeder Vormund ist im Ausländerrecht ausreichend bewandert. In solchen Fällen empfiehlt Antje Steinbüchel vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) den Jugendämtern die Bestellung eines Ergänzungspflegers. Dies sind zum Beispiel Juristen, die den Vormund mit ihren Kenntnissen unterstützen können.

Gespräch zum sozialen Umfeld und den Fluchthintergründen

Auf Grundlage des Erstgesprächs, zu Beginn der Inobhutnahme, führen Mitarbeiter der Clearingstelle ein vertiefendes Gespräch mit den jungen Geflüchteten. Es geht unter anderem um familiäre Hintergründe, Religionszugehörigkeit, Bildungsstand, Fluchtumstände, Fluchterlebnisse und Möglichkeiten einer Familienzusammenführung. Jedes Kind hat andere Erfahrungen auf seinem Weg nach Deutschland gemacht. Die Gespräche können daher ganz verschieden und unterschiedlich lang dauern. Gibt man den geflüchteten Kindern und Jugendlichen genügend Zeit, sich an ihre neue Umgebung zu gewöhnen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich im Gespräch öffnen. Dazu kann auch ein breites und ausgewogenes Bildungs- und Freizeitangebot während des Clearingverfahrens beitragen.

Bildungs- und Freizeitangebot

Für die jungen Geflüchteten ist vieles neu und unbekannt. Sie verstehen die deutsche Sprache nur wenig oder gar nicht und kennen die Stadt nicht, in der sie angekommen sind. Um Unsicherheiten entgegenzuwirken, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Zum Beispiel können Sprachkurse eine erste Orientierung bieten. Aber auch die Vermittlung von Alltagskompetenzen wie Kochen, die Orientierung in der neuen Umgebung oder die Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs erhöht das Verständnis der neuen Lebenssituation. Ein Clearinghaus in Viersen betreibt beispielsweise eine Fahrradwerkstatt. Zusammen mit einem Gruppenleiter können die jungen Geflüchteten dort gebrauchte Räder reparieren und neue Fahrräder aus Ersatzteilen zusammenschrauben. Die Jugendlichen erlangen so nicht nur handwerkliche Fertigkeiten, die Fahrradwerkstatt ermöglicht den Bewohnern des Clearinghauses auch die eigene Mobilität. Zudem bietet das gemeinsame Schrauben einen kreativen Anlass, der das Erlernen der neuen Sprache erleichtern kann.

Planung der weiteren Unterstützung und Ende des Clearingverfahrens

Die Ergebnisse aus dem gesamten Clearingverfahren bilden die Grundlage für die Planung der anschließenden Unterstützung. Dieses Konzept beinhaltet Vorschläge für den weiteren Bildungsweg, eine geeignete Unterbringung und eventuelle medizinische Betreuung. Damit endet zwar das Clearingverfahren, doch der Prozess der Integration geht weiter. Ein Clearingverfahren, welches sich Zeit nimmt, um auf die individuellen Eigenschaften der jungen Geflüchteten einzugehen, liefert hierfür eine wichtige Grundlage. Auch die Kooperation mit Vereinen, Trägern von Bildungseinrichtungen und ehrenamtlichen Initiativen während des Clearings, kann die weitere Integration begünstigen. Denn wenn das Clearingverfahren endet, bleibt ein junger Geflüchteter beispielsweise Mitglied in einem Fußballverein oder einer Tanzgruppe und wird nicht komplett aus vertrauten Strukturen herausgerissen. Damit können konstante Abläufe im Leben der Kinder und Jugendlichen geschaffen werden. Ein gelungenes Clearingverfahren kann eine gute Vorbereitung für das weitere Leben der jungen Menschen in Deutschland sein.

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