Jugendliche lesen und sitzen auf dem Boden
Schule

Den Schuleinstieg gestalten

Kommen geflüchtete Kinder im Schulalter nach Deutschland, so treffen sie je nach Bundesland, Kommune und Schule auf unterschiedliche Voraussetzungen – entsprechend verschieden werden auch die Erfahrungen sein, die sie jeweils machen. Ungeachtet dessen gibt es das universelle Recht auf Bildung, welches auch als Grundstein für die schulische Bildung von geflüchteten Kindern und Jugendlichen gilt. Darauf aufbauend werden im Folgenden verschiedene Möglichkeiten des Schuleinstiegs in Deutschland skizziert.

Das Recht auf Bildung – Grundstein für die schulische Bildung aller Kinder

Das Recht auf Bildung ist als universelles Menschenrecht Teil der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen“. Es wurde in verschiedenen Erklärungen und Abkommen aufgegriffen und beispielsweise auch in der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 verankert. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich verpflichtet, das Recht auf Bildung zu achten, so dass auch geflüchtete Kinder und Jugendliche ein Recht auf schulische Bildung haben. Aufgrund der Kulturhoheit der Bundesländer liegt die Zuständigkeit für die konkrete Umsetzung des Rechts auf Bildung bei den Ländern. In den Landesverfassungen und Schulgesetzen der Bundesländer werden die Schulpflicht und gegebenenfalls das Schulbesuchsrecht geregelt. Für geflüchtete Kinder und Jugendliche gilt somit stets das Recht des Bundeslandes, in dem sie wohnen oder sich aufhalten. Ab wann beispielsweise ein geflüchtetes Kind eine Schule besuchen muss, ist in den Bundesländern unterschiedlich geregelt. Über die gesetzlichen Bestimmungen im Bundesland gibt die Schulbehörde der entsprechenden Kommune Auskunft.

Bevor der Blick in die Schule gerichtet wird, ist noch wichtig zu wissen, dass geflüchtete Kinder und Jugendliche von den Bildungsbehörden und Schulen nicht gesondert erfasst werden. Sobald sie im schulpflichtigen Alter – zwischen sechs und 18 Jahren – in Deutschland ankommen, zählen sie allgemein zur Gruppe der „neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen“, die auch „Seiteneinsteiger“ oder „Schülerinnen und Schüler im Seiteneinstieg“ genannt werden. Die Schulen sind ebenfalls nicht verpflichtet, nach Aufenthaltsstatus zu differenzieren oder Kinder ohne gesicherten Aufenthaltsstatus der Ausländerbehörde zu melden.

Der Schuleinstieg – Gestaltungsspielraum der Schulen

Zum Beginn der Schulzeit in Deutschland ist stets die Frage, ob die neu zugewanderten Schülerinnen und Schüler in einer Regelklasse gemeinsam mit den anderen Kindern ihrer Altersstufe unterrichtet werden, oder ob ihr Unterricht vorerst in parallel geführten Klassen mit einer besonderen Sprachförderung stattfindet. Diese Klassen sind im allgemeinen Sprachgebrauch häufig unter dem Namen „Willkommensklassen“ bekannt.

Ihre amtliche Bezeichnung und der Anteil der Deutschförderung in den Klassen unterscheiden sich jedoch von Bundesland zu Bundesland. So heißen sie in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und im Saarland „Vorbereitungsklassen“. Andere Bezeichnungen sind beispielsweise „Lerngruppen für Neuzugänge ohne Deutschkenntnisse“ in Berlin, „Alphabetisierungsklassen“ in Hamburg oder „Förderklassen“ in Sachsen-Anhalt. Will man auf die Unterschiede zwischen der Beschulung in der Regelklasse und der in einer eigenen Klasse für geflüchtete Kinder und Jugendliche eingehen, kann man Folgendes festhalten.

  • Erfolgt der Unterricht der neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen in einer Regelklasse, so nehmen sie meistens an zusätzlichen Sprachfördermaßnahmen teil. An einigen Schulen gibt es diese Förderung gleichsam für alle Kinder und Jugendlichen mit Sprachförderbedarf. Andere Schulen bieten gezielte Maßnahmen für Kinder und Jugendliche an, für die Deutsch nicht die Erstsprache ist. Der Umfang der Sprachförderung ist je nach Bundesland und teilweise auch je nach Schule unterschiedlich geregelt. Tendenziell werden Kinder und Jugendliche, die zu Beginn ihrer Schullaufbahn – in der Grundschule und insbesondere in den ersten zwei Schuljahren – nach Deutschland zuziehen, häufiger direkt in einer Regelklasse unterrichtet. Der Vorteil ist dabei, dass zu Schulbeginn alle Schülerinnen und Schüler Lernanfänger sind, so dass die Alphabetisierung in der deutschen Sprache gemeinsam erfolgen kann. Nicht Defizite, sondern das gemeinsame Lernen steht dabei im Vordergrund.
  • In der Sekundarstufe I und II werden öfter eigene Sprachförderklassen für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche eingerichtet. Auch hier gibt es je nach Bundesland und teilweise auch innerhalb der Bundesländer Unterschiede, ob die Schülerinnen und Schüler in einzelnen Fächern an dem Unterricht in der Regelklasse teilnehmen, oder ob die Beschulung insgesamt in der parallel eingerichteten Klasse erfolgt. Ist eine Teilnahme am Unterricht der Regelklasse vorgesehen, haben die Kinder und Jugendlichen nach Möglichkeit individuelle Stundenpläne, so dass die Teilnahme am Regelunterricht von der individuellen Bildungserfahrung, der Begabung und den Interessen des einzelnen Schülers abhängt. Eine Förderlehrkraft oder die Klassenkonferenz treffen entsprechende Einzelfallentscheidungen. Gemein ist den verschiedenen Modellen der eigenen Klassen für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche, dass sie anstreben, die Kinder möglichst schnell – oftmals nach einem Jahr – in die Regelklassen einzugliedern. Eine Ausnahme bilden einige Klassen in der Sekundarstufe II, die direkt darauf ausgerichtet sind, die neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen zum Schulabschluss zu führen.

Ob an einer Schule eigene Klassen zur Sprachförderung eingerichtet werden können, hängt in der Praxis oft von den räumlichen, personellen und organisatorischen Ressourcen der Schule ab. Außerdem gibt es in den Bundesländern eine unterschiedlich festgelegte Mindestanzahl an neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen, die erreicht sein muss, damit eine eigene Klasse eingerichtet wird.

Mit Blick auf die steigende Zahl der ankommenden geflüchteten Kinder und Jugendlichen ist die Frage der Ressourcen zurzeit für viele Schulen sehr zentral. Dabei kann man grundsätzlich nicht sagen, ob die direkte Beschulung in der Regelklasse oder der Einstieg über eine Sprachförderklasse besser ist. Dies hängt stark von den Gegebenheiten vor Ort ab. An den verschiedenen Schulen spielen dann noch weitere Fragen eine zentrale Rolle, beispielsweise: Inwieweit kann die Schule auf bereits erprobte interkulturelle Ansätze generell zurückgreifen und die geflüchteten Kinder und Jugendlichen in diese integrieren? Welche kulturelle Vielfalt gibt es an der Schule und wie wird diese gestaltet? Wie erfolgt die Zusammenarbeit mit den Eltern, dem Jugendamt und anderen Partnern?

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