Frühe Bildung

Der Perspektivwechsel ist hilfreich

Sprache ist ein zentrales Element im Inklusionsprozess. Im Interview mit der ausgebildeten Supervisorin und Logopädin Jutta Kind-Kolb erfahren Sie, wie Erzieher Kindern gezielt kreative Sprachanlässe im Alltag schaffen können. Das Gespräch wurde im Rahmen des Programms „Bildung braucht Sprache” geführt.

Bildung braucht Sprache (BbS): Welche Unterstützung brauchen Kitas, um sprachliche Bildung im Alltag umzusetzen?

Jutta Kind-Kolb: Die Erzieher sind sehr motiviert und haben auch schon viele Erfahrungen, wie sie die Sprachentwicklung der Kinder im Kita-Alltag unterstützen können. Trotzdem sind die Anforderungen enorm hoch und der Perspektivwechsel ist hilfreich, um „Selbstverständliches“ zu überprüfen. Zunächst einmal arbeite ich mit den Fachkräften daran, das eigene Sprachverhalten zu reflektieren und das Bewusstsein dafür zu schärfen, wo und wie man den Kindern gezielt Sprachanregungen geben kann. Neben konkreten Ideen für die pädagogische Arbeit brauchen sie aber auch Fachkenntnisse, wie die Sprachentwicklung eines Kindes verläuft und welche sprachlichen Förderbedarfe Kinder haben können.

BbS: Was genau ist Ihre Aufgabe als Praxisbegleiterin?

Kind-Kolb: Ich hospitiere in den Einrichtungen und schaue gemeinsam mit den Pädagogen, wie sie im Alltag mit den Kindern sprechen und mehr Sprechanlässe schaffen können. Zum Beispiel ist es besser, offene Fragen statt Ja-Nein-Fragen zu stellen – also nicht „Malst Du einen Drachen?“ sondern „Was macht der Drache da?“. Außerdem begleite ich die Kooperationen der Kitas und Schulen, die ja im Tandem gemeinsam an einer durchgängigen Sprachbildung arbeiten. Neben dem Vorleseprojekt gibt es auch Spielenachmittage, Lesenächte oder Elterncafés. Ich organisiere Bündnistreffen, bei denen sich die Projektbeteiligten aus Bonn regelmäßig austauschen. Dazu lade ich auch Gastdozenten und Kooperationspartner ein, zum Beispiel Elternbegleiter.

BbS: Warum liegt ein Schwerpunkt des Programms auf dem Übergang von der Kita in die Schule?

Kind-Kolb: Vor allem beim Wechsel von der Kita in die Grundschule wirkt Sprache als Türöffner – oder als Barriere. Ziel ist es, dass Kinder mit besonderem Sprachförderbedarf frühzeitig erkannt und individuell gefördert werden. Die Kita-Fachkräfte kennen die Kinder schon und wissen, was sie können und was sie interessiert. Und auch, welche Schwierigkeiten sie haben und welche Hilfen sie noch benötigen, um selbstbewusst und sicher Deutsch zu sprechen. Damit die Lehrkräfte nicht bei null anfangen müssen, ist der Austausch zwischen Kita und Schule – und ganz besonders mit den Eltern – sehr wichtig. Dazu haben wir unter anderem in Bonn-Mehlem einen „Runden Tisch“ eingerichtet.

BbS: Welche Rolle spielt Mehrsprachigkeit im Kita-Alltag?

Kind-Kolb: Mehrsprachigkeit ist in allen beteiligten Einrichtungen ein großes Thema. Den Fachkräften ist aber oft noch nicht klar, wie sie die Sprachen der Kinder im Alltag aufgreifen können. Doch wenn die Kleinen Spaß an etwas haben, zum Beispiel am Puppentheater, dann kann man sie oft erstaunlich gut erreichen und erlebbar machen, dass ihre vielen Sprachen eine Bereicherung für alle sind. Wichtig ist, Mehrsprachigkeit als Kompetenz wahrzunehmen und die Eltern gut zu beraten, mit ihren Kindern in der Sprache zu kommunizieren, in der sie sich selbst wohl und sicher fühlen.

BbS: Was möchten Sie als Praxisbegleiterin bis zum Programmende erreichen?

Kind-Kolb: Das Spannende am Programm „Bildung braucht Sprache“ ist ja gerade, dass wir die Kita-Grundschule-Teams individuell unterstützen und vor Ort schauen, was sie konkret benötigen. Im Prozess entwickeln wir dann kleinschrittig Ziele und stoßen Kooperationen im Sozialraum der Kita an. Natürlich wünsche ich mir, dass sie diese Ziele erreichen und die Kooperationsstrukturen so gefestigt werden, dass die guten Ansätze auch über die Programmlaufzeit erhalten bleiben.

Autoren: Jutta Kind-Kolb

Jutta Kind-Kolb
Ausgebildete Supervisorin, Logopädin und Praxisbegleiterin im DKJS-Programm „Bildung braucht Sprache“

Bildung braucht Sprache

Im Modellprogramm „Bildung braucht Sprache“ arbeiten Kitas und Grundschulen in Nordrhein-Westfalen als Team zusammen. Gemeinsam entwickeln sie neue Ansätze, um die Sprachbildung und -förderung zu verbessern – und den Übergang von der Kita in die Schule zu erleichtern. Aber wie sieht das konkret in der Praxis aus? Ein Vorlese-Projekt in der Modellregion Bonn bringt nicht nur Kita- und Grundschulkinder, sondern auch Erzieherinnen, Erzieher und Lehrkräfte zusammen.

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