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Die Rolle von Kitas und Schulen für eine Willkommenskultur in Deutschland

In Weiterstadt werden, im Rahmen des Modellprojekts „Sozialfond“, Hilfsangebote für geflüchtete Familien direkt über Kitas und Schulen organisiert. Im Interview mit Dieter Assel, Geschäftsführer Kommunales Kompetenzzentrum für Bildungsinnovation in Weiterstadt, erfahren Sie, warum das ein guter Weg ist, um den bürokratischen Aufwand für Geflüchtete zu minimieren und welche Voraussetzungen dafür in der Verwaltung geschaffen werden müssen.

 

Willkommen bei Freunden (WbF): Sie vertreten die Meinung, dass die Kitas und die Schulen einen wichtigen Bestandteil ausmachen werden, um die jungen Flüchtlinge optimal bei uns aufzunehmen. Was bedeutet für Sie in diesem Zusammenhang Bildungsgerechtigkeit und wie kann man diese für junge Flüchtlinge erreichen?

Dieter Assel: Bildungsgerechtigkeit bedeutet für mich generell, dass jeder nach seinen Möglichkeiten die Chancen hat, sich zu entwickeln und ein anständiges Leben zu führen. Konkret spielen im Bereich der Migrationsfrage die Kindertagesstätten und Schulen und die dortige sprachliche Förderung eine ganz wichtige Rolle. Kommunikation ist die Grundlage für Integration und dazu gehört auch, dass die Schulen und Kitas in der Lage sind, die Kommunikation mit den Eltern der Kinder hinzubekommen. Ich sehe das Problem, dass die Schulen und Kitas bei den Ausstattungsstandards Schwierigkeiten kriegen werden. Da muss einfach mehr passieren. Wenn ich aufgrund von Personalmangel Gruppen mit 40 Kindern habe, 25 Kinder auf eine Erzieherin kommen und Räumlichkeiten fehlen, in denen man Kindern einen Rückzugsort bieten kann, dann wird es schwierig.
Freiwillige Bereitschaft in der Bevölkerung ist extrem wichtig. Es gibt viele Initiativen, die Leute suchen, welche Deutschunterricht für Migrantinnen und Migranten organisieren. Das ist für beide Seiten unglaublich bereichernd. Genau solche Initiativen müssen wir mehr fördern. Die Kommunen haben den Auftrag, das Klima positiv zu gestalten. Dabei spielen Schulen und Kitas eine zentrale Rolle, weil man hier auch mit den Eltern der Kinder in Kontakt kommt. Wir haben die Erfahrung bereits in Weiterstadt gemacht, wo die Kitas immer dann erfolgreich sind, wenn sie Austauschforen bieten. Für viele Eltern ist das oftmals der einzige Kontakt, den sie „nach Außen“ haben und es bietet sich über die Kinder ein guter Zugang zu den Eltern.

 

WbF: Sie haben im Bereich der Bildungsgerechtigkeit in Weiterstadt und der erkannten Armut in bestimmten Bereichen der Bevölkerung sogenannte Armutsbeauftragte in den Kitas eingesetzt. Wie lässt sich dieses Konzept auch auf die Migrations- und Flüchtlingsthematik übertragen? Also in den Kitas so die Türen zu öffnen, das es Migrationsbeauftragte gibt oder die Kitas als Familienzentren umstrukturiert werden.

Assel: Da bei den Kindern mit hohem Armutspotential der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund am höchsten ist, waren Fragestellungen von Armut und Migration schon immer miteinander verknüpft. Dies wird in Zukunft nur noch mehr Aufmerksamkeit erfordern. Wir haben als Kommune derzeit in Zusammenarbeit mit dem Landkreis als Schul- und Jugendhilfeträger ein Modellprojekt „Sozialfond“ laufen, dessen Kerngedanke darin besteht, niedrigschwellige Hilfsangebote für die betroffenen Familien über die Kitas und Schulen zu organisieren und dabei Ressourcen zu bündeln, um sie passgenau und mit geringem bürokratischen Aufwand an die betroffenen Menschen zu bringen. Im Idealfall sollen die Eltern nicht mehr einen Antrag beim Sozialamt des Landkreises stellen, sondern das direkt über die Kita und Schule laufen lassen. Noch gibt es hier ein paar juristische Hindernisse, aber im Kerngedanken geht es wirklich um diese Idee der Familienzentren.

Eltern müssen sich nicht mehr schämen, weil nur noch die Kita- oder Schulleitung von ihrer genauen Situation weiß. Die Leitung transferiert dann das Anliegen an den dafür eingerichteten Beirat weiter, welcher über die Mittel entscheidet. Es wissen am Ende also nur ganz wenige, wer der Antragssteller ist. Diese Idee wird zukünftig auch größere Bedeutung kriegen.

 

WbF: Also geht es darum, die vorhandenen Begegnungspunkte wirklich zu nutzen. Die Kita zu nutzen, die Schule zu nutzen, um dort das erste Willkommen zu gewährleisten?

Assel: Genau. Darauf setze ich und bin sehr optimistisch, dass wir die Strukturen dafür in Weiterstadt durch unsere Bildungs- und Förderkette (Bildungslandschaft Weiterstadt) bereits geschaffen haben. Sie sind da und können jetzt ausgebaut werden.

 

WbF: Lässt sich dieses Konzept genauso auf alle Kommunen übertragen?

Assel: Es gibt sicher Spezifika, aber die Grundidee lässt sich sicher übertragen. Lübeck macht das beispielsweise als Stadt schon seit Jahren. Generell lässt sich ein solches Bündnis aus Zivilgesellschaft und den administrativen Ebenen überall etablieren. Die Kirchen spielen dabei oft eine entscheidende Rolle, daher ist es wichtig, sie auch mit am Tisch zu haben. Dabei übernimmt die Kommune die Steuerungsverantwortung, weil sie zum einen in der Regel juristisch verantwortlich ist und vor allem weil sie auch über die professionellen Strukturen verfügt. Das erfordert innerhalb der Verwaltung ggf. neue Formen der internen Zusammenarbeit zwischen den Ämtern und eine veränderte Haltung und Arbeitsphilosophie im Sinne eines Projektmanagements, weil formale Zuständigkeiten in eine gemeinsame Verantwortungskultur transferiert werden müssen. Da muss auch ein bisschen in Fortbildungen investiert werden. Wie kommuniziere ich? Was sind die Problemhintergründe? Wie gehe ich mit anderen Kulturen um? Solche Dinge, die für uns vielleicht einfach erscheinen, müssen in der Verwaltung noch einmal anders ausgeprägt werden.

WbF: Vielen Dank Herr Assel für das Gespräch.

Assel: Sehr gerne.

Autoren: Dieter Assel

Dieter Assel
Geschäftsführer des kommunalen Kompetenzzentrums für Bildungsinnovation im hessischen Weiterstadt

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