Schule

Drei Monate Schulfrei zum Deutschlernen

Am 22. November 2017 hat das Servicebüro Hamburg im Programm „Willkommen bei Freunden – Bündnisse für junge Flüchtlinge” zu einer Hospitation nach Wolfsburg eingeladen. Dabei konnten die Teilnehmenden das Bildungsprojekt „Step by Step“ kennenlernen – ein dreimonatiges Programm, in dem geflüchtete Schüler ab zehn Jahren erste Deutsch-Grundlagen lernen und auf die Schule vorbereitet werden.

Überraschende Arabisch-Lektion zu Beginn

Sameh Ben Cheik blickt in ahnungslose Gesichter. Wieder und wieder schreibt sie arabische Schriftzeichen an die Tafel, zeigt mit dem Finger darauf und spricht sie langsam und deutlich aus. Dann fordert sie ihre Schülerinnen und Schüler mit einem freundlichen Lächeln dazu auf, ihr nachzusprechen. Die erwachsenen Schüler von Sameh Ben Cheik scheinen jedoch nicht zu verstehen, was sie da sagen und müssen dazu auch noch permanent korrigiert werden. Aber das macht nichts. Nach einem kurzen Moment der Verwirrung machen sie zumindest mit. Das scheint der Lehrerin schon auszureichen. 

Die spontane Arabisch-Lektion am frühen Nachmittag ist ein überraschender Programmpunkt für die Teilnehmenden der Hospitation beim Projekt „Step by Step“ in Wolfsburg. Und so simpel die Idee mit dem Perspektivwechsel auch ist – umso stärker ist der Eindruck, den sie hinterlässt: Die aus ganz Norddeutschland angereisten Gäste aus Verwaltungen, Jugendhilfen und Flüchtlingsinitiativen erleben so, wie sich Flüchtlinge fühlen könnten, die ohne jegliche Deutsch-Kenntnisse an Schulen unterrichtet werden. Es scheint beinahe unmöglich, die fremde Sprache irgendwann verstehen zu können. Eine wichtige Erkenntnis für diejenigen, die sonst selbst mit Geflüchteten arbeiten.

Drei Monate Ankommen vor der Schule

Um jungen Geflüchteten den Einstieg ins Bildungssystem zu erleichtern, hat die Stadt Wolfsburg vor zwei Jahren „Step by Step“ ins Leben gerufen. Ein Bildungsprojekt, das von einem achtköpfigen Team aus Sozialarbeitern, Psychologen, Lehrkräften für Deutsch als Fremdsprache, fremdsprachlichen Fachkräften und einer Verwaltungskraft umgesetzt wird und auf dem Campus der Realschule Fallersleben angesiedelt ist. Eine Art Jugendzentrum: Drei Monate lang kommen bis zu 30 geflüchtete Schülerinnen und Schüler hier an, lernen Deutsch, werden auf Standards im Schulsystem – wie Gruppenarbeiten oder Diskussionen – vorbereitet und können malen oder Fußball spielen. „Unsere Haltung ist es, Menschen zu unterrichten und nicht Fächer – das ist der große Unterschied zur Schule“, sagt Projektleiterin Mareike Kragl.

Wolfsburg ist eine Stadt, die wächst. Aktuell leben dort 125.000 Menschen, der wichtigste Arbeitgeber ist VW. Ein Wirtschaftsfaktor, der für ein Projekt wie „Step by Step“ maßgeblich ist, wie sich während der Diskussionen bei der Hospitation herausstellt. Denn die Kosten werden komplett über eine VW-Belegschaftsstiftungs-Spende in Höhe von zwei Millionen Euro gedeckt. Unter der Präambel, allen Jugendlichen einen Schulabschluss zu ermöglichen, hat die Stadt damit das Projekt entwickelt, die Kosten belaufen sich auf rund 500.000 Euro pro Jahr.

Von enger Beziehungsarbeit beeindruckt

Während der Hospitation erfahren die Teilnehmer, wie „Step by Step“ organisiert ist und warum Wolfsburg damit so gute Erfahrungen gemacht hat. In Vorträgen berichten die Projekt-Mitarbeiter über ihre Arbeit, die Gäste besuchen den Sprachunterricht mit den Jugendlichen und tauschen sich in Kleingruppen zu den Themen Kunstpädagogik, Sprach- und Beziehungsarbeit sowie Konfliktmanagement aus. „Es ist eindrucksvoll, wie vertrauensvoll die Jugendlichen und das Team miteinander agieren“, sagt Claudia Köhler, Prozessbegleiterin beim Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft. „Was hier passiert, ist gelebte Gastfreundschaft.“ 

Ab der fünften Klasse werden alle neu zugewanderten Schüler an der Realschule Fallersleben eingeschult und direkt für drei Monate beurlaubt, um bei „Step by Step“ anzukommen. Jüngere Kinder gehen direkt in die Grundschulen. Seit Herbst 2015 koordiniert die Stadt die Schulanmeldungen. Dazu stellt eine Mitarbeiterin den Sprachstand der Neuzugewanderten fest, damit die Schulen Fördermaßnahmen wie Sprachlernklassen planen können. Im Projekt „Step by Step“ informieren Mitarbeiter die Eltern in deren Muttersprache über die Wolfsburger Schullandschaft und beraten mit ihnen und den Schülern darüber, welche der sieben zur Auswahl stehenden Schulen in Frage kommt. 738 Schuleinstiegsberatungen gab es bislang, 165 Schülerinnen und Schüler haben an „Step by Step“ teilgenommen.

Teilnehmende nehmen gute Ideen mit in ihre Kommunen

Einer von ihnen ist Hesam Solghi. Der 18-Jährige Iraner ist vor einem Jahr unbegleitet nach Wolfsburg gekommen. Er berichtete in fließendem Deutsch von seinen Erfahrungen bei „Step by Step“: „Ich kam her und habe kein Deutsch gesprochen“, sagt er. „Hier hatte ich das beste Gefühl, alle sind wie eine Familie.“ Daran, dass ein Schuleinstiegs-Projekt durchaus sinnvoll ist, haben die Gäste keine Zweifel. „Es ist etwas Anderes, ankommen zu dürfen und an das System herangeführt zu werden, als direkt hineingeschmissen zu werden“, sagte Lena Nzume, Bildungskoordinatorin in Oldenburg. 

Doch genauso einig sind sie sich auch, dass es dafür Geldgeber braucht. „Das hier ist gefühlt das Idealbild, das man ohne einen Player wie VW in der Stadt jedoch nie haben wird“, sagt Benjamin Kühnberger, Koordinator für Jugendhilfe in der Schule beim Diakonischen Werk in Husum. Für ihn sei es interessant, herauszufinden, welche Ideen er mit nach Hause nehmen kann. „Für Husum nehme ich den Gedanken des Aufbaus eines Jugendzentrums in der Schule mit.“ Andere finden etwa die Idee der engen Kooperation zwischen Schulen und Kommunen zur besseren Planung gut.

Tatsächlich haben auch schon einige Kommunen in Anlehnung an das Vorbild „Step by Step“ ähnliche Konzepte mit abgespeckter personeller Ausstattung umgesetzt. Das Prinzip von „Erster Hilfe für den Schuleinstieg“, wie es ein Teilnehmer ausdrückte, braucht vor allem Sprachmittlung, Sensibilität für die Situation der jungen Geflüchteten und DaZ-Unterricht.

Autorin: Anja Meyer

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