Jugendarbeit und Ehrenamt

Ehrenamt benötigt interkulturelle Öffnung

Geflüchtete Menschen engagieren sich in ganz unterschiedlichen Bereichen. Einige bringen sich in der Unterkunft, in der sie wohnen, ein, andere bei einer mobilen Suppenküche für Obdachlose oder in der Kirchengemeinde. Um das freiwillige Engagement weiter voran zu bringen, braucht es vor allem Zeit und eine stärkere interkulturelle Öffnung.

Freiwilliges Engagement schafft Begegnungsmöglichkeiten

Engagement bringt viele inklusive Effekte mit sich. Emra Ilgün-Birhimeoğlu, Professorin für Soziale Arbeit an der Internationalen Hochschule IUBH in Düsseldorf, sagt dazu: „Geflüchtete haben durch ein ehrenamtliches Engagement die Möglichkeit, in einem geschützten Rahmen in die Gesellschaft reinzukommen und sie kennenzulernen.“ In einer Studie untersucht die Wissenschaftlerin die Motive, Strukturen und Nachhaltigkeit für das freiwillige Engagement von Geflüchteten. Weiter sagt sie: „Hinzu kommt, dass sich Geflüchtete, die sich engagieren, wieder als selbstwirksam erleben, im Sinne von Empowerment. Lange Zeit konnten sie aufgrund ihrer Sprache und dem Rechtsstatus nichts machen. Plötzlich sind sie in der Situation, dass sie wieder etwas tun können.“ Zudem schafft das Engagement Begegnungsmöglichkeiten, bei denen gegenseitige Vorurteile abgebaut werden können. Ein weiterer positiver Nebeneffekt ist, dass nebenbei noch die Sprache verbessert werden kann.

Oft wenig Erfahrung mit ehrenamtlichen, bürgerschaftlichen Engagement

Ein Hauptmotiv für das ehrenamtliche Engagement von Geflüchteten ist, dass sie etwas zurückgeben möchten. „Viele sagen, dass sie so viel Hilfe erfahren haben in der Zeit des Ankommens in Deutschland. Dies möchten sie gerne auch an andere Menschen weitergeben“, Emra Ilgün-Birhimeoğlu hat dies immer wieder bei ihren Befragungen gehört.

Momentan engagieren sich die meisten Geflüchteten eher informell und sind nicht Mitglied in Vereinen oder Institutionen. Das liegt auch daran, dass Geflüchtete oft wenig Erfahrung mit ehrenamtlichen, bürgerschaftlichen Engagement im hiesigen Sinne aus ihren Herkunftsländern mitbringen. Die Hilfe ist dort eher informell und stark durch die Familie, die Nachbarschaft oder religiöse Gemeinschaften geprägt. Daher ist es wichtig, ihnen die hiesigen Strukturen vertraut zu machen. Emra Ilgün-Birhimeoğlu ergänzt dazu: „Man müsste die Engagementmöglichkeiten verbreitern und nicht so stark auf eine Mitgliedschaft pochen. Im Prinzip also mehr Möglichkeiten schaffen wie Menschen teilhaben können.“

Interkulturelle Öffnung der Vereine

Auf Seiten der Vereine gibt es einen starken Druck zur interkulturellen Öffnung. Mitgliederschwund ist ein großes Problem für Sportvereine, aber auch die freiwillige Feuerwehr. Doch während es auf den oberen Ebenen bereits Konzepte zur interkulturellen Öffnung gibt und auch schon einiges Geld dafür zur Verfügung gestellt wurde, muss dies in der Basis erst ankommen. Emra Ilgün-Birhimeoğlu schlägt dazu vor: „Es bedarf noch einer Bewusstseinsveränderung in Form von interkulturellen Kompetenztrainings, die intensiver und nicht nur einmalig sind, eine kontinuierliche und freundliche Begleitung. Sie sollen mit ihren Sorgen ernst genommen werden. Ihnen soll aber zusätzlich klar werden, dass eine Veränderung notwendig ist.“

Es braucht Zeit

Das Engagementpotential bei Menschen mit Migrationshintergrund ist hoch.
Viele wollen und müssen jedoch erst einmal ankommen. Sie wollen Deutsch lernen, eine Wohnung und Arbeit finden, eventuell auch Geld in die Heimatländer schicken. Zudem kommen viele Geflüchtete in der Phase nach Deutschland, in der sie eine Familie gegründet haben. „Diese Menschen sind natürlich sehr eingespannt mit Schule, Kindern und Wohnung. Dingen, die erst einmal dringender sind, als Engagement“, ergänzt Emra Ilgün-Birhimeoğlu.

Es braucht also Zeit – auch, damit sich Traditionen aufbauen können. „Freiwillige Feuerwehr oder Arbeiter-Samariter-Bund, da gehen die Leute hin, weil es eine Generationensache ist, weil die Eltern schon da waren und man als Kind dabei war.“ Sich in Strukturen einzugliedern, besonders bei solchen, die über Generationen gewachsen sind, benötigt Zeit. Zudem brauche es mehr, als vorhandene Möglichkeiten sich zu engagieren: Denn „Integration ist kein eingleisiger Prozess: Gegenseitiges Verständnis und ein Aufeinander-Zugehen ist daher eine wichtige Basis“, sagt Emra Ilgün-Birhimeoğlu.

Nach oben Zurück zur Übersicht