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Es geht noch offener: Zur interkulturellen Öffnung in Verwaltungen

Von interkultureller Öffnung war bereits in den späten 1980er Jahren die Rede, aber erst in letzter Zeit ist auch tatsächlich Bewegung in die Sache gekommen. Vor allem in der Verwaltung hat sich interkulturelle Öffnung zu einer Art bürokratischem Zauberwort entwickelt für alle Veränderungswünsche, die mit dem Thema Einwanderung zu tun haben.

Eltern mit einer Zuwanderungsgeschichte kommen nur selten in die Schule. Durch Kochkurse können niedrigschwellige Angebote geschaffen werden, um den Eltern Mut zu machen und darüber Beteiligung zu erreichen. Ist das gerechtfertigt? Allerdings. Denn die Behörden passen oft nicht mehr zu den Gebieten, die sie verwalten sollen. Das zeigt sich vor allem in den Städten. Die stehen vor einem dramatischen Wandel. So liegt in den 15 größten deutschen Städten der Migrantenanteil zwischen 23 und 50 Prozent der Bewohner nicht-deutscher Herkunft. In Frankfurt am Main liegt der Anteil der unter Sechsjährigen mit Migrationshintergrund bei 68 Prozent. Dort haben über zwei Drittel der Kinder, die in den nächsten Jahren eingeschult werden, mindestens ein Elternteil, das selbst noch in die Bundesrepublik eingewandert ist. Was in den Großstädten längst Normalität ist, gewinnt aber auch in der Fläche Relevanz.

Knapp die Hälfte der Bevölkerung aus Zuwandererfamilien lebt in Klein- und Mittelstädten. Doch das spiegelt sich in Institutionen wie Schulen, Behörden oder der Polizei nicht im Geringsten wieder. Wenn man hierzulande an einer Schule von einem gewöhnlichen Klassenzimmer ins Lehrerzimmer wechselt, dann könnte der Unterschied kaum größer sein: hier die Vielheit der Einwanderungsgesellschaft, dort fast ausschließlich Mittelschichts-Lehrer deutscher Herkunft.

Nun kann man heute eine Stadt wie etwa Stuttgart, in der aktuell 40 Prozent der Bevölkerung Migrationshintergrund besitzen, nicht mehr sinnvoll regieren mit einer Verwaltung, welche die Bevölkerung nicht repräsentiert. In diesem Sinne hat sich zum Beispiel die Polizei in verschiedenen Bundesländern stark um eine Veränderung des Personalbestandes bemüht – im ureigensten Interesse.

Zweifellos ist eine wesentliche Ressource von Polizeiarbeit das Vertrauen zwischen den Beamten und der Bevölkerung. Das lässt sich nur gewährleisten, wenn sich die Bevölkerung im Personal auch wiedererkennt. Dafür müssen sich z. B. die Rekrutierungsverfahren ändern.

Eine Untersuchung des Institutes zur Zukunft der Arbeit (IZA) hat gezeigt, dass ein türkischer Name die Chance auf ein Vorstellungsgespräch um 14 Prozent, in kleineren Unternehmen sogar um 24 Prozent senkt. Die Studie "Diskriminierung am Arbeitsmarkt" bestätigt diesen Trend und weist darauf hin, dass ein Kandidat mit einem deutschen Namen durchschnittlich fünf, ein Mitbewerber mit einem türkischen Namen hingegen sieben Bewerbungen schreiben muss, um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Daraufhin hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes unter anderem bei Ministerien und Stadtverwaltungen erfolgreiche Pilotprojekte mit anonymisierten Bewerbungsverfahren angeregt. Aber auch proaktive Ansätze sind notwendig. Mit der Kampagne "Berlin braucht Dich" konnte das Land Berlin die bislang sehr geringe Zahl der Auszubildenden mit Migrationshintergrund im öffentlichen Dienst verdoppeln. In Köln gibt es inzwischen fast ein Drittel Auszubildende nicht-deutscher Herkunft. Die Stadt initiierte auf Betreiben von Mitgliedern des Stadtrates ein Projekt, das migrantische Jugendliche in sechs Praktikumsmonaten gezielt auf eine Ausbildung bei der Stadt vorbereitet.

So notwendig eine interkulturelle Öffnung des Personalbestandes ist – sie reicht allein noch nicht aus. Tatsächlich braucht es ein abgestimmtes Programm Interkultur, um auch die Organisationskultur der Einrichtungen in Richtung Vielfalt verändern zu können. Dabei müssen die gängigen Bilder von "uns" und "ihnen" "entlernt" werden. Jüngst berichtete die Angestellte einer kirchlichen Sozialeinrichtung, dort zuständig für Integration: Personen, die am Telefon mit Akzent sprächen, würden stets zu ihr durchgestellt. Nach dieser Logik werden auch Angestellte mit Migrationshintergrund oft instrumentalisiert – nur sie sind danach für die "Integrationsprobleme" zuständig.

Oder um noch einmal das Beispiel Polizei aufzugreifen: Die Aufarbeitung der Fehlermittlungen im Fall "Nationalsozialistischer Untergrund " hat gezeigt, wie Morde an "Ausländern" sofort mit "ausländischer " Delinquenz in Verbindung gebracht wurden – der Verdacht fiel so fast selbstverständlich auf die Opfer. Und es seien türkische Beamte eingesetzt worden, um im Milieu der Ausländer zu recherchieren, formulierte der Leiter der Münchener Mordkommission in einem Interview. Damit meinte er natürlich keine Polizisten aus Istanbul.

Aber was soll dann ein "türkischer Beamter" sein? Tatsächlich handelt es sich um einen deutschen Beamten mit türkischer Herkunft oder einen Beamten, der über eine Zusatzqualifikation verfügt: er spricht Türkisch. Die programmatische Orientierung auf Interkultur bedeutet einen Perspektivenwechsel. Es geht 2015 längst nicht mehr um eine Integration der immer irgendwie defizitären Einwanderer. Der penetrante Blick auf die "Probleme" der anderen hat mancherorts dafür gesorgt, dass die Reform der öffentlichen Einrichtungen gar nicht angegangen werden musste. Die entscheidende Frage aber lautet: Sind die Institutionen fit für die Vielheit unserer Gesellschaft? Interkulturelle Öffnung ist keine fakultative Zusatzaufgabe, sondern sie steht im Zentrum der Entwicklung und soll Innovation für die ganze Organisation bringen. Denn es geht es nicht um "wir" und "sie", sondern um die gemeinsame Zukunft.

Interkulturelle Öffnung in Verwaltungen kann nicht allein über Einzelmaßnahmen erreicht werden, sondern sie ist als ein lang angelegter Prozess zu begreifen, der alle Politik- und Arbeitsbereiche einer Organisation betrifft.

Autoren: Mark Terkessidis

Mark Terkessidis
Mark Terkessidis ist deutscher Journalist, Autor (»Mainstream der Minderheiten«, »Banalität des Rassismus«) und Migrationsforscher. Seine Themenschwerpunkte sind Jugend- und Popkultur, Migration und Rassismus

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