Jugendarbeit und Ehrenamt

Gastbeitrag: Meine Ankunft in Bremen

Mit 18 Jahren flüchteten meine Eltern mit mir und meinem Bruder nach Deutschland. Das war 2012. Mein Vater kam sofort in ein Krankenhaus – er litt unter den Folgen von Folter. Meine Mutter, mein Bruder und ich kamen in das ZAST, die zentrale Aufnahmestelle in Bremen. Wir waren glücklich darüber, in Sicherheit zu sein und gleichzeitig war die Situation im ZAST fürchterlich. Es gab keine Rückzugsmöglichkeit für unsere Familie, Gemeinschaftsduschen, teilweise mussten Flüchtlinge auf dem Fußboden in Fluren schlafen.

Orientierungslosigkeit zu Beginn

Viel schwieriger als diese improvisierten Umstände war aber die Orientierungslosigkeit: Niemand hatte Zeit für Erklärungen, niemand zeigte uns die Wege, niemand hatte einen Rat. Die Mitarbeiter in den Flüchtlingsunterkünften gaben uns einen Asylantrag – aber über ihre Zuständigkeiten hinaus kannten sie sich wenig aus und konnten unsere Fragen kaum beantworten: Wo kann ich Deutsch lernen? Gibt es eine Bibliothek in der Nachbarschaft? Wie finde ich Arbeit? In welche Schule kann ich gehen? Wie komme ich an offizielle Papiere? Wem kann ich meinen in Russland erworbenen Bachelorabschluss zeigen und was ist er überhaupt wert in Deutschland? Es waren nicht die Behörden, die mir durch den Dschungel von Ämtern, Abkürzungen und Zuständigkeiten halfen. Es waren Flüchtlinge, die schon einige Monate länger in Deutschland lebten, die mir wertvolle Tipps gaben.

Sprache und Bildung als Schlüssel zur Integration

Ich besorgte mir Sprachkurse, mehr als ich eigentlich durfte. Denn ohne einen Aufenthaltstitel hatte ich nur Anrecht auf vier Stunden Deutsch pro Woche. Sollte ich die restlichen Tage sinnlos in der Unterkunft verbringen? Ich lernte schnell und hatte bald Sprachstufe A1 erreicht. Mein Bruder hatte Glück: Er war noch schulpflichtig und durfte eine Oberschule besuchen. Ich war volljährig und der Besuch einer Schule ein unerfüllbarer Traum. Lange Zeit durfte ich nicht lernen. Es war mein Glück, dass ein Schulleiter mich viel später in sein Berufliches Gymnasium aufnahm und ich jetzt das deutsche Abitur nachholen kann.

Die passende Unterstützung ist wichtig

Ich kenne viele Flüchtlinge, die auch nach vielen Jahren Aufenthalt in Deutschland kein Deutsch sprechen, isoliert sind. Warum ist das so? Meine Erfahrung ist: Nicht nur unbegleitete minderjährige Flüchtlinge müssen betreut werden, auch Kinder und Erwachsene, die als Familie hier ankommen, brauchen eine Ansprechperson. Wenn die Eltern keine Wege finden, sich weiterzubilden, sich zu qualifizieren – dann wirkt sich das auf die Kinder aus. Woher sollen sie den Ansporn nehmen? Dazu kommen viele negative Erfahrungen, abschätzende Blicke, abwertende Bemerkungen oder Mitleid statt Respekt.

Es gibt viele gut gemeinte Angebote in den Flüchtlingsunterkünften. Aber brauchen wir wirklich so etwas wie einen Fahrradreparaturkurs? Wir brauchen Beratung, wie wir uns weiterbilden können und qualifizierte Arbeit finden. Wir brauchen Möglichkeiten, außerhalb der Flüchtlingsheime zu lernen, uns in den Nachbarschaften im Quartier einzubringen. Wir brauchen kulturelle Angebote, ein öffentliches Klima, in dem wir nicht als Opfer, sondern als neue Bürger in der Stadt gesehen werden. Wir haben unsere Träume, Wünsche, Unzulänglichkeiten – aber auch Fähigkeiten, Wissen und Erfahrungen, die wir einbringen möchten. Doch wir brauchen Hilfe, um Türen zu öffnen.

 

Der Text ist zuerst erschienen in: bewegt. Magazin für kommunale Bildungslandschaften, Ausgabe 1/2016, herausgegeben von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) im Programm Transferagenturen für Großstädte

Zusatzinformation zu Mariyam Beglaryan

Mariyam Beglaryan
Mariyam Beglaryan hat im Rahmen eines Think Big-Projektes der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung gemeinsam mit einem Mitarbeiter der Flüchtlingsunterkunft Quidde Straße Kadri Selman einen Wegweiser für Geflüchtete in Bremen erarbeitet.

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