Kommune

Gelebte Partizipation in der Hephata Jugend-, Familien- und Berufshilfe Kassel

Wie kann der Alltag in Wohneinrichtungen der Jugendhilfe so gestaltet werden, dass geflüchtete Jugendliche befähigt werden, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen und ihre Wünsche und Bedürfnisse aktiv zu artikulieren? Und was bedeutet das für Mitarbeitende in den pädagogischen Betreuungseinrichtungen? Die Jugendwohngruppen der Hephata Jugend-, Familien- und Berufshilfe, praktizieren seit 2012 mit Erfolg demokratische Partizipations- und Teilhabeprozesse. Grundlage dafür ist ein Handlungskonzept des Bundesfachverbands unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, bei welchem eine Kasseler Wohngruppe der Hephata Jugend-, Familien-, und Berufshilfe als Modelleinrichtung mitgearbeitet hat. Um dieses bewährte Konzept kennenzulernen, lud das Servicebüro Frankfurt des Programms „Willkommen bei Freunden“ Fachkräfte aus Jugendämtern, Kommunen und von sozialen Trägern zur Hospitation nach Kassel ein.

Nach der Theorie wird es praktisch

Nisrins Auftritt wird mit Spannung erwartet. Sie ist es, um die es heute in Kassel geht, stellvertretend für die anderen Jugendlichen, die in der Einrichtung leben. Die Teilnehmenden der Hospitation haben bereits durch verschiedene Kurzvorträge erfahren, wie das partizipative Konzept in der Wohngruppe umgesetzt wird – theoretisch. Am Ende des Fachaustauschs können sie erleben, wie Teilhabe in der Jugendwohngruppe der Hephata Jugend-, Familien-, und Berufshilfe gelebt wird. Ein bisschen schüchtern wirkt Nisrin angesichts der rund 20 Fachkräfte. Aber die 17-Jährige ist mutig, stellt sich der ungewohnten Situation und zeigt, dass sie gelernt hat, was es heißt, ein Amt auszuüben, das ihr per Wahl übertragen wurde. Nisrin spricht für diejenigen, die an diesem Tag nicht im Konferenzraum der Hephata Diakonie Kassel anwesend sind: die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner ihrer Wohngruppe in der Kassler Gießbergstraße.

Nisrin ist gewählte Gruppensprecherin

Die Bewohnerinnen und Bewohner der Wohngruppe haben Nisrin zur Gruppensprecherin gewählt. Und nicht nur das, Nisrin ist auch eines von drei Vorstandsmitgliedern des Mitbestimmungsrates, der sich aus allen Gruppensprecherinnen und Gruppensprechern der zwölf Wohngruppen der Region Hephata Nordhessen zusammensetzt. Sie vertreten die Interessen der Jugendlichen gegenüber Hephata, aber auch in Fragen, die das Jugendamt und andere Behörden betreffen. Unterstützung erhalten sie von drei Betreuenden, die ebenfalls in geheimer Wahl von den jungen Geflüchteten bestimmt werden.

Der Mitbestimmungsrat

„Wir verstehen uns eher als Begleiter“, erklärt Erzieher Marius Narr, der gemeinsam mit Nisrin gekommen ist, um die Umsetzung des Mitbestimmungskonzeptes im Alltag den hospitierenden Fachleuten näher zu bringen. Er selbst ist Betreuer in Nisrins Wohngruppe und Berater des Mitbestimmungsrates der Region Nord im Bereich Unbegleitete Minderjährige Ausländerinnen/Ausländer (umA). Für diese Tätigkeit stehen ihm acht Wochenstunden zur Verfügung. „Dabei handelt es sich um eine institutionelle Entscheidung, die vom Träger für alle Wohngruppen getroffen wird. Das ist besonders entscheidend für das Gelingen des Konzepts. Denn so kann der Mitbestimmungsrat mit insgesamt 25 Betreuungsstunden pro Woche begleitet werden “, erklärt Henning Wienefeld, Regionalleiter umA Nord des Hessischen Diakoniezentrums Hephata. Der Arbeitsaufwand, so Narr, sei dabei nicht immer gleich hoch. Das sind die Auskünfte, die wichtig sind für alle Anwesenden. Denn, so formuliert es Teilnehmer Miguel Weide, Geschäftsführer des Jugendhilfeverbunds Magdeburg: „Ich gleiche immer ab – was kann ich wie in unseren Strukturen von diesem Konzept umsetzen.“ Dafür ist er mit einer Kollegin aus Magdeburg angereist. Ähnlich formuliert es ein Kollege aus Offenbach, der jedoch skeptisch bleibt, ob er das große Maß an Mitbestimmung, bis hin zur Mitentscheidung bei der Einstellung neuer Mitarbeitenden, tatsächlich in der Wohngruppe, die er betreut, realisieren könnte.

„Beteiligung zur Nachahmung“

Henning Wienefeld, weckt Zuversicht. Er, den seine betreuten Jugendlichen häufig „Chef Henning“ nennen, ist sich sicher, dass dieses über Jahre gewachsene Konzept übertragbar ist. Programmmanagerin Dayana Fritz, die zuvor am Vormittag in ihrem Vortrag die Grundzüge des Mitbestimmungskonzeptes „Beteiligung - Mitentscheidung - Beschwerden“ in Hephata dargelegt hatte, betont, dass Geduld notwendig sei, gerade, wenn eine Einrichtung noch neu sei. Die Hephata Jugend-, Familien und Berufshilfe profitiere von jahrelanger Vorarbeit in anderen Bereichen der Jugendhilfe. Dadurch konnten die strukturellen Bedingungen geschaffen werden, um Partizipation und Teilhabe im Geschäftskonzept zu verankern. So war die Kasseler Wohngruppe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge beispielsweise eine von fünf Modelleinrichtungen, die 2012 das „Handlungskonzept: Partizipation in der stationären Kinder- und Jugendhilfe“ vom Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge praktisch erprobt und kontinuierlich verbessert haben.

Partizipationskonzept

Das Partizipationskonzept baut auf der These auf, dass Menschen, die in Entscheidungsprozesse mit eingebunden werden, diese Entscheidungen im Anschluss mittragen und umsetzen. Zugleich können sich die teilweise aus Krisengebieten, Diktaturen und patriarchalisch strukturierten Gesellschaften zugewanderten Jugendlichen in demokratische Prozesse einbringen – sie diskutieren miteinander, tauschen Argumente aus, stimmen ab, finden Lösungen für Probleme, die sich in ihrem Zusammenleben in einem fremden Land ergeben. „Partizipation nimmt bei unserer Programmarbeit einen hohen Stellenwert ein. Eine frühe Einbindung junger Geflüchteter in sie betreffende Prozesse und Entscheidungen, kann eine große Integrationschance für die Jugendlichen sein – besonders in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe“, sagt Dagmar Gendera, Leiterin des Servicebüros Frankfurt.

W-Lan für alle

Gruppensprecher, Mitbestimmungsräte der Regionen und Gesamtmitbestimmungsrat des Trägers, in dem sich Vertreterinnen und Vertreter der Regionen Hessen Nord, Mitte und Süd zum Austausch treffen, sind wichtige Bausteine des Mitbestimmungskonzepts in Hephata, um mehr Beteiligung zu ermöglichen und Änderungen herbeizuführen. In den wenigen Monaten seit Nisrins Amtsantritt im April 2017, hat das Gremium der Region Nord/umA schon einige Punkte durchsetzen können. Ganz oben auf der Agenda: W-Lan in allen Wohngruppen. Auch wenn der Tag mit mehreren Vorträgen schon weit fortgeschritten ist, hier ist das Publikum ganz Ohr, wenn Nisrin davon erzählt, wie sie endlich eine Lösung für die ständig verschmutzte Gemeinschaftsküche gefunden haben. „Am Wochenende wird die Küche abgeschlossen. Die Betreuer haben den Schlüssel, wer in die Küche will, muss sich aufschließen lassen und nach dem Kochen kontrollieren die Betreuer, ob aufgeräumt wurde, dann erst schließen sie wieder ab“, erzählt sie. Diese Lösung haben die Jugendlichen selbst gefunden. „Auf die Idee wären wir Betreuer nie gekommen“, ergänzt Marius Narr. Auch die Teilnehmenden der Hospitation schauen verwundert, da ein solches restriktives Vorgehen nicht im pädagogischen Leitfaden steht. In der abschließenden Diskussionsrunde kommen sie überein, sehr viele Anregungen für die eigenen Einrichtungen mitnehmen zu können. Der Einblick in das Partizipationskonzept der Hephata Jugend-, Familien und Berufshilfe, die verschiedenen Kurzvorträge der pädagogischen Fachkräfte und der persönliche Austausch in der Mittagspause waren die teils lange Anreise wert, so die einhellige Meinung der Teilnehmenden. Auch Nisrin wirkt zufrieden und ihre Nervosität macht Platz für ein Fünkchen Stolz in ihrem Lächeln.

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