Jugendarbeit und Ehrenamt

Gemeinsam planen und erleben

Wie werden Geflüchtete zu Freunden? Eine erste Basis dafür sind Begegnungen auf Augenhöhe. Davon ist das Projekt welt_raum in Friedrichshafen überzeugt. Willkommen bei Freunden (WbF) sprach mit Patrick Lühlow, einen der Mitbegründer von „welt_raum”. Im Gespräch erläutert Patrick, wie die Initiative arbeitet, Begegnungen mit Geflüchteten entstehen und wie wichtig dabei ihr partizipativer Ansatz ist.

Willkommen bei Freunden (WbF): Ich habe in einem Interview von euch gelesen, dass ihr euch nicht als Hilfsprojekt versteht, sondern Begegnungen auf Augenhöhe schaffen wollt. Was bedeutet das konkret?  

Patrick Lühlow: Das war ursprünglich unser Impuls und ist auch immer noch unser Anspruch. Wir wollen keine Asymmetrien schaffen, die immer mit einem Helfer-Geholfenen Verhältnis einhergehen. Das sind alles junge Menschen wie wir auch. Wir wollen uns daher auf einer Ebene begegnen. Ganz konkret bedeutet das, dass wir Geflüchtete in die Planung und Organisation unserer Formate miteinbeziehen. Sie sind also bei den Teamtreffen dabei und konzipieren, soweit es geht, auch mit. Dazu sind all unsere Formate so gestaltet, dass sie immer auf Gemeinsamkeit und Wechselseitigkeit abstellen.  

WbF: Hast du dafür ein Beispiel?  

Patrick: Das zeigt sich zum Beispiel in den Sprach-Tandems, die wir bilden. Insofern, als das wir nicht nur Deutsch beibringen, sondern auch beispielsweise Arabisch lernen. Bei unseren Ausflügen versuchen wir außerdem Gemeinsamkeiten zu identifizieren und daraufhin eine gemeinsame Zeit zu verbringen. Wir versuchen eben nicht nur Angebote bereitzustellen und nicht nur bei Behördengängen zu helfen, was wir durchaus ab und an machen. Das ist nicht der Fokus unserer Initiative. Wir planen gemeinsam Aktivitäten und erleben diese später auch gemeinsam.

WbF: In welcher Form nehmt ihr aus den Begegnungen mit geflüchteten Menschen etwas mit?  


Patrick: Als wir 2014 damit begonnen haben, uns mit Geflüchteten zu treffen, stand dahinter noch nicht die Idee einer Initiative. Wir wollten zunächst Geflüchteten begegnen und vor allem eine persönliche Beziehung schaffen. Das ist uns, glaube ich, ganz gut gelungen. Es gibt mittlerweile einige Geflüchtete, die einfach gute Freunde geworden sind. Wir bringen uns gemeinsam unsere Sprache und unsere Kultur näher. Zum Beispiel laden wir uns gegenseitig zum Essen ein und trinken zusammen Kaffee. Dadurch entsteht ein schönes und ganz normales Verhältnis. Das nehme ich zum Beispiel für mich mit.  

WbF: Wie legt ihr den Grundstein für diese möglichen Freundschaften?  

Patrick: Wir organisieren beispielsweise Treffen, zu denen wir Geflüchtete, Studierende und Bürger einladen. In einer lockeren Atmosphäre können sich alle gegenseitig kennenlernen und erste Kontakte knüpfen. Dazu unterstützen wir mit verschiedenen Methoden. Das ist ein erster Impuls, um sich einander kennenzulernen und für ein nächstes Treffen zu verabreden. Die Partner der Sprach-Tandem finden sich nach diesem Prinzip in unserem Sprach-Café, welches auch in der Learning Community gemeinsam geplant und durchgeführt wird.  

WbF: Im Grunde kann man sich die Arbeit von Weltraum so vorstellen: Ihr schafft Möglichkeiten, sich gegenseitig kennenzulernen und schaut dann, was sich daraus entwickelt.  

Patrick: Genau. Dafür gibt es ganz viele verschiedene Arten und Konzepte. Welt_raum ist mittlerweile, weil wir schon so viele Sachen ausprobiert haben, mehr oder weniger eine Plattform für verschiedene Formate und Konzepte geworden. Uns geht es im Wesentlichen immer darum, Anlässe oder Medien zu finden, die die Begegnungen ermöglichen und vereinfachen. In unserer Learning Community haben wir beispielsweise zusammen Möbel gebaut, einen Druckworkshop veranstaltet und in einem Tanzworkshop eine gemeinsame Performance erarbeitet. Wir sind immer auf der Suche nach neuen Wegen, die ein Zusammenkommen ermöglichen.

WbF: Welche verschiedenen Begegnungsräume schafft ihr?  

Patrick: Anfangs hatten wir noch kein festes Konzept. Das hat sich über die Zeit erst geformt. Heute kann man unsere verschiedenen Begegnungsräume in zwei Gruppen aufteilen. Einmal die Räume, die wir selbst initiieren. Zum Beispiel die Sprach-Tandems oder unsere Ausflüge. Und dann bieten wir Räume an, die wir über Kooperationen erschlossen haben. Wir arbeiten mit der Volkshochschule zusammen, mit der Musikschule oder mit Sportvereinen. Wir sehen uns in diesem Punkt als eine Schnittstelle zwischen Geflüchteten und diesen Institutionen. Wir fragen zum Beispiel an, ob sie freie Plätze haben und tragen die Information an Geflüchtete weiter.

WbF: Du hast schon mehrmals die Learning Community angesprochen. Was verbirgt sich dahinter?

Patrick: Mit der Learning Community haben wir seit diesem Semester zum ersten Mal auch die Möglichkeit einen Raum, nicht nur als Metapher unserer Formate, anzubieten, sondern auch physisch in unserer Universität. Das haben wir nicht alleine getragen, sondern zusammen mit dem artsprogram partnerschaftlich umgesetzt. In dem Raum, der sonst für Ausstellungen zur Verfügung steht, konnten wir dann mit ganz vielen verschiedenen Arten von Konzepten und Formaten bespielen. Zum Beispiel haben wir gemeinsam Drucke angefertigt, zusammen gemalt und Tanzchoreographien mit berühmten Performancekünstlern gelernt. All diese Formate suchen einen Weg, um trotz Sprachbarrieren auf einer kreativen Ebene zusammenzukommen.  

WbF: Ihr beschreibt die Learning Community als partizipatives Projekt. Inwiefern schafft ihr dort Beteiligungsmöglichkeiten für Geflüchtete?  


Patrick: Ein Semester zuvor, haben wir mit Geflüchteten gemeinsam das Konzept entwickelt. Wir haben sie gefragt, welche Formate aus ihrer Sicht Sinn machen und welche sie selbst anbieten würden. Daraus ist beispielsweise entstanden, dass Issam und Abdullah, zwei Freunde von uns, eine Beratungsstunde angeboten haben. In dieser beraten sie jeden Donnerstag zwei Stunden in der Learning Community unter anderen zu bürokratischen Fragestellungen oder Fragen des Alltags. So konnten sie ihr Wissen, da sie schon seit zwei Jahren in Deutschland leben, weitergeben.

Das hat auch dazu geführt, dass Radhi, ein irakischer Regisseur, der vor einem halben Jahr nach Deutschland gekommen ist, ein Theaterworkshop jeden Mittwoch durchgeführt und zum Abschluss der Learning Community ein Theaterstück aufgeführt hat, welches er dort eingeübt hat. Wir hatten auch jeden Mittwoch eine Transcultural Kitchen, wo verschiedene Gruppen Essen aus ihren Kulturkreisen gekocht haben. Neben diesem Wochenprogramm gab es vier, fünf größere Workshops, zu denen wir externe Expertinnen und Künstler eingeladen haben.

WbF: Findet die Learning Community noch statt?

Patrick: Die Learning Community war ein Modellprojekt, welches von Februar bis März lief. Die erprobten Konzepte und Formate werden jetzt aber in unserem eigenen Raum, der uns dankenswerter Weise vom Landkreis zur Verfügung gestellt wird, in einer Flüchtlingsunterkunft über- und fortgeführt.   

WbF: Warum ist euch als Initiative die Partizipation von Geflüchteten besonders wichtig?  

Patrick: Um sie nicht in so ein Helfer-Verhältnis zu rücken und damit klein zu machen. Eine zentrale Herausforderung, die wir in unserer Arbeit mit Geflüchteten erfahren haben, ist, dass sie kaum Möglichkeiten haben innerhalb unserer Gesellschaft selbst aktiv zu werden. Zumindest, wenn sie noch keinen Sprachkurs machen können. Dann schlägt das auch in eine gewisse Form der Lethargie und Frustration um, weil man nicht arbeiten kann, weil man nicht zur Schule gehen kann und den ganzen Tag in der Unterkunft sitzt. Hinzu kommen die ganzen positiven Aspekte partizipativer Prozesse, wie das das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Auch gemeinsame Lernprozesse, die damit angestoßen werden, sind deutlich leichter in Beteiligungsformaten zu generieren.

WbF: Wenn andere eure Idee bei sich vor Ort umsetzen möchten: Was müssen sie dabei beachten?

Patrick: Zunächst einmal: Kontakt zu den Geflüchteten herstellen. Mit ihnen sprechen, schauen, ob bei ihnen der Wunsch besteht, gemeinsam etwas zu unternehmen. Das wird vermutlich überall gegeben sein. Dann muss man schauen, dass man gemeinsam Aktivitäten findet, die einen Spaß machen. Zudem kann man schauen, ob man sich für diese Aktivitäten ein Netzwerk von Expertinnen und Experten aufbauen kann. Dieses kann dann zum einen beraten und Tipps geben. Zum anderen ist ein Unterstützungsnetzwerk sehr hilfreich. Wir arbeiten zum Beispiel sehr eng mit der Stadt Friedrichshafen zusammen. Wir sind auch in anderen lokalen Netzwerken vertreten, wo andere Helferkreise und ähnliche Initiativen aktiv sind. Also: Den Kontakt suchen, sich gemeinsam was überlegen, Netzwerke erschließen und dann schauen, was sich daraus entwickelt. Wer mehr dazu wissen möchte oder konkrete Anregungen und Tipps braucht, kann auf unserer Webseite oder bei Facebook vorbeischauen. Natürlich kann man uns auch einfach ansprechen.

WbF: Super, vielen Dank für deine Zeit.

Patrick: Sehr gerne.

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