Jugendarbeit und Ehrenamt

„Gemeinschaft, wo zuvor Grenzen wahrgenommen wurden“

Fußball versteht jeder – auch ohne Sprache. Daher eignet sich dieser Sport besonders gut für die Integration junger Geflüchteter, erläutert Stefan Kiefer im Gespräch. Kiefer ist Vorstandsvorsitzender der Bundesliga-Stiftung und Mitglied des Fachbeirats von „Willkommen bei Freunden“.

Willkommen bei Freunden (WbF): Warum eignet sich Fußball besonders zur Integration geflüchteter Kinder und Jugendlicher?

Stefan Kiefer: Der Fußball ist ein Bindeglied unserer Gesellschaft. Er führt Menschen im Stadion, vor dem Fernseher oder auf dem Fußballplatz zusammen, die ohne ihn vielleicht nie in Kontakt gekommen wären. Besonders geflüchtete Kinder leiden häufig unter der Trennung von Freunden und Familienmitgliedern, die sie in ihrem Heimatland zurücklassen mussten. Sie benötigen in einem für sie völlig fremden Umfeld dringend Anschluss und Möglichkeiten, einfach Kind oder Teenie sein zu können. Der Sport kann ihnen genau das geben. Durch den Fußball entsteht Gemeinschaft, wo zuvor Grenzen wahrgenommen wurden. Plötzlich zählt nicht mehr, wer welche Hautfarbe, Religion oder Herkunft hat. Damit bietet der Fußball ideale Voraussetzungen für die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund.

WbF: Was kann jungen Geflüchteten, neben der sportlichen Aktivität, durch Fußball vermittelt werden?

Kiefer: Zunächst einmal ist es wichtig, die Kinder und Jugendlichen, die eine solch schwere, womöglich auch traumatische Zeit durchleben, auf andere Gedanken zu bringen. Sie sollen sich hier wohlfühlen und auch mal wieder ein bisschen Spaß haben. Eines der großen Probleme, das sich diesen Kindern stellt, ist die Sprachbarriere – nicht nur mit Blick auf die deutsche Bevölkerung, sondern auch untereinander zwischen Syrern, Afghanen oder Albanern. Mit einem Ball am Fuß werden diese Probleme zumindest zeitweise überwunden, denn alle haben ein gemeinsames Ziel, das auch nonverbal erreicht werden kann. So finden die jungen Geflüchteten einen Zugang zueinander, freunden sich im Idealfall untereinander sowie mit Deutschen an und verspüren in der Folge vielleicht eine größere Motivation eine gemeinsame Sprache zu erlernen. Wenn das geschieht und sich geflüchtete Kinder und Jugendliche willkommen fühlen oder auch nur einmal wieder eine Stunde lachen und Spaßhaben können, dann ist schon viel erreicht.

WbF: Wie können Vereine ihre Angebote für junge Geflüchtete öffnen?

Kiefer: Das lässt sich pauschal kaum beantworten und ist von Club zu Club verschieden, da jeder Verein andere Voraussetzungen und Möglichkeiten hat. Fest steht, dass sich jeder Club der Bundesliga und 2. Bundesliga für Geflüchtete auf die eine oder andere Weise engagiert. Ein Großteil der Clubs setzt sich gemeinsam mit der Bundesliga-Stiftung im Rahmen des Integrationsprogramms „Willkommen im Fußball“ für junge Geflüchtete ein. Aber auch darüber hinaus sind die Clubs aktiv, mit Bildungs- und Freizeitangeboten, Spendensammlungen, Einladungen zu Spielen ins Stadion und vielen weiteren Aktionen.

WbF: Sie haben „Willkommen im Fußball“ angesprochen. Die Bundesliga-Stiftung hat zusammen mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration dieses Programm initiiert. Mit Willkommensbündnissen aus Bundesliga-Clubs, Amateurvereinen und Partnern vor Ort ermöglicht das Programm jungen Geflüchteten das Kicken. Welche Vorteile bieten solche breiten Bündnisse für die Jugendarbeit im Sport?

Kiefer: Das Einzigartige an den Willkommensbündnissen ist, dass sich mehrere Partner zusammenfinden und ganz unterschiedliche Kompetenzen einbringen und sich auf diese Weise optimal ergänzen. Zivilgesellschaftliche Partner wie zumBeispiel Stiftungen und Bildungsträger kennen bedürftige Geflüchtete aus ihrer alltäglichen Arbeit vor Ort und stellen den Kontakt zwischen Ihnen und den Clubs und Vereinen her. Durch die lokale Struktur gewährleisten wir, dass Hilfe und Unterstützung auch genau dort ankommt, wo sie dringend benötigt wird. Junge Geflüchtete werden so gezielt aus ihrem oft unsteten und tristen Alltag geholt und über den Fußball an Sprache, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe herangeführt. Bundesliga-Stiftung, Bundesregierung und DKJS ist es dabei wichtig, dass die Willkommensbündnisse von Beginn an nicht nur finanziell unterstützt, sondern auch aktiv vor Ort begleitet werden, um sie auch über die Förderdauer hinaus, tragfähig zu machen.

WbF: Was geben Sie Vereinen mit, welche sich noch unsicher sind, ihre Angebote für junge Geflüchtete zu öffnen?

Kiefer: Meist ist gar nicht viel Überzeugungsarbeit zu leisten, sondern wir treffen auf offene Ohren und hilfsbereite Hände. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass das ganzheitliche Konzept, bestehend aus Proficlubs, Amateurvereinen und weiteren Partner vor Ort, überzeugt. Zudem geben wir als Bundesliga-Stiftung gemeinsam mit der DKJS umfangreiche Informationen und Hilfestellungen, sodass ein reibungsloser Ablauf gewährleistet werden kann. Die Rückmeldungen aus den Proficlubs und insbesondere auch von der Kindern und Jugendlichen selbst sind äußerst positiv und das Interesse an „Willkommen im Fußball“ dementsprechend groß.

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