Gesundheit und medizinische Versorgung

Gesundheitsheft für geflüchtete Kinder und Jugendliche

Um geflüchteten Kindern und Jugendlichen den Weg durch das deutsche Gesundheitssystem zu erleichtern und durch mehr Transparenz die Arbeit der Ärzte zu erleichtern, führt der Kreis Pinneberg ein Gesundheitsheft ein. Es begleitet künftig geflüchtete Kinder und Jugendliche im Kreis bei allen Arztbesuchen und dokumentiert wichtige Untersuchungen und Befunde. Die Vorstellung des Heftes Ende Januar 2018 wurde von einem Training zu interkultureller Kompetenz im Gesundheitswesen begleitet.

In zwölf Sprachen steht „Gesundheitsheft“ auf dem hellblauen Heft, das Dr. Angelika Roschning vom Fachdienst Gesundheit im Kreis Pinneberg in die Luft hält. Wer keiner dieser Sprachen mächtig ist, dem helfen Symbole wie Arztkoffer, Spritze oder Pflaster bei Arztbesuchen weiter. Das Heft werde ab sofort für jedes geflüchtete Kind im Kreis Pinneberg ausgegeben, um „alle ärztliche Untersuchungen und jeden Befund zu dokumentieren“, erläutert Angelika Roschning den anwesenden Sprachmittlern, Mitarbeitenden von Trägern der Familien- und Jugendhilfe, von Schulen und Fachstellen sowie den Ehrenamtlichen, die der Einladung vom Fachdienst Gesundheit, der Stabstelle Integration sowie dem Bundesprogramm „Willkommen bei Freunden – Bündnisse für junge Flüchtlinge“ gefolgt sind.

Frau Roschnig, Leitung des Fachdienstes Gesundheit in Pinneberg, arbeitet zusammen mit Frau Linne, Leitung der Stabsstelle Integration, und Herrn Hüls, Sprecher des Berufsverbands Kinder- und Jugendärzte für den Kreis Pinneberg, in einem Bündnis zusammen. Gemeinsam haben sie sich vorgenommen, die Gesundheitsversorgung und Behandlung von geflüchteten Kindern und Jugendlichen durch Transparenz über bereits erfolgte Untersuchungen und Behandlungen zu verbessern. Die Einführung des Gesundheitsheftes ist dabei ein wichtiger Meilenstein.

Ein leichterer Weg durch die medizinischen Einrichtungen

Wenn Geflüchtete in Deutschland ankommen, werden sie zunächst in den Erstaufnahmeeinrichtungen untersucht und bei Bedarf an Fachärzte und Therapeuten verwiesen. Auch fehlende Impfungen werden nachgeholt. In der Regel müssen Geflüchtete danach ihren Wohnort und so auch den Arzt wechseln und in Folge dessen kam es wegen fehlender Kenntnisse des deutschen Gesundheitssystems und sprachlicher Missverständnisse immer wieder zu Doppeluntersuchungen. „Jedes in Deutschland geborene Kind erhält das gelbe Vorsorgeheft, in dem Impfstatus und Untersuchungsergebnisse verzeichnet sind. Für Kinder und Jugendliche, die später nach Deutschland kommen, gibt es nichts Vergleichbares“, so Angelika Roschning.

Das soll sich nun ändern: Im Pinneberger Gesundheitsheft werden die medizinischen Verläufe, aber auch die Kontaktdaten des behandelnden Arztes erfasst. „Wir versprechen uns für die Ärzte mehr Transparenz und für die Geflüchteten und ihre Betreuer einen leichteren Weg durch die medizinischen Einrichtungen“, so Angelika Roschning. In Bremen, wo das Heft entwickelt wurde, aber auch in Baden-Württemberg und den Kreisen Ostholstein und Kiel seien die Erfahrungen damit durchweg positiv.

Unterstützung durch die Multiplikatoren

Um das Gesundheitsheft „mit Leben zu füllen“, so Angelika Roschning, kooperiert der Kreis Pinneberg mit „Willkommen bei Freunden – Bündnisse für junge Flüchtlinge“. „Mit dieser Veranstaltung helfen wir, die Informationen über das Heft unter Ärzten, Klinikpersonal, ehrenamtlichen und professionellen Begleitern zu verbreiten und sie als Unterstützer zu gewinnen“, bestätigt Nastasja Ilgenstein vom Hamburger Servicebüro. Mit Unterstützung von „Willkommen bei Freunden“ soll im Anschluss an die Veranstaltung ein mehrsprachiger Begleitzettel entwickelt werden. Dieser soll die Einführung und Benutzung des Gesundheitshefts für geflüchtete Menschen als auch für das medizinische Personal erleichtern. Die größte Herausforderung sei es, dass die Geflüchteten das Gesundheitsheft tatsächlich als Unterstützungsangebot sehen und es bei jedem Arztbesuch bei sich tragen. „Um das zu vermitteln, brauchen wir Sie als Multiplikatoren“, wendet sich Angelika Roschning an die Anwesenden.

Doch bei der Vermittlung von Gesundheitsthemen ist interkulturelle Kompetenz gefragt. Welche Missverständnisse in der Kommunikation auftauchen können und wo deren Ursachen liegen, erläutert Martina Simon, Trainerin für interkulturelle Kompetenz und Kommunikation, im anschließenden Workshop. Als grundlegend für die Arbeit mit Geflüchteten bezeichnet sie die persönliche Haltung des „Verstehenwollens“ - auch wenn die Einstellungen des Gegenübers manchmal schwer nachvollziehbar sind. Bei manchen könne das Gesundheitsheft Ängste vor Kontrolle hervorrufen. „Sie als Begleiter können entsprechende Ängste oder Vorbehalte durch Erklärungen abbauen“, erläutert Martina Simon den Anwesenden.

Genesung mit Hilfe der Familie

Eine lebhafte Diskussion der Teilnehmenden entwickelte sich um ihre Ausführungen zu kulturspezifischen Konzepten im medizinischen Bereich. „Wir finden Unterschiede im Verständnis von Krankheit und im Ausdrücken von Beschwerden“, so Martina Simon. Beispielsweise würden Familien ihre Neugeborenen aus Angst vor negativen Einflüssen in den ersten Lebensmonaten vor der Öffentlichkeit abschirmen. Die Fachkräfte aus dem therapeutischen Bereich berichten unter anderem, dass psychische Erkrankungen, häufig als Folge einer Traumatisierung, in vielen Regionen sehr negativ behaftet seien und die Betroffenen eine solche Diagnose schwer akzeptieren können. Die Anwesenden diskutieren anschließend, wie sie mit den Betroffenen die Tragweite der Erkrankung thematisieren können.

Am Ende der Veranstaltung ziehen die Teilnehmenden eine durchweg positive Bilanz. Nach der anfänglichen Krisenbewältigung seien Institutionen und Behörden nun auf dem Weg, Instrumente zu entwickeln, die den Geflüchteten nachhaltig im Alltag helfen, sagt eine Teilnehmerin. „Das Gesundheitsheft ist ein weiterer Schritt bei der Integration von Geflüchteten durch den Kreis Pinneberg.“

Autorin: Michaela Ludwig

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