Gesundheit und medizinische Versorgung

Gesundheitsversorgung und Prävention für geflüchtete Kinder und Jugendliche

Laut UN-Kinderrechtskonventionen haben alle Kinder und Jugendliche ein Recht auf gesundheitliche Versorgung. Doch wie ist der Zugang zu medizinischen Leistungen, von der Erstaufnahme bis zur längerfristigen Versorgung für geflüchtete Kinder und Jugendliche geregelt? In welchem Umfang erfolgt eine Einbeziehung ins kassenärztliche Regelsystem? Und wie sieht die Versorgung und Beratung von Schwangeren aus? Inwieweit sind Eltern und junge Erwachsene über das Gesundheitssystem in Deutschland und die ihnen zustehenden Leistungen informiert?

Nachdem geflüchtete Kinder und Jugendliche allein oder mit ihren Familien in Deutschland angekommen sind, findet meist zeitnah eine erste gesundheitliche Untersuchung statt. Neben der allgemeinen gesundheitlichen Verfassung wird dabei untersucht, ob Anzeichen für ansteckende Krankheiten bestehen. Die Untersuchung ist obligatorisch und jeder ist verpflichtet daran teilzunehmen. Eine Dokumentation der Untersuchung, zum Beispiel in einem Dokumentationsbogen, verhindert unter anderem unnötige Doppeluntersuchungen, mehrmalige Blutabnahmen oder Mehrfachimpfungen. Bei der Untersuchung wird ebenfalls der aktuelle Impfstatus festgestellt. Wird ein mangelnder Impfschutz festgestellt, kann durch den öffentlichen Gesundheitsdienst oder durch einen von diesem beauftragten Arzt die Impflücken geschlossen werden. Dies geschieht auf freiwilliger Basis und ist nicht verpflichtend.

In den meisten Erstaufnahmeeinrichtungen gibt es im weiteren Verlauf zentrale medizinische Sprechstunden. Daneben bestehen viele, lokal sehr unterschiedliche ehrenamtliche Angebote.
Bei einer dezentralen Unterbringung können die Versorgungsbedingungen oft schwieriger sein. Hier ist es wichtig, dass geflüchtete Menschen informiert werden, an wen sie sich wenden können.

Zugang zum Gesundheitssystem

Nach der derzeitigen Gesetzeslage erhalten Asylsuchende in den ersten 15 Monaten lediglich eine Not- und Akutversorgung. Im Krankheitsfall müssen Geflüchtete zuerst beim Sozialamt einen Behandlungsschein bzw. eine Kostenübernahmeerklärung anfordern, der ihnen den Arztbesuch gestattet. Die Kosten für Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen werden übernommen. Geflüchtete Kinder erhalten wie alle Kinder auch die Vorsorgeuntersuchungen U1 bis U9. Hingegen werden die Kosten für die Behandlung chronischer Erkrankungen in der Regel nicht übernommen. Auch psychotherapeutische Behandlungen werden meist nur für besonders verletzliche Gruppen, etwa unbegleitete minderjährige Geflüchtete, übernommen.

In einigen Bundesländern, darunter Berlin, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein erhalten Geflüchtete bereits vor Ablauf der Frist von 15 Monaten eine Gesundheitskarte einer gesetzlichen Krankenkasse. Die Länder Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen haben mit den Krankenkassen Rahmenvereinbarungen geschlossen, jetzt müssen die Kommunen das Vorhaben noch umsetzen. Die Karte vereint vieles: Wer sie besitzt, kann zu jedem Arzt gehen und die Kasse übernimmt die Kosten. Jedoch nicht bei allen Behandlungen, sondern nur bei denen, die das Asylbewerberleistungsgesetz abdeckt.


In allen Bundesländern erhalten Geflüchtete Menschen nach 15 Monaten eine elektronische Gesundheitskarte (eGK) einer gesetzlichen Krankenkasse. Danach können sie ohne Leistungseinschränkung das deutsche Gesundheitssystem in Anspruch nehmen.

Medizinische Versorgung für geflüchtete Kinder und Jugendliche

Auf der Seite „kindergesundheit-info“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind viele Informationen zur Gesundheit von geflüchteten Kindern nach Themen sortiert zusammengestellt. Ärzte, medizinische Fachkräfte, Kitamitarbeiter, Hebammen oder Ehrenamtliche finden hier Info-Materialien, Broschüren und Formulare zu Themen wie Zahngesundheit, Impfen oder Ernährung.
In einigen Bundesländern wie Baden-Württemberg und Bremen haben die Landesärztekammern ein Gesundheitsheft für geflüchtete Kinder- und Jugendliche erstellt. Das Heft soll Kinder- und Jugendärzten, Allgemeinärzten beziehungsweise anderen Fachärzten als Dokumentationshilfe dienen und sollte zusammen mit dem Impfausweis und der Versichertenkarte bei allen Arztbesuchen mitgebracht werden. Die Kammer möchte damit jungen Geflüchteten, ihren Eltern oder Betreuern, den Weg durch die Institutionen erleichtern und medizinische Befunde zusammenfassen.
Während unbegleitete minderjährige Geflüchtete Zugang zu den kompletten Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung haben, gilt für geflüchtete Kinder und Jugendliche, die mit ihren Eltern nach Deutschland kommen, nur ein Anspruch auf Behandlung bei akuter Krankheit, nicht jedoch bei chronischer.

Versorgung und Beratung in der Schwangerschaft

Anerkannte Geflüchtete, aber auch Frauen, die Asyl beantragt haben oder sich ohne gesicherten Aufenthaltsstatus in Deutschland aufhalten, haben grundsätzlich Anspruch auf Hebammenhilfe. Diese umfasst die Versorgung vor, während und nach der Geburt. Viele geflüchtete Frauen wissen jedoch nicht, dass eine Hebammenhilfe Bestandteil des Versorgungsangebotes ist und können daher keinen Besuch oder Kontakt zu einer Hebamme organisieren. Vor diesem Hintergrund bieten viele gemeinnützige Vereine in offenen Runden Gespräche zwischen schwangeren Frauen oder auch mit Sozialarbeiterinnen an. Auch die „Frühen Hilfen“ übernehmen im Rahmen der Schwangerschaftsberatung von geflüchteten Frauen eine wichtige Funktion. Im Mittelpunkt Früher Hilfen stehen insbesondere die ersten drei Lebensjahre von der Schwangerschaft an bis zur frühen Kindheit. Der Leitfaden „Betreuung von Frauen, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen“ möchte Hebammen in ihrer Arbeit mit geflüchteten Frauen Orientierung geben, vor allem in Bezug auf eine trauma- und kultursensible Haltung.

Verständigung beim Arztbesuch

Wie funktioniert das deutsche Gesundheitssystem? Wie verständigen sich Arzt und Patient, wenn sie nicht dieselbe Sprache sprechen? Es gibt mittlerweile einige Ratgeber und Hilfsmittel, die Geflüchtete nutzen können. Ein Erklärvideo der Agentur Videoboost zeigt Geflüchteten in einfachen Schritten, was sie beachten müssen, wenn sie einen Arzt aufsuchen und welche Ansprüche sie haben. Das Video gibt es in mehreren Sprachen und mit arabischen Untertiteln.
Beim Arztbesuch selber können die Patienten Übersetzungshilfen mit den Grundbegriffen zur Hilfe nehmen. Das „Refugee Phrasebook“ ist in den Sprachen Albanisch, Arabisch, Darsi, Farsi, Paschtu, Sorani und Kurmanci verfügbar. Eine andere Möglichkeit der Verständigung bietet Tipdoc. Neben Übersetzungen zeigt die Broschüre auch Bilder auf die der Patient zur Verständigung tippen kann.
In Schleswig-Holstein bietet die ife-Gesundheits-AG den kostenlosen Service an, dass Sprachmittler am Telefon zwischen Arzt und Patient übersetzen.

Menschen ohne Papiere

Menschen ohne Papiere, etwa Geflüchtete ohne Aufenthaltsstatus, haben ein Recht auf Gesundheit, allerdings haben sie längst nicht immer ungehinderten Zugang zu medizinischer Versorgung. In vielen deutschen Städten erhalten sie jedoch in sogenannten „Medibüros“ schnelle, kostenlose und unbürokratische Hilfe. Ehrenamtliche Helfer vermitteln Patienten an Artpraxen, psychotherapeutische Anlaufstellen, Hebammen oder bei Bedarf auch an Kliniken.
Mittlerweile gibt es über das gesamte Bundesgebiet verteilt 25 solcher unabhängiger Netzwerke aus Freiwilligen, Ärzten und Angehörigen anderer medizinischer Berufe, die sich bemühen, eine Grundversorgung der Betroffenen zu gewährleisten.

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