Jugendarbeit und Ehrenamt

Handlungsempfehlung: Ausbeutung von jungen Geflüchteten erkennen und begegnen

Geflüchtete Kinder und Jugendliche gehören zu einer sehr vunerablen Gruppe. Das macht sie während und nach der Flucht zu einem leichten Ziel für Menschenhändler. Auf diese Weise geraten junge Geflüchtete oft in Zwangsstrukturen oder werden, besonders Mädchen und Frauen, sexuell missbraucht. Aus Sicht von Dr. Dorothea Czarnecki, Fachreferentin zu Menschenhandel und Kinderschutz bei ECPAT Deutschland e.V., wird diese Möglichkeit zu wenig mitgedacht. Besonders, wenn es um straffällig gewordene Jugendliche geht. Im Interview mit „Willkommen bei Freunden” erläutert die Fachreferentin, was mögliche Anzeichen für Menschenhandel sein können und wie man als pädagogische Fachkraft präventiv vorgehen kann.

Willkommen bei Freunden (WbF): Können Sie bitte die verschiedenen Arten von Menschenhandel bezüglich junger Geflüchteter nennen.

Dorothea Czarnecki: Bei dem Thema steht zunächst die sexuelle Ausbeutung von geflüchteten Frauen sehr im Fokus. So fürchterlich es auch klingt: Mädchen und Frauen auf der Flucht müssen damit rechnen, auf der Flucht sexuell missbraucht oder ausgebeutet zu werden. Aber auch junge Männer sind von sexueller Ausbeutung und anderen Formen des Menschenhandels betroffen: zum Beispiel durch Zwang zum Drogenhandel oder anderen Delikten. Wir machen häufig die Erfahrung, dass beim Aufgriff straffälliger Jugendlicher Kinderhandel als Ursache nicht mitgedacht wird. Denn in solchen Fällen können Zwangsstrukturen im Hintergrund eine Rolle spielen, die Kinder dazu bewegen, Delikte in Deutschland zu verüben.

WbF: Wer kann auf Anzeichen für Menschenhandel aufmerksam werden?

Czarnecki:
In erster Linie alle, die mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen direkt zusammenarbeiten. Das sind beispielsweise alle Mitarbeitende der Clearingstellen. Wenn die Kinder und Jugendlichen unbegleitet geflüchtet sind, spielen die Vormünder eine wichtige Rolle. Denn die Vormünder haben, zumindest theoretisch, einen sehr guten Zugang zu den jungen Personen. Doch gerade für Amtsvormünder, die mehr als 50 geflüchtete Jugendliche betreuen, ist es schwierig, ein persönliches Verhältnis aufzubauen. Daher arbeiten wir zurzeit in unserem Projekt ReACT (Reinforcing Assistance to Child Victims of Trafficking) sehr spezifisch daran, Vormünder in fünf europäischen Ländern, darunter auch Deutschland, für das Erkennen von Menschenhandel zu sensibilisieren.

WbF: Wie erkenne ich als Betreuungsperson, ob ein junger Geflüchteter von Menschenhandel betroffen ist?

Czarnecki: Zum Beispiel, wenn ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling in seinem Clearinghaus häufig tagsüber verschwindet und auch nicht die Schule besucht, und niemand weiß, wo er steckt. Wenn er dabei viel mit einem Rucksack unterwegs ist, dort wird oft das Diebesgut transportiert. Auch die Kleidung kann ein gutes Erkennungszeichen sein: Wenn die Kinder andauernd mit neuen Klamotten oder teuren Schuhen ankommen, die sie sich eigentlich nicht leisten könnten. Häufig steckt dann eine Ausbeutungsstruktur dahinter, die Jugendliche in kriminelle Netzwerke bringt. Oft geht es darum, auf sein Bauchgefühl zu hören: Das Kind sagt mir zwar nicht, was konkret los ist. Aber ob es in einer Notlage steckt und Zwang von einer anderen Seite erfährt, das bekommt man mit.

WbF: Wenn ich Anzeichen auf eine mögliche Zwangssituation bei geflüchteten Jugendlichen erkenne: Wie gehe ich dann am besten vor?

Czarnecki: Dafür gibt es leider kein Patentrezept. Es hängt sehr damit zusammen, wie mein Verhältnis zu dem Jugendlichen ist. Kann ich zum Beispiel Themen direkt ansprechen, weil bereits eine sehr vertrauensvolle Beziehung besteht. Zum Beispiel sind sexuelle Gewalterfahrungen für Jungen aus dem arabischen Raum ein großes Tabuthema, mit einer großen Furcht vor einem negativen Stigma. Da muss man mit besonderen Fingerspitzengefühl vorgehen, um das Vertrauen dieser Jugendlichen zu gewinnen. Fachkräften empfehle ich immer, bestehende Angebote von spezialisierten Fachberatungsstellen für Betroffene des Menschenhandels in Anspruch zu nehmen. Da kann schon ein kurzes Telefonat hilfreich sein, um eine erste Handlungsorientierung zu bekommen. Eine Übersicht über alle Fachberatungsstellen in Deutschland findet sich auf www.kok-gegen-menschenhandel.de.

WbF: Kann ich auch darauf warten, bis Jugendliche von selbst ihre Notlage ansprechen?

Czarnecki: Das würde ich nicht empfehlen. Es dauert sehr lange, bis ein junger Mensch, der unter Umständen heftige Erfahrungen bezüglich Gewalt und Ausbeutung gemacht hat, sich seiner Bezugsperson anvertraut. Die Chance, dass sich betroffene Kinder und Jugendliche von sich aus an das Hilfesystem wenden, ist sehr gering: Niemand sieht sich gerne als Opfer. Zusätzlich ist unser Hilfesystem jungen Geflüchteten zunächst undurchschaubar und unbekannt. Prinzipiell müssen wir es schaffen, dass alle Vormünder zumindest einmal vom Thema Kinderhandel gehört haben. Nur so können sie es auch mitdenken, wahrnehmen und dann unterstützend für die Jugendlichen da sein. Das muss nicht immer mit großem Aufwand verbunden sein. Beispielsweise bietet ECPAT e.V. ein Webinar für Fachkräfte an, das innerhalb von einer Stunde die wichtigsten Grundlagen vermittelt.

WbF: Gibt es Materialien von ECPAT, die in solchen Situationen unterstützen können?

Czarnecki: Wir haben zum Beispiel ein jugendgerechtes Informationsvideo sowie einen Flyer in 13 unterschiedlichen Sprachen erstellt. Das Material macht deutlich, welche Rechte Jugendliche als betroffene des Menschenhandels in Deutschland haben und welche Personen zum Hilfesystem gehören. Die Kinder müssen verstehen: Egal, was mir passiert ist, ich habe ein Recht auf Unterstützung und da sind Personen um mich herum, die mir helfen. Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf altersgerechte, muttersprachliche Information.

WbF: Welche Art von Unterstützung benötigen von Menschenhandel betroffene Jugendliche neben Information außerdem noch?

Czarnecki: In erster Linie geht es um Stabilisierung. Die Jugendlichen benötigen eine bedarfsgerechte Unterkunft, die ihnen äußeren Schutz und innere Sicherheit bietet. Die Jugendlichen müssen wissen, dass sie in Deutschland erst einmal bleiben können und hier eine Perspektive haben. Für manche Jugendliche ist zusätzlich eine psychotherapeutische Unterstützung notwendig. Darüber hinaus brauchen geflüchtete Jugendliche natürliches alles, was andere Jugendliche auch zur Entwicklung ihrer Identität brauchen: soziale Kontakte mit Gleichaltrigen und Bildungszugänge. Sie müssen die Chance bekommen, Perspektiven in Deutschland zu entwickeln - wenn sie das denn möchten.

WbF: Man liest immer wieder von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die verschwunden sind: Wie kommt es dazu, dass junge Geflüchtete, die sehr eng durch das Jugendamt betreut werden, einfach verschwinden?

Czarnecki: Das ist einerseits schwer nachzuvollziehen, weil es natürlich viele engagierte Fachkräfte bei den Jugendämtern, bei Vormündern und in der Kinder- und Jugendhilfe gibt. Andererseits müssen sie sich vorstellen, dass ein junger Mensch, der nach Deutschland geflüchtet ist, zunächst nicht weiß, wer Teil des Hilfesystems ist. Denken Sie daran, dass auch die Polizei zentrale Aufgaben des Kinderschutzes erfüllt. Das sind oft fremde Strukturen für die Jugendlichen. Wir dürfen nicht vergessen: Wenn ein Vormund oder jemand von der Kinder- und Jugendhilfe dem Kind die Hand ausstreckt, Schutz verspricht und Unterstützung anbietet, unterscheidet sich das zunächst nicht von dem, was Menschenhändler Kindern anbieten. Diese Versprechungen kennen die Jugendlichen, haben vielleicht auch schlechte Erfahrungen damit gemacht. Daher ist es für Kinder und Jugendliche sehr schwer, den Schalter umzulegen und Vertrauen aufzubauen.

WbF: Es ging jetzt viel um unbegleitete Jugendliche. Es gibt aber auch Fälle, bei denen Jugendliche mit vermeintlich sorgeberechtigten Personen einreisen: Wie verhält es sich mit begleiteten Jugendlichen?

Czarnecki: Wir sehen, dass die Jugendämter diesbezüglich vor einem großen Problem stehen. Für die Mitarbeitenden ist es schwer zu überprüfen, ob die angegebenen Familienverhältnisse tatsächlich stimmen. Ein guter Ansatzpunkt sind jedoch Schulen, sofern die Jugendlichen eine besuchen. Lehrkräfte können gut mit den Jugendlichen in Kontakt treten und als Vertrauenspersonen dienen. Dafür bedarf es natürlich, ähnlich wie bei den Vormündern, einer Sensibilisierung der Lehrinnen und Lehrer. Doch wir wissen natürlich, dass Lehrkräfte überladen sind mit Ansprüchen, die von allen Seiten an sie herangetragen werden.

WbF: Mit welchen Partnern könnten Schulen ein starkes Netzwerk aufbauen, um bezüglich des Themas Menschenhandel gut aufgestellt zu sein?


Czarnecki: Das hängt natürlich von den vorhandenen Strukturen in der jeweiligen Region ab. Ein guter Weg führt dabei über die Landesflüchtlingsräte: Dort besteht meistens eine gute Kenntnis darüber, welche Akteure in der Region vorhanden sind. Im Grunde ist die Struktur bezüglich Beratungsangebote in Deutschland gut aufgebaut: Sie muss nur genutzt werden.

WbF: Zusammenarbeit scheint ein wichtiges Stichwort zu sein. Welche Entwicklungen gibt es diesbezüglich auf politischer Ebene in Deutschland?

Czarnecki: Der Handel mit und die Ausbeutung von Kindern stellt eine Gefährdung des Kindeswohls dar. Dadurch wir der staatliche Schutzauftrag ausgelöst. Minderjährige Opfer von Menschenhandel müssen alle notwendigen Hilfen des Kinderschutzsystems erhalten. Doch adäquater Schutz, Unterstützung und Strafverfolgung kann nur durch eine koordinierte, vertrauensvolle und am Kind orientierte Zusammenarbeit von Jugendämtern, Polizei, Fachberatungsstellen und weiteren Akteuren gelingen. Aus diesem Grund begrüßen wir es sehr, dass das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) aktuell das „Bundeskooperationskonzept zum Schutz und Hilfen bei Handel mit und Ausbeutung von Kindern“ fertigstellt, welches den Ländern als Handlungsorientierung für die Implementierung und Stärkung eines Kooperationsmechanismus dienen wird.

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