Jugendarbeit und Ehrenamt

„Integrationsarbeit ist keine One-Woman- oder One-Man-Show.“

Andreas Hollstein ist seit September 1999 Bürgermeister der Kleinstadt Altena im nordrhein-westfälischen Sauerland. Mit seiner Aussage, 100 Geflüchtete mehr aufzunehmen, als nach dem Verteilungsschlüssel eigentlich notwendig, zog er großes mediales Interesse auf Altena. Die Aufnahme und Integration von geflüchteten Menschen scheint demnach kein Problem zu sein. Im Gespräch mit „Willkommen bei Freunden“ erläutert er, warum ehrenamtliches Engagement und die gute Zusammenarbeit mit den hauptamtlichen Mitarbeitenden dafür hauptverantwortlich sind. Außerdem erläutert Hollstein die Struktur dieser gewinnbringenden Kooperation und wirbt für mehr Offenheit und gegenseitiges Vertrauen.

Willkommen bei Freunden (WbF): Mit Ihrer Aussage 100 Geflüchtete mehr als Sie müssten aufzunehmen haben Sie Ende 2015 überregionales Interesse auf Altena gezogen. Warum funktioniert die Aufnahme und Betreuung Geflüchteter in Altena anscheinend so gut?

Andreas Hollstein: Das hängt größtenteils mit dem Ehrenamt zusammen. Wir haben vor ungefähr zehn Jahren damit angefangen sehr stark über Strukturen für das Ehrenamt zu diskutieren. Daraufhin haben wir das sogenannte Stellwerk, eine Freiwilligenagentur, ins Leben gerufen. Die kam uns jetzt im Bereich der Migrantinnen und Migranten sehr stark zu Gute. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Im Jahr 2013 hat das Stellwerk bereits damit angefangen, sich sehr stark mit dem Abbau von Sprachbarrieren auseinanderzusetzen. Zudem bin ich der Meinung, dass Klein- und Mittelstädte viel bessere integrative Voraussetzungen bieten, als Großstädte.

WbF: Warum ist das Ihrer Meinung nach so?

Hollstein: Meist werden Kleinstädte mit Ressentiments wahrgenommen. Das ist aber nicht unbedingt der Fall, weil Klein- und Mittelstädte viel bessere Sozialstrukturen haben. Die Abgrenzung zwischen arm und reich ist überhaupt nicht so ausgeprägt wie in Großstädten und die Netzwerke sind enger. Daher glaube ich, dass gerade Klein- und Mittelstädte hervorragende Chancen bieten, geflüchtete Menschen aufzunehmen. Bei uns kam dann noch ein Fakt dazu: Wir verfügen über sehr viel freien Wohnraum, weil wir demographische Verluste haben. Gleichzeitig haben wir aber eine starke Wirtschaftsstruktur. Da haben wir gesagt: Es macht für uns Sinn, Menschen zusätzlich aufzunehmen. Das alles neben den humanitären Aspekten, die natürlich der Ausgangspunkt waren.

WbF: In einem Interview haben Sie erwähnt, dass es ein Vorteil des bürgerschaftlichen Engagements ist, dass alles was dort im Ehrenamt passiert, von den Schreibtischen im Hauptamt verschwindet. Warum ist darüber hinaus die Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamt besonders wichtig?

Hollstein: Damit man nicht aneinander vorbei plant. Das Hauptamt hat ja auch seine Funktion. Wir haben zum Beispiel drei Damen, die sich um die Koordinierung mit dem Stellwerk kümmern. Sie bearbeiten unter anderem Themen wie Arbeitsgelegenheiten, Berufsorientierung und die Aufnahme der einzelnen Biographien. Wir hatten im letzten Jahr im Prinzip gar keine Ahnung, welche Menschen zu uns gekommen sind. Die bundesweiten Nachrichten sprachen von ganzen Heerscharen von Akademikern, die sich auf den Weg gemacht hätten. Das ist sicherlich genauso falsch, wie die umgekehrte Variante, dass keiner einer Ausbildung hat. Für unser Verständnis bringen sie oft keine Ausbildung mit, aber vielseitige Erfahrungen. Dann muss man gucken, was sind das für Erfahrungen. Darum kümmern sich die angesprochenen Mitarbeiterinnen von mir. Die sind zwar hauptamtlich tätig, jedoch passiert alles eng verzahnt mit dem Ehrenamt.

WbF: Können Sie bitte mehr dazu sagen, wie die Verzahnung zwischen den hauptamtlichen Mitarbeitenden und dem Stellwerk konkret aussieht.

Hollstein: Als wir vor zehn Jahren mit dem Stellwerk an den Start gegangen sind, haben wir gesagt, dass es nicht sein kann, dass es kein Netzwerk zwischen Kommune und dem Stellwerk, als ehrenamtliche Einrichtung, gibt. Dann haben wir eine Schnittstelle zwischen Haupt- und Ehrenamt eingerichtet. Das ist eine Dame, die bei mir hauptamtlich für Gleichstellung verantwortlich ist und viel ihrer Zeit in den Kontakt mit dem Stellwerk investiert hat. Das heißt, dass sie zum Beispiel an Teamsitzungen teilnimmt oder sich Konflikten zwischen ehrenamtlichen Kräften und Mitarbeitern im Hauptamt annimmt. Mit ihr ist eine zehnjährige Vertrauensposition dagewesen. Die nutzen wir jetzt natürlich ganz intensiv für den Bereich Migration.

WbF: Es kommt jedoch nicht nur auf eine enge Verzahnung zwischen Haupt- und Ehrenamt an. Oft gibt es auch Fälle, dass das Hauptamt bestimmte Maßnahmen in ihren eigenen Mauern durchführen möchte. Wie bewegen Sie das Hauptamt dazu, sich auch untereinander zu vernetzen?

Hollstein: Das ist relativ einfach bei uns. Wir sind eine kleine Einheit. Dadurch, dass ein Bürgermeister die Aufgabe hat, die Verwaltung zu koordinieren, nehme ich das selbst vor. Zusammen mit dem Abteilungsleiter für Soziales, der dort in erster Linie zuständig ist, machen wir alles, was sich um das Chefthema Migration rankt. Daher ist die Zusammenarbeit problemlos. Probleme haben wir in diesem Bereich nur dort, wo wir in verschiedene Zuständigkeiten segmentieren und wo dann nicht koordiniert wird. Das ist eine klassische Führungs- und Leitungsaufgabe in meinen Augen.

WbF: Größere Städte bräuchten demnach Koordinationsstellen?

Hollstein: Das kann schon sein. In größeren Städten findet man häufig die Funktion der sogenannten Beauftragten. Solange das kein Unwesen von unzähligen Beauftragten ist und sie sich für ihre Chefin oder Chef um die Koordination von verschiedenen Segmenten in einer Verwaltung kümmern, ist das vollkommen in Ordnung. Es gibt jedoch auch die Tendenz, Stabsstellen abzulehnen. Es bleibt jedoch eine klassische Führungsaufgabe.

WbF: Also, wie in Ihrem Fall, Chefsache.

Hollstein: Genau. Jedoch ist das sicher in kleineren Städten wie Altena einfacher. In großen Verwaltungen ist das natürlich anders. Darin sehe ich auch die pauschale Aussage bestätigt, dass es Klein- und Mittelstädte mit der Integration von Flüchtlingen besser und leichter haben. Wenn Großstädte wie Dortmund zum Beispiel das Ehrenamt einschalten wollen, dann müssen sie sich runter transformieren auf ein zwei Straßenzüge - das ist ungefähr die Einwohnerzahl Altenas. Das brauchen wir als kleinere Einheiten eben nicht. Darin liegt unser Vorteil.

WbF: Das erhöhte ehrenamtliche Engagement wird manchmal auch als Versäumnis der vor Ort zuständigen hauptamtlichen Stellen gedeutet. Warum gehören in Altena Ehren- und Hauptamt eng zusammen?

Hollstein: Ich will nicht staatsrechtlich argumentieren, aber ursprünglich kommt eine Kommune aus der Gesamtheit der Bürger. Nach meinem Credo muss man Menschen die Selbstständigkeit geben, soweit es geht ihre Stadt selbst gestalten zu können. Ich glaube, dass wir in den 70er und 80er Jahren den Fehler gemacht haben, den Ehrenämtern zu sagen: Der Staat kann alles besser. Damit wurden den Bürgern Aufgaben weggenommen.

WbF: Sie werben demnach, zumindest bezogen auf andere Städte, für mehr Offenheit gegenüber ehrenamtlichen Engagement im Hauptamt?

Hollstein: Ja, natürlich. Man muss versuchen, dort eine Verzahnung hinzubekommen, damit nicht der eine am anderen vorbeiarbeitet. Häufig ist es so, dass Bürger etwas entwickeln, dann auf ihre Kommune zugehen und die Kommune daraufhin dicht macht, weil sie beispielsweise im Vorfeld nicht mit eingeschaltet war. Wir müssen den Bürgerinnen und Bürgern auf der einen Seite genügend Spielraum geben. Auf der anderen Seite muss man aber auch irgendwo, ganz weit außen, Leitplanken setzen. Wenn jemand zum Beispiel sagen würde, wir machen etwas verfassungsfeindliches, ob von rechts oder links und nennt das bürgerschaftliches Engagement, dann muss ich sagen können: so nicht. Oder wenn es irgendwelchen Leitlinien der Stadt entgegensteht, dann muss ich auch sagen: Das geht so nicht.

WbF: Gibt es noch andere Leitplanken, die wichtig sind?

Hollstein: Wie immer ist es auch die Leitplanke der Ressourcen, die sich für das Ehrenamt- und das Hauptamt stellt. Aber auch da gibt es in Kombination aus Ehrenamt und Hauptamt, meines Erachtens, eher die Möglichkeit kreative Wege zu finden, wie man dann gegen unvermeidliche Leitplanken in dem Bereich drum herum kommt.

WbF: Sie bringen mit ehrenamtlicher Unterstützung Geflüchtete dezentral in Wohnungen unter. Wie genau sieht diese Zusammenarbeit aus?

Hollstein: Wir setzen für jede Wohnung einen Ehrenämter, einen sogenannten Kümmerer, ein, der den maximal sieben Personen hilfreich zur Seite steht. Jeder bestimmt natürlich selbst, wie intensiv die Unterstützung ist. Nach meiner Wahrnehmung ist das Verhältnis aber sehr eng. Bei einigen sind daraus sogar Freundschaften entstanden. Bei anderen wiederum hat sich die Betreuung etwas gelockert, weil man auch gemerkt hat, dass die Menschen nach einer gewissen Zeit des Ankommens natürlich selbst zurechtkommen. Da gibt es keinen vorgeschriebenen Weg. Das muss man als Verwaltung auch lernen: Ehrenämter können jeder Zeit sagen, dass sie keine Lust mehr haben, sich zu engagieren, wenn ihnen die Verwaltung zu viel vorschreibt. Deshalb muss man versuchen diese Leute zu motivieren und eine Anerkennungskultur zu schaffen.

WbF: Wie sieht diese Anerkennungskultur für das Ehrenamt in Altena aus?

Hollstein: 2000 haben wir angefangen einen sogenannten Bürgerpreis auszuloben. In diesem Rahmen suchen wir jemanden, der vielfältig Ehrenamt wiederspiegelt und den wir dann als eine Person für ein Jahr den Bürgerpreis der Stadt Altena verleihen. Dann geht es auch darum, regelmäßig Danke zu sagen, regelmäßig zu loben und das auch in der Presse darzustellen. Denn Integrationsarbeit ist weder eine One-Woman- oder One-Man-Show noch eine Show der Verwaltung. Integration ist in erster Linie die Leistung der Menschen vor Ort. Wir im Hauptamt begleiten, unterstützen und fördern diesen Prozess.

WbF: Was empfehlen Sie anderen Kommunen in Bezug auf die Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamt?

Hollstein: Ich glaube, dass wir in Deutschland mehr Zeit brauchen, um ehrenamtliche Strukturen zu begleiten. Aus dem Grund, weil wir das viele Jahre nicht richtig gemacht haben. Wo wir klar getrennt haben: Das ist Verwaltung und das ist Ehrenamt. Es gibt aber Aufgaben, bei denen es um Vernetzung geht. Da ist eine Nähe zur Verwaltung förderlich für die Sache. Ich glaube, dass man, um diesen Kontakt zu suchen, die richtigen Menschen auf beiden Seiten braucht. Dann braucht man klare Absprachen untereinander. Zudem braucht es die Unterstützung der Politik und der Hierarchien in den Verwaltungen, um das auch zu flankieren, damit Ehrenämter sich in Ruhe engagieren können. Das funktioniert bei uns, mit dem Geschenk der zehnjährigen Einübung, sehr gut.

WbF: Dazu gehört auch Vertrauen. Liegt demnach ein Kern der gelingenden Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamt in dem gegenseitigen Vertrauen?

Hollstein: Ja, genau. Gegenseitiges Vertrauen und eine offene, wertschätzende Haltung einander gegenüber. Natürlich ruft das im Kontext der ankommenden Flüchtlinge auch Anfeindungen hervor. Natürlich gibt es dann auch die netten Briefe. Aber das gehört zu einer demokratischen Haltung eben auch dazu, zu sagen: Wenn ich für etwas Wichtiges streite,streite ich auch mit Leidenschaft! Vielleicht ist es wichtiger, so etwas dann standzuhalten, als sich daraus größere Probleme zu machen. Ich glaube, dass bürgerschaftliches Engagement, mit den vielen tollen Aktionen in ganz Deutschland, viel substanzieller ist, als das, was manche Menschen mit beschränkteren Kapazitäten zum Ausdruck bringen, indem sie Fremdenfeindlichkeit nach außen tragen.

WbF: Vielen Dank für das Gespräch Herr Hollstein.

Hollstein: Sehr gerne.

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