Jugendarbeit und Ehrenamt

„Integrationsarbeit ist keine One-Woman- oder One-Man-Show.“

Andreas Hollstein ist Bürgermeister der Kleinstadt Altena im nordrhein-westfälischen Sauerland. Die Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamt ist ihm ein besonderes Anliegen. Im Interview plädiert er unter anderem für mehr Offenheit im Hauptamt gegenüber bürgerschaftlichen Engagement und gegenseitiges Vertrauen.

INTERVIEW: JEAN-MARIE SCHALDACH

Willkommen bei Freunden (WbF): Mit Ihrer Aussage, 100 Geflüchtete mehr als Sie müssten aufzunehmen, haben Sie Ende 2015 überregionales Interesse auf Altena gezogen. Warum funktioniert die Aufnahme und Betreuung Geflüchteter in Altena anscheinend so gut?

Andreas Hollstein: Das hängt größtenteils mit dem Ehrenamt zusammen. Wir haben vor ungefähr zehn Jahren damit angefangen sehr stark über Strukturen für das Ehrenamt zu diskutieren. Daraufhin haben wir das sogenannte Stellwerk, eine Freiwilligenagentur, ins Leben gerufen. Die kam uns jetzt im Bereich der Migrantinnen und Migranten sehr stark zu Gute. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Im Jahr 2013 hat das Stellwerk bereits damit angefangen, sich sehr stark mit dem Abbau von Sprachbarrieren auseinanderzusetzen. Zudem bin ich der Meinung, dass Klein- und Mittelstädte viel bessere integrative Voraussetzungen bieten, als Großstädte.

WbF: Warum ist das Ihrer Meinung nach so?

Meist werden Kleinstädte mit Ressentiments wahrgenommen. Das ist aber nicht unbedingt der Fall, weil Klein- und Mittelstädte viel bessere Sozialstrukturen haben. Die Abgrenzung zwischen arm und reich ist überhaupt nicht so ausgeprägt wie in Großstädten und die Netzwerke sind enger. Daher glaube ich, dass gerade Klein- und Mittelstädte hervorragende Chancen bieten, geflüchtete Menschen aufzunehmen. Bei uns kam dann noch ein Fakt dazu: Wir verfügen über sehr viel freien Wohnraum, weil wir demographische Verluste haben. Gleichzeitig haben wir aber eine starke Wirtschaftsstruktur. Da haben wir gesagt: Es macht für uns Sinn, Menschen zusätzlich aufzunehmen. Das alles neben den humanitären Aspekten, die natürlich der Ausgangspunkt waren.

WbF: Können Sie bitte mehr dazu sagen, wie die Verzahnung zwischen den hauptamtlichen Mitarbeitenden und dem Stellwerk konkret aussieht.

Als wir vor zehn Jahren mit dem Stellwerk an den Start gegangen sind, haben wir gesagt, dass es nicht sein kann, dass es kein Netzwerk zwischen Kommune und dem Stellwerk, als ehrenamtliche Einrichtung, gibt. Dann haben wir eine Schnittstelle zwischen Haupt- und Ehrenamt eingerichtet. Das ist eine Dame, die bei mir hauptamtlich für Gleichstellung verantwortlich ist und viel ihrer Zeit in den Kontakt mit dem Stellwerk investiert hat. Das heißt, dass sie zum Beispiel an Teamsitzungen teilnimmt oder sich Konflikten zwischen ehrenamtlichen Kräften und Mitarbeitern im Hauptamt annimmt. Mit ihr ist eine zehnjährige Vertrauensposition dagewesen. Die nutzen wir jetzt natürlich ganz intensiv für den Bereich Migration.

WbF: Es kommt jedoch nicht nur auf eine enge Verzahnung zwischen Haupt- und Ehrenamt an. Oft gibt es auch Fälle, dass das Hauptamt bestimmte Maßnahmen in ihren eigenen Mauern durchführen möchte. Wie bewegen Sie das Hauptamt dazu, sich auch untereinander zu vernetzen?

Das ist relativ einfach bei uns. Wir sind eine kleine Einheit. Dadurch, dass ein Bürgermeister die Aufgabe hat, die Verwaltung zu koordinieren, nehme ich das selbst vor. Zusammen mit dem Abteilungsleiter für Soziales, der dort in erster Linie zuständig ist, machen wir alles, was sich um das Chefthema Migration rankt. Daher ist die Zusammenarbeit problemlos. Probleme haben wir in diesem Bereich nur dort, wo wir in verschiedene Zuständigkeiten segmentieren und wo dann nicht koordiniert wird. Das ist eine klassische Führungs- und Leitungsaufgabe in meinen Augen.

WbF: Größere Städte bräuchten demnach Koordinationsstellen?

Das kann schon sein. In größeren Städten findet man häufig die Funktion der sogenannten Beauftragten. Solange das kein Unwesen von unzähligen Beauftragten ist und sie sich für ihre Chefin oder Chef um die Koordination von verschiedenen Segmenten in einer Verwaltung kümmern, ist das vollkommen in Ordnung. Es gibt jedoch auch die Tendenz, Stabsstellen abzulehnen. Es bleibt jedoch eine klassische Führungsaufgabe.

WbF: Also, wie in Ihrem Fall, Chefsache.

Genau. Jedoch ist das sicher in kleineren Städten wie Altena einfacher. In großen Verwaltungen ist das natürlich anders. Darin sehe ich auch die pauschale Aussage bestätigt, dass es Klein- und Mittelstädte mit der Integration von Flüchtlingen besser und leichter haben. Wenn Großstädte wie Dortmund zum Beispiel das Ehrenamt einschalten wollen, dann müssen sie sich runter transformieren auf ein zwei Straßenzüge - das ist ungefähr die Einwohnerzahl Altenas. Das brauchen wir als kleinere Einheiten eben nicht. Darin liegt unser Vorteil.

WbF: Das erhöhte ehrenamtliche Engagement wird manchmal auch als Versäumnis der vor Ort zuständigen hauptamtlichen Stellen gedeutet. Warum gehören in Altena Ehren- und Hauptamt eng zusammen?

Ich will nicht staatsrechtlich argumentieren, aber ursprünglich kommt eine Kommune aus der Gesamtheit der Bürger. Nach meinem Credo muss man Menschen die Selbstständigkeit geben, soweit es geht ihre Stadt selbst gestalten zu können. Ich glaube, dass wir in den 70er und 80er Jahren den Fehler gemacht haben, den Ehrenämtern zu sagen: Der Staat kann alles besser. Damit wurden den Bürgern Aufgaben weggenommen.

WbF: Sie werben demnach, zumindest bezogen auf andere Städte, für mehr Offenheit gegenüber ehrenamtlichen Engagement im Hauptamt?

Ja, natürlich. Man muss versuchen, dort eine Verzahnung hinzubekommen, damit nicht der eine am anderen vorbeiarbeitet. Häufig ist es so, dass Bürger etwas entwickeln, dann auf ihre Kommune zugehen und die Kommune daraufhin dicht macht, weil sie beispielsweise im Vorfeld nicht mit eingeschaltet war. Wir müssen den Bürgerinnen und Bürgern auf der einen Seite genügend Spielraum geben. Auf der anderen Seite muss man aber auch irgendwo, ganz weit außen, Leitplanken setzen. Wenn jemand zum Beispiel sagen würde, wir machen etwas verfassungsfeindliches, ob von rechts oder links und nennt das bürgerschaftliches Engagement, dann muss ich sagen können: so nicht. Oder wenn es irgendwelchen Leitlinien der Stadt entgegensteht, dann muss ich auch sagen: Das geht so nicht.

WbF: Gibt es noch andere Leitplanken, die wichtig sind?

Wie immer ist es auch die Leitplanke der Ressourcen, die sich für das Ehrenamt- und das Hauptamt stellt. Aber auch da gibt es in Kombination aus Ehrenamt und Hauptamt, meines Erachtens, eher die Möglichkeit kreative Wege zu finden, wie man dann gegen unvermeidliche Leitplanken in dem Bereich drum herum kommt.

WbF: Was empfehlen Sie anderen Kommunen in Bezug auf die Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamt?

Ich glaube, dass wir in Deutschland mehr Zeit brauchen, um ehrenamtliche Strukturen zu begleiten. Aus dem Grund, weil wir das viele Jahre nicht richtig gemacht haben. Wo wir klar getrennt haben: Das ist Verwaltung und das ist Ehrenamt. Es gibt aber Aufgaben, bei denen es um Vernetzung geht. Da ist eine Nähe zur Verwaltung förderlich für die Sache. Ich glaube, dass man, um diesen Kontakt zu suchen, die richtigen Menschen auf beiden Seiten braucht. Dann braucht man klare Absprachen untereinander. Zudem braucht es die Unterstützung der Politik und der Hierarchien in den Verwaltungen, um das auch zu flankieren, damit Ehrenämter sich in Ruhe engagieren können. Das funktioniert bei uns, mit dem Geschenk der zehnjährigen Einübung, sehr gut.

WbF: Dazu gehört auch Vertrauen. Liegt demnach ein Kern der gelingenden Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamt in dem gegenseitigen Vertrauen?

Ja, genau. Gegenseitiges Vertrauen und eine offene, wertschätzende Haltung einander gegenüber. Natürlich ruft das im Kontext der ankommenden Flüchtlinge auch Anfeindungen hervor. Natürlich gibt es dann auch die netten Briefe. Aber das gehört zu einer demokratischen Haltung eben auch dazu, zu sagen: Wenn ich für etwas Wichtiges streite,streite ich auch mit Leidenschaft! Vielleicht ist es wichtiger, so etwas dann standzuhalten, als sich daraus größere Probleme zu machen. Ich glaube, dass bürgerschaftliches Engagement, mit den vielen tollen Aktionen in ganz Deutschland, viel substanzieller ist, als das, was manche Menschen mit beschränkteren Kapazitäten zum Ausdruck bringen, indem sie Fremdenfeindlichkeit nach außen tragen.

WbF: Vielen Dank für das Gespräch Herr Hollstein.

Sehr gerne.

 

 

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