Jugendarbeit und Ehrenamt Kommune

Interview: Sensibilisierung zum Thema Menschenhandel

Geflüchtete Kinder und Jugendliche sind immer wieder der Gefahr des Menschenhandels ausgesetzt, auch nach ihrer Ankunft in Deutschland. In Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung Ecpat und dem Arbeitskreis Menschenhandel der Stadt Nürnberg hat das Servicebüro München von „Willkommen bei Freunden“ im Juni dieses Jahres mehrere Workshops zu diesem Thema in Nürnberg durchgeführt. Der Fokus der Schulungen lag darauf, Personen, die mit Geflüchteten zusammenarbeiten, für das Phänomen Kinder- und Menschenhandel im Kontext von Flucht und Asyl zu sensibilisieren. Anna Burmeister, Kommunalberaterin im Servicebüro München, berichtet im Interview mit „Willkommen bei Freunden“ über das Anliegen der Workshops.

Willkommen bei Freunden (WbF): In Zusammenarbeit mit „Willkommen bei Freunden“ ist in Nürnberg ein Arbeitskreis gegen Kinder- und Menschenhandel entstanden. Eine Prozessbegleitung hat das Bündnis bei der Analyse der aktuellen Situation in Nürnberg unterstützt: Was wurde dabei festgestellt?

Anna Burmeister: Wir haben gemerkt, dass in der Jugendhilfe für junge Geflüchtete Aufklärungsarbeit zum Thema Menschenhandel notwendig ist. Nach den ersten Arbeitstreffen und einem Analyseworkshop wurde deutlich: Es braucht eine Sensibilisierung der unmittelbaren Ansprechpartnerinnen und -partner von jungen Geflüchteten, um ihnen einfach bewusst zu machen, dass eine Gefährdung durch Menschenhandel für junge Geflüchtete besteht. Und, dass gerade auf der Flucht viele von den Kindern und Jugendlichen Menschenhandel ausgesetzt gewesen sind und sich daraus besondere Rechte für die Betroffenen ergeben. Aus diesem Grund haben wir mehrere Sensibilisierungsworkshops durchgeführt.

Warum ist eine genaue Kenntnis von Menschen- und Kinderhandel so wichtig?

Man muss das Phänomen oder die verschiedenen Ausformungen des Phänomens Menschenhandel und Handel mit Kindern kennen, um es schneller einordnen zu können. Nur so kann man adäquat reagieren. Daher haben wir Hintergrundwissen vermittelt und verbreitete Strategien des Menschenhandels in den Workshops vorgestellt.  Das war wichtig, weil die Teilnehmenden jeweils unterschiedliches Vorwissen zu dem Thema hatten.

Inwiefern wurde in den Workshops auf die Herausforderungen in der Praxis eingegangen?

Die referierenden Fachberatungsstellen, die Dortmunder Mitternachtsmission für Ecpat und der Fachberatungsstelle Jadwiga aus Nürnberg, haben jeweils Fallbeispiele aus ihrer eigenen Arbeit vorgestellt. Das war eine gute Basis für die Teilnehmenden, um über eigene Erfahrungen ins Gespräch zu kommen. Außerdem wurde auch in einer Art Rollenspiel ein Fall bearbeitet, um sich in die Perspektive der Anderen reinzuversetzen. Ein Teil der Gruppe spielte die Fachberatungsstelle, die anderen die Polizei und dann gab es noch die Sonderbeauftragten für Menschenhandel des BAMF.

Mit welchem Ergebnis?

Den Teilnehmenden wurde klar, mit was für unterschiedlichen Bedürfnissen sich die Personen diesem Thema nähern. Und auch, welche Möglichkeiten sie haben und wo sie auf Herausforderungen stoßen. Zum Beispiel ist es für die Sonderbeauftragten des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) besonders wichtig während einer einzigen Befragung herauszufinden, ob Menschenhandel vorliegt. Nur so können sie die Rechte von Betroffenen von Menschenhandel im Asylverfahren geltend machen. Sonderbeauftragte sind auf diesen Bereich spezialisiert, finden es aber wichtig noch mehr für Anzeichen sensibilisiert zu werden. Die Erfahrungen aus der Praxis der erwachsenen Begleitpersonen sind Anhaltspunkte, an denen sie sich festhalten können. Ich glaube, dass solche Perspektivwechsel ganz wichtig sind, damit man eine gute Kommunikation und Verständnis für den Anderen herstellen kann. Damit im Endeffekt das Wohl der betroffenen Personen an erster Stelle stehen kann.

Wie können Perspektivwechsel auch dazu beitragen Sensibilität für die Situation der Geflüchteten herzustellen?

Eine Referentin berichtete von einer Schulung mit Polizeibeamten, die mit Befragungen von Betroffenen des Menschenhandels zu tun haben. Mit ihnen führte sie eine Sensibilisierungsübung durch, um zu zeigen, wie schwierig es ist über das Erlebte im Rahmen von Menschenhandel zu sprechen. Dabei forderte sie die Teilnehmenden dazu auf über ihr schönstes sexuelles Erlebnis zu berichten. Woraufhin diese zu verstehen gaben, dass dies nicht der Rahmen sei darüber zu sprechen. Schließlich drehte die Referentin die Frage um und meinte: "Können Sie sich jetzt vorstellen, wie schwierig es ist über die grauenhaften Dinge, die man im Rahmen von Menschenhandel erlebt hat, zu sprechen?" Diese Umdrehung von der Intimität, von dem Schmerz, den viele erleiden müssen im Rahmen von Menschenhandel – das fand ich einen sehr guten Hinweis darauf, dass das einfach kein Thema ist, über das man leichtfertig redet.

Inwiefern haben die Teilnehmenden in den Workshops von Erlebnissen berichtet, bei denen sie mit diesem Thema in Berührung gekommen sind?

Unter den Teilnehmenden waren sehr viele Personen aus der Jugendsozialarbeit, die direkt mit jungen Geflüchteten über einen längeren Zeitraum zusammenarbeiten. Dementsprechend kam aus dieser Gruppe immer wieder die Erzählung: „Die Jugendlichen kamen mit teuren Schuhen an oder hatten auf einmal schon wieder ein neues Handy. Dabei stellte sich die Frage, wie das finanziert worden ist – durch den Jugendlichen selbst oder durch Personen im Hintergrund. Das waren die ersten Momente, bei denen die erwachsenen Bezugspersonen aufmerksam geworden sind. Eine andere häufige Beobachtung war: das Handy klingelt, die Person geht ran, bekommt eine Ansage und kurze Zeit später wird er vor der Einrichtung abgeholt. Also, dieses auf Abruf bereit sein, zu jeder Zeit. Die Teilnehmenden waren sehr froh mehr über das Phänomen zu erfahren: immer wieder sind ihnen Geschichten eingefallen, die ihnen komisch vorgekommen waren oder bei denen sie rückblickend anders reagiert hätten. Es entstand manchmal der Eindruck, so die Teilnehmenden, dass Jugendliche in den Berichten ihrer Flucht Episoden umgehen. Das kann ein Hinweis darauf sein, dass dort etwas vorgefallen ist, worüber sie nicht sprechen möchten. Was ein Anzeichen dafür sein kann, dass sie von Menschenhandel betroffen sind.  

Welche Empfehlungen wurden den Teilnehmenden für solche Situationen gegeben?

Darüber wurde ganz stark diskutiert und die Meinung der Referierenden eingefordert. Wenn man an ein Gruppensetting denkt, etwa eine WG für unbegleitete Minderjährige, kann man dort eine Sensibilisierungsveranstaltung durchführen und auf die Gefahren hinweisen. Und dann heißt es sicherlich langsam das persönliche Gespräch zu suchen. Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter benötigen unglaubliches Fingerspitzengefühl, wenn sie sich den Jugendlichen nähern und versuchen dieses Thema anzusprechen. Im Bereich Handel mit Kindern und Menschenhandel wird mit sehr viel Druck gearbeitet, geradezu Erpressung und ähnlichen Methoden. Das heißt, dass die Kinder und Jugendlichen häufig gar nicht sofort anfangen zu sprechen. Ein Risiko, dass die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter eingehen und das in den Workshops immer wieder genannt wurde, ist, dass die Kinder und Jugendlichen nach der direkten Ansprache verschwinden. Das kommt anscheinend in der Praxis nicht selten vor. Da werden auch die psychische Belastung und die Verantwortung deutlich, die für die erwachsenen Begleitenden damit einhergeht. Wenn ein krimineller Menschenhandelsring dahinterstehen sollte, begeben sie sich unter Umständen auch noch selber in Gefahr. Dementsprechend wird empfohlen, sollte ein Verdachtsfall bestehen, sich an eine Fachberatung zu wenden.

Ist es ratsam einen Verdachtsfall sofort bei der Polizei zu melden?

Über eines sollte man sich davor bewusst sein: Wenn der Polizei ein Fall gemeldet wird, muss sie dem nachgehen. Sei es auch nur ein Verdacht, der aber konkret genug ist, um ihn weiterzuverfolgen. Das bedeutet unter anderem, dass die betroffene Person eine Aussage bei der Polizei machen muss. Daher sollte man im Idealfall mit dem jungen Menschen vorab klären, ob er oder sie eine Strafverfolgung der Täter wirklich möchte. Wenn eine Anzeige bei der Polizei zunächst oder gar nicht gewollt wird – welche Gründe die betroffene Person auch immer hat –ist es empfehlenswert zu einer Fachberatungsstelle zu gehen. Diese Stellen sind nämlich nicht dazu verpflichtet die Strafverfolgung zu veranlassen. Bei ihnen liegt stattdessen der Schwerpunkt auf Unterstützungsmaßnahmen zur psychosozialen Stabilisierung und Sicherung der betroffenen Person.

Welche weiteren Schritte sind im Themenfeld Menschenhandel und Handel mit Kindern in Nürnberg geplant?

Das Programm „Willkommen bei Freunden“ geht langsam seinem Ende entgegen. Dementsprechend sind wir schon in der Phase, dass wir versuchen den Prozess an die Akteure vor Ort weiterzugeben. Das Schöne ist, dass eine Mitarbeiterin der Stabsstelle Menschenrechtsbüro und Frauenbeauftragte der Stadt Nürnberg die Koordination des Arbeitskreises übernommen hat. Dadurch sind klare Strukturen geschaffen wie der weitere Arbeitsprozess aussehen wird. Von Anfang an wurde von allen Beteiligten das Ziel formuliert, dass nicht nur geflüchtete Kinder und Jugendliche, sondern Menschen allgemein bei den Schutzmaßnahmen des Arbeitskreises berücksichtigt werden sollen. Meine Vermutung ist daher, dass versucht wird dieses Ziel langfristig zu erreichen. Ich lasse mich überraschen, welche nächsten Schritte geplant werden, um dieses Ziel zu erreichen.



Das Interview führte Carla Klatte

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