Jugendarbeit und Ehrenamt

„Jeder Jugendliche kann bei uns mitmachen, egal ob geflüchtet oder nicht.“

Olad Aden ist Streetworker und arbeitet seit vielen Jahren für Gangway e.V., ein Verein für Straßensozialarbeit in Berlin. Über 80 Kollegen sind auf den Straßen, an öffentlichen Plätzen und Parks unterwegs und machen mobile Jugendarbeit. Aden arbeitet im Szeneteam, zusammen mit einem weiteren Kollegen macht er überbezirkliche jugendkulturelle Arbeit mit unterschiedlichen Jugendszenen. Die Angebote richten sich an alle Jugendliche, ob geflüchtet oder schon lange in Deutschland lebend. Willkommen bei Freunden hat mit ihm über seine Arbeit gesprochen.

Willkommen bei Freunden (WbF): Wie sieht deine Arbeit bei Gangway e.V. aus?

Olad Aden: Ich bin seit 2003 in Deutschland und auch bei Gangway. Die Projekte, die ich betreut habe, wurden immer größer, sodass wir irgendwann das Szeneteam gegründet haben. Dort arbeiten wir mit Jugendlichen aus der Straßensozialarbeit. Unsere Projekte sind ganz unterschiedlich, unter anderem organisieren wir Austauschgeschichten oder machen viel mit Musik. Vor mehreren Jahren haben wir das Street College gegründet, ein alternatives Bildungsnetzwerk für Jugendliche. Das entstand aus der Erkenntnis, dass unsere Jugendlichen, ob sie jetzt in Marzahn in der Platte leben oder im Wedding in der Buttmannstraße ähnliche Wünsche haben: Sie brauchen einen Job, der ihnen ein bisschen Spaß macht, vielleicht ein Auto, Familie. Merken aber jetzt im fortgeschrittenen Alter von 21, 22, 23 Jahren die vollen Konsequenzen von den Fehlern, die sie früher gemacht haben. Viele von ihnen haben, aus welchen Gründen auch immer, die Schule abgebrochen und kriegen heute nicht einmal mehr Antworten auf ihre Bewerbungen. Immer wieder höre ich Sätze wie „Hätte ich noch einmal die Chance zur Schule zu gehen, ich würde alles dafür geben“. Deswegen war es uns wichtig, Angebote zu schaffen, um Jugendliche weiterzubilden und sie gleichzeitig zu ermutigen, das aufzugreifen, was sie sowieso interessiert und ihnen dazu ein fundiertes Wissen zu geben. Wir holen uns Dozenten dazu, die mit den Jugendlichen arbeiten, zum Beispiel im Bereich Film. Viele Jugendliche haben Video-Ideen, würden gerne Musik-Videos oder Dokumentarfilme drehen. Mit einem professionellen Filmemacher, der ihnen von Kameraführung, über Ton und Schnitt alles erklärt, machen wir jetzt ein sechsmonatiges Modul Video-Workshop. In diesen Workshops sind auch Jugendliche aus der Geflüchteten-Community dabei.

WbF: Woran arbeitest du gerade aktuell?

Aden: In Zusammenarbeit mit einem Community College in New York arbeite ich am Projekt „Global Ambassadors“. Jeweils zwölf Jugendliche in Berlin und New York besuchen sich gegenseitig. Wir beschäftigen uns damit, wie wir aus jungen Menschen Aktivisten machen oder wie wir junge Menschen dazu kriegen, sich für soziale Gerechtigkeit zu interessieren. Die Jugendlichen sammeln Fragen und später Beweise dafür, dass diese Fragen auch wirklich relevant sind, um dann in Feldstudien in New York und Berlin die Fragen darauf zu finden, aufzuarbeiten und in einer öffentlichen Präsentation zum Besten zu geben. Die Jugendliche sind alle aus dem Straßensozialarbeitsbereich, auch hier sind vier ehemalige Geflüchtete dabei.

WbF:Gibt es auch Angebote, die sich speziell an geflüchtete Jugendliche richten?

Aden: Ja, wir haben auch Angebote, die sich nur an Geflüchtete richten. Aber im Prinzip kann jeder Jugendliche bei uns mitmachen, egal ob geflüchtet oder nicht.
Ein Programm für Geflüchtete ist aber ein Musik-Workshop in Heilgensee. Jeden Mittwoch fahren Dozenten von uns als Multiplikatoren dorthin. Da gibt es ein betreutes Jugendwohnen, das vom SPI (Sozialpädagogisches Institut Berlin; Anmerkung der Redaktion) betreut wird. Dort arbeiten sie mit 30 Jungen zusammen, die überwiegend aus Afghanistan sind, einer kommt aus Pakistan und einer aus Marokko, alle um die sechzehn, siebzehn Jahre. Und die machen dort einmal in der Woche Musik. Bei dem Workshop gibt es einen Farsi-Übersetzer und solange man singt, geht das eigentlich wunderbar. Wenn man wirklich was erarbeiten will, braucht man Leute mit Sprachkenntnissen.
Das Angebot ist toll und es macht auch großen Spaß, wobei sie dort pädagogisch und sozialarbeiterisch schon in Betreuung sind. Das heißt, für uns gibt es nicht eine so große Notwendigkeit aktiv zu werden, da sie meistens in dem Bereich schon ganz gut abgedeckt sind.

WbF: Was ist die größte Herausforderung bei dieser Arbeit?

Aden: Alle Geflüchteten sind hier ohne Eltern, haben alle faszinierende Geschichten. Wie die hierhergekommen sind, was die schon alles gesehen haben. Das ist überhaupt nicht zu fassen. Meist sind sie alle sehr verunsichert, wissen nicht genau, was mit ihnen passiert. Alle haben die Angst wieder nach Hause geschickt zu werden, die ja auch nicht unbegründet ist. Viele sind durch die Hölle gegangen, um hierher zu kommen.
Wenn sie nicht gerade Deutschunterricht haben oder an dem Musikworkshop teilnehmen, hängen sie den ganzen Tag vor ihren Handys. Die haben einfach gar nichts zu tun. Das ist eine schwierige Ausgangssituation.

WbF:Wie kommen Sie in Kontakt mit den geflüchteten Jugendlichen?

Aden: Ich habe diverse Kollegen, vor allem in Reinickendorf, die im Rahmen ihrer Streetwork-Arbeit auch im Flüchtlingsheim tätig sind.
Immer wieder tauchen auch vereinzelt Leute aus der Geflüchteten-Community in Musik- oder Videoworkshops auf, die auch relativ wenig deutsch sprechen. Wir haben jetzt zum Beispiel einen jungen Mann, der arabischstämmig ist, aber auch türkisch spricht. Ihm haben wir jetzt einen anderen Jungen, der türkisch spricht und rappen kann, an die Seite gestellt und der macht jetzt mit ihm Einzel-Rap-Workshops. Der Geflüchtete möchte unbedingt rappen lernen und die verständigen sich auf Türkisch.
Insofern ist es auch ein Puzzlespiel, man muss immer die Leute finden, die auch die Sprache sprechen, weil es nicht anders geht, wenn man mit Lyrik arbeitet.
Bald gibt es auch ein neues Team bei Gangway, das sich auf die Arbeit mit Geflüchteten konzentrieren wird.

WbF:Welche Anforderungen werden an ein solches Team gestellt?

Aden: Sprachliche Fähigkeiten sind sicherlich eine wichtige Voraussetzung, um eine solche Stelle zu bekommen. Gut ist auch immer ein ähnlicher Hintergrund. Momentan ist es noch eine Phase der Orientierung, wo wir selber noch gucken, was gebraucht wird.
Wir kennen viele Leute über verschiedenen Netzwerke, die selber aktiv sind aus Überzeugung, wo auch nicht immer das Geld an erster Stelle steht. Ich habe zum Beispiel einen Freund und Kollegen, der fließend Farsi aber auch Französisch spricht. Wenn ich Bedarf habe, kann ich ihn jederzeit ansprechen.
Aber langfristig kann man nicht darauf bauen, dass es Leute nur aus Überzeugung machen, da muss man sich auch professioneller aufstellen.

WbF: Vielen Dank für das Gespräch.

Aden: Sehr gerne

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