Kommune

Jugend-WGs für volljährige unbegleitete Geflüchtete

Die Kreisstadt Saarlouis bietet unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten, die volljährig geworden sind, die Möglichkeit, in Jugendwohngemeinschaften unterzukommen statt in Gemeinschaftsunterkünften. In diesen WGs werden die Jugendlichen durch pädagogische Fachkräfte, sogenannte Erziehungsbeistandschaften, betreut. Jeder Jugendliche erhält 25 bis 30 Betreuungsstunden im Monat. Der Wohnraum wird dabei von der Kreisstadt bereitgestellt und die Erziehungsbeistände durch das Kreisjugendamt. Dabei wurde Saarlouis durch „Willkommen bei Freunden – Bündnisse für junge Flüchtlinge“ unterstützt – einem gemeinsamen Bundesprogramm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Doch wie ist dieses innovative Wohnkonzept entstanden und wie wird es finanziert?

Saarlouiser Modell finanziert Fachkräfte der kommunalen Jugendarbeit

Die Jugendwohngemeinschaften sind keine reguläre Einrichtung der stationären Jugendhilfe. Vielmehr sind die WGs samt ihrem Betreuungskonzept der offenen und sozialraum-orientierten Jugendarbeit zuzuordnen. Das hängt vor allem mit dem „Saarlouiser Modell“ zusammen, einer Richtlinie, nach welcher Fachkräfte der kommunalen Jugendhilfe zum Teil vom Landkreis Saarlouis finanziert werden – und zwar zu 60 Prozent. Die restlichen 40 Prozent der Personalkosten trägt die jeweilige Kommune selbst, in diesem Beispiel die Stadt Saarlouis. Eingeführt wurde dieses Modell bereits im Januar 1986. Grundlage für die Einführung dieses Konzepts war der Ausbau der außerschulischen Jugendarbeit. „Ziel war es, den dezentralen und sozialräumlichen Ansatz der außerschulischen Jugendarbeit im Landkreis Saarlouis zu fördern und entsprechendes Fachpersonal in den Kommunen sowie bei den Freien Trägern im Landkreis Saarlouis vorzuhalten“, erläutert der Sozialpädagoge Michael Leinenbach, Koordinator der Saarlouiser Schnittstelle „Flüchtlingsunterstützung“ und Abteilungsleiter des Ressorts „Willkommen in Saarlouis“. In der Kreisstadt Saarlouis werden zurzeit drei Fachkräfte der kommunalen Jugendhilfe nach diesem Modell beschäftigt.

Entstehung der Jugendwohngemeinschaften

„Aufgrund der Erfahrungen im Rahmen der Zuwanderung seit 2015, hat sich herauskristallisiert, dass insbesondere die Zielgruppe der Geflüchteten bis 27 Jahre eine verstärkte Unterstützung benötigt, um in Deutschland anzukommen und ihnen die Teilhabe in der Gesellschaft zu ermöglichen,“ erklärt Leinenbach. Damit kam ein neues Arbeitsfeld für die Fachkräfte des Saarlouiser Modells hinzu – die aufsuchende Jugendarbeit in der Gemeinschaftsunterkunft für männliche Geflüchtete. „Speziell für dieses Arbeitsgebiet wurden Bundesfreiwillige mit entsprechendem kulturellen Hintergrund beschäftigt, die im Team mitarbeiten“, erzählt Michael Leinenbach. Die Fachkräfte stellten bei ihren Besuchen in den Unterkünften fest, dass die dortigen Bedingungen für die Entwicklung junger geflüchteter Männer im Alter von 18 bis 27 Jahren nicht förderlich sind. Denn die dortigen Bedingungen, wie mangelnde Rückzugsorte oder Lärmbelastung, besonders in den Abendstunden, erschweren den jungen Männern das Lernen. Somit hat die Wohnsituation der Geflüchteten unmittelbare Auswirkungen auf Konzentration, Lernmotivation und Lernerfolg. „Aus diesem Grund wurde nach einer Möglichkeit gesucht, hier Schutzräume zu schaffen“, erzählt der Sozialpädagoge Leinenbach. „In der Kreisstadt Saarlouis wurde daher das Konzept „Willkommen in Saarlouis“ für junge Menschen mit Fluchterfahrung erarbeitet und mit dem Landkreis Saarlouis besprochen. Einen Baustein bilden dabei die Jugendwohngemeinschaften.“

Finanzierung der Jugendwohngemeinschaften

Laut dem Saarländischen Landesaufnahmegesetzt sind Gemeinden unter anderem für die Unterbringung von Asylsuchenden, die vom Land verteilt werden, zuständig. Demnach entscheidet die Kreisstadt Saarlouis auch über die Unterbringungsform von jungen geflüchteten Erwachsenen. Der Wohnraum für die Jugendwohngemeinschaften wird daher durch die Kommune bereitgestellt: Miete und Lebenserhaltungskosten werden wie gewöhnlich vom Jobcenter beziehungsweise dem Kreissozialamt finanziert. „Das Jobcenter stellt zusätzlich pro Wohnung noch einen Lernraum zur Verfügung,“ ergänzt Leinenbach. „Das freut uns natürlich. Denn damit erkennt das Jobcenter die besondere Situation der Jugendwohngemeinschaften und seinen Wert an.“ Damit ist die Finanzierung des Wohnraumes klar. Doch wie steht es mit der pädagogischen Begleitung der jungen Geflüchteten: Wie wird diese finanziert? Für diese Betreuung hat das Kreisjugendamt des Landkreises Saarlouis den Freien Träger „Change AG“ beauftragt. Finanziert werden die Erziehungsbeistandschaften damit zu 100 Prozent durch den örtlichen Träger der Jugendhilfe, dem Kreisjugendamt des Landkreises Saarlouis. Zusätzlich werden die jungen Geflüchteten durch die Fachkräfte des Saarlouiser Modells aufgesucht – dies gehört zur regulären Jugendsozialarbeit in Saarlouis.

Zusammenarbeit der Kreisstadt Saarlouis und dem Kreisjugendamt

„Das war ein ganz neuer Ansatz, dem wir dem Kreisjugendamt zunächst erläutern mussten“, erzählt Michael Leinenbach. „Doch nachdem allen das Konzept vorlag und klar war, dass wir keine stationären Maßnahmen der Jugendhilfe planen, konnte das Modellprojekt starten.“ Gemeinsam mit den jungen Erwachsenen, für die ein Umzug aus einer Gemeinschaftsunterkunft in die Jugendwohngemeinschaft in Frage kommt, erstellen die Jugendsozialarbeiter des Saarlouiser Modells den notwendigen Antrag zur Gewährung eines Erziehungsbeistandes beim Kreisjugendamt. „Dieser Antrag,“ so Leinenbach, „ist analog zum Antrag auf Hilfen für junge Volljährige. Der Prozess entspricht dem vorgesehenen Ablauf eines Hilfeplans“. Mittlerweile erfährt das Team von Michael Leinenbach frühzeitig über die Stadtverwaltung, wenn bisherige unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in die Sammelunterkunft der Kreisstadt ziehen. „Unsere Fachkraft der kommunalen Jugendhilfe nach dem Saarlouiser Modell besucht dann die jungen Erwachsenen und prüft, ob stattdessen ein Umzug in die Jugendwohngemeinschaften in Frage kommt,“ berichtet Michael Leinenbach. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist vor allem der eigene Wunsch des Jugendlichen.

Selbstständigkeit der jungen Männer fördern

Neben der Schaffung von Schutzräumen und Bildungsorten für die jungen Männer, verfolgt das Modellprojekt einen Empowerment-Ansatz: Bei diesem steht die Verselbstständigung der jungen Geflüchteten im Vordergrund. „Die jungen Männer können in den Wohngemeinschaften nicht nur in Ruhe für ihre Deutschkurse, sondern auch für den Unterricht in den Schulen lernen. Sie verwalten unter anderem selbst ihre Finanzen. Das hilft dabei, auf eigenen Beinen zu stehen und Verantwortung zu übernehmen,“ sagt der Sozialpädagoge Leinenbach. Zum Weg in die Selbstständigkeit gehört es unter anderem auch, sich an Verabredungen zu halten und Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen. Daher müssen alle Jugendlichen, die in den Jugendwohngemeinschaften leben möchten, eine Erklärung unterzeichnen. In dieser verpflichten sich die jungen Erwachsenen beispielsweise dazu, aufeinander Rücksicht zu nehmen, gemeinsam mit den Betreuungspersonen einen Hilfeplan zu erarbeiten und Deutsch zu lernen.

Konzept erzielt erste Erfolge

Dieser Ansatz hat Erfolg. Das zeigt sich nicht nur daran, dass bereits die zweite Wohngemeinschaft mit acht jungen geflüchteten Männern eröffnet wird: „Wir konnten durch diese Form der Betreuung bereits einige der Bewohner in Ausbildungen vermitteln,“ freut sich Michael Leinenbach. Das Projekt der Jugendwohngemeinschaften in der Kreisstadt Saarlouis zeigt, was möglich ist, wenn viele Akteure für die Integration junger Geflüchteter zusammenarbeiten. „Ist doch schön, wenn es um die Menschen und nicht um die Bürokratie geht,“ sagt Leinenbach. „Denn letztendlich geht es um die jungen Männer mit Fluchterfahrung und deren Begleitung auf dem Weg der Integration.“

Wie „Willkommen bei Freunden“ die Kreisstadt Saarlouis unterstützt

Das Servicebüro Frankfurt im Programm „Willkommen bei Freunden – Bündnisse für junge Flüchtlinge“ begleitet die Kreisstadt Saarlouis seit Herbst 2016. Seitdem unterstützen die Mitarbeitenden des Servicebüros die Gemeinde besonders bei der Weiterentwicklung des Jugendschutzkonzeptes – unter anderem mit einer externen Prozessbegleitung, Fortbildungen und Workshops. Die Gründung der Jugendwohngemeinschaften ist ein Teil der Unterstützung. Zudem wurde vereinbart, pädagogische Fachkräfte bei der Begleitung von geflüchteten Jugendlichen, die vor ihrem Übergang von der Schule ein die Berufswelt stehen, zu stärken. Mitte September findet daher ein Workshop zu diesem Thema für pädagogische Fachkräfte im Landkreis Saarlouis statt. Darin erhalten die Fachkräfte Handlungskompetenzen, um junge Geflüchtete besser bei den Übergängen zwischen Schule, Studium, Ausbildung und Arbeitswelt begleiten zu können. „Das ist das Gute bei ‚Willkommen bei Freunden‘“, sagt Michael Leinenbach. „Die Kommunalberaterinnen und Prozessbegleiter legen den Fokus für alle Beteiligten immer wieder auf die jungen Menschen“.

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