Jugendarbeit und Ehrenamt

Jugendamt Magdeburg arbeitet mit ehrenamtlichen Vormündern zusammen

Ende 2015 trat die gesetzliche Reform zur Verteilung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Kraft. Damit war klar, dass Sachsen-Anhalt in Zukunft für mehr junge Geflüchtete zuständig sein wird als die Jahre zuvor. Mit Blick auf die bevorstehende Aufgabe beschloss das Jugendamt Magdeburg neben einer generellen personellen Verstärkung zusätzlich mit ehrenamtlichen Vormündern zusammen zu arbeiten. Wie der Weg von der Erarbeitung eines Konzepts bis hin zum ersten Einsatz ehrenamtlicher Vormünder aussah, erläutert Volker Henneicke, Leiter der Abteilung Leistungen und Dienste zur Betreuung und Begleitung von Kindern und Jugendlichen im Jugendamt Magdeburg, im Interview mit „Willkommen bei Freunden – Bündnisse für junge Flüchtlinge“.

Willkommen bei Freunden (WbF): Manche Amtsvormünder in Deutschland betreuen mehr als 40 Mündel. War das eine der Befürchtungen im Vorfeld, der sie mit dem neuen Ansatz begegnen wollten?

Henneicke: Natürlich spielte die Zahl von Vormundschaften eine Rolle. Es war eine Mischung. Zum einen war klar, dass wir im Team nicht unbegrenzt zusätzliche Vormundschaften übernehmen können. Darüber hinaus gab es aber auch eine fachliche Sorge: Die Kollegen hatten bis dato keine unbegleiteten minderjährigen Ausländer als Vormünder betreut. Da gab es natürlich die Bedenken, ob man das fachlich gut bewältigen kann. Insofern speiste sich der Veränderungswille aus zwei Quellen.

WbF: Wie haben Sie Ihre Mitarbeitenden für die neue Aufgabe motivieren können?

Henneicke: Wir haben gemeinsam überlegt, wie wir mit der neuen Situation vernünftig umgehen können. Man braucht manchmal für bestimmte Dinge einen Anlass, eine neue Herausforderung: Das können Gesetzesänderungen sein oder veränderte Verteilverfahren. Dann geraten Dinge eher in Bewegung als wenn alles gut läuft.

WbF: Was war die Konsequenz daraus?

Henneicke: Das Ergebnis war eine zweigleisige Strategie. Zum einen haben wir unser Team etwas vergrößert und zum anderen zügig versucht, ehrenamtliche Vormünder zu gewinnen. Wir mussten dafür auch nicht bei null anfangen. Wir haben in der Jugendhilfe durchaus Erfahrungen mit ehrenamtlichen Engagement: Zum Beispiel im Pflegekinderdienst. Die Kollegen machen das seit Jahrzehnten und wissen, wie man vernünftig den Kennenlernprozess mit Ehrenamtlichen und die Auswahlprozesse gestaltet. Man musste letztendlich diese Prozesse nur für Vormundschaften umdenken.

WbF: Sie konnten also an bereits bestehenden Erfahrungen andocken. Sie haben gerade die Qualität angesprochen. Wie gewährleisten Sie, dass ehrenamtliche Vormünder ihre Aufgabe qualitativ und verantwortungsvoll ausführen können?


Henneicke: Zunächst führen wir mit allen Personen, die sich für eine ehrenamtliche Vormundschaft interessieren, intensive Einzelgespräche. Darüber hinaus haben wir für die Interessenten einen speziellen Fragebogen entwickelt. Dieser hilft den potenziellen Vormündern bei der eigenen Reflexion der zukünftigen Aufgabe. Zudem muss jeder Bewerber ein eintragsfreies Führungszeugnis vorlegen. Das alles ist im Hinblick auf die Verantwortung gegenüber dem jungen Menschen zwingend notwendig. Denn wenn das Familiengericht zu der Auffassung kommt, dass die von uns vorgeschlagene Person nicht geeignet ist, dann bleibt der junge Geflüchtete zunächst ohne Vormund und der Prozess verzögert sich immer weiter.

WbF: Und wie sorgen Sie für die fachliche Qualifizierung?

Henneicke: Gemeinsam mit dem Vormundschaftsverein Refugium, der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) und dem örtlichen Bildungsträger Roncalli-Haus haben wir ein Fortbildungskonzept entwickelt. Das Konzept umfasst vier Blöcke. Im ersten vermitteln wir das Netzwerk, in dem sie sich die Vormünder bewegen werden. In dieser Runde sind Kollegen aus Jugendhilfeeinrichtungen dabei, aus dem Sozialen Dienst des Jugendamtes, Kollegen aus der Ausländerbehörde und wir als Vormünder. Auf diese Weise haben die ehrenamtlichen Vormünder bereits ein Gesicht zu der jeweiligen Behörde, mit der sie in Zukunft zusammenarbeiten.

WbF: Was vermitteln Sie in den folgenden drei Themenblöcken?

Henneicke: Anschließend beschäftigen wir uns mit der Perspektive von jungen Geflüchteten: Was bewegt sie und wo kommen sie her? Dafür haben wir auch junge Menschen mit einbezogen und sie gefragt, welche Erwartungen sie an einen Vormund haben. Ein weiterer Part ist ein rechtlicher Schwerpunkt zu unbegleiteten minderjährigen Ausländern. Also: Asyl- und Aufenthaltsrecht sowie Jugendhilfe- und Familienrecht. Man muss einfach seinen Rahmen kennen, in dem man arbeitet. Dann haben wir noch einen vierten Punkt: Erfahrungen von bereits bestellten Vormündern. Dazu machen wir zum Abschluss eine Art Reflexionsrunde. In der sprechen zum Beispiel ehrenamtliche Vormünder davon, was sie selbst in den letzten eineinhalb Jahren erlebt haben.

WbF: Wie wichtig war bei dem gesamten Prozess die Zusammenarbeit mit dem Vormundschaftsverein Refugium, der DKJS und dem Roncalli-Haus?

Henneicke: So eine Zusammenarbeit lohnt sich, weil man letztendlich nicht alles alleine machen braucht. Durch wenige Abstimmungs- und Koordinierungstreffen können die verschiedenen Ressourcen optimal eingesetzt werden. Wenn man zusammen anpackt, ist man stärker, als wenn man alles alleine macht. Wenn ich auf Magdeburg schaue, dann hat Refugium natürlich eine Sonderstellung. Denn der Verein verfügt über eine mehr als 20-jährige Erfahrung im Bereich Vormundschaften für unbegleitete minderjährige Ausländer. Die hatten das größte fachliche Know-how. Das Roncalli-Haus konnte als Experte im Bereich Erwachsenenbildung einiges beisteuern. Unter anderem hatten sie Kontakte zu Referenten und auch räumliche Kapazitäten. Und die DKJS hat einen guten Überblick darüber, was in anderen Kommunen bereits gelaufen ist. Wenn man jemanden mit am Tisch hat, der ein gutes Beispiel aus einer anderen Region für das gleiche Problem kennt, dann ist das ein guter Weg. Die Kolleginnen und Kollegen aus der Bildungsstiftung geben da gute Impulse.

WbF: Das hört sich alles sehr gut an: Gibt es auch Nachteile an dem Modell?

Henneicke: Ich glaube, man sollte noch einmal sagen, dass die Begleitung von ehrenamtlichen Vormündern nicht einfach nebenherlaufen kann. Die Vorbereitung kostet Zeit, genauso wie die Schulung der ehrenamtlichen Vormünder und ihre Begleitung. In der Betreuung der Vormünder ist es sehr wichtig, schnell auf Anfragen zu reagieren. Das sichern wir gemeinsam mit Refugium ab. Dann richten wir einen vierteljährlichen Stammtisch für ehrenamtliche Vormünder aus. Das ist eine offene Gesprächsrunde, um Fragen in der Gruppe stellen zu können und auch, um ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen. Natürlich muss man auch Musterschreiben und andere Materialien bereitstellen. Denn die ehrenamtlichen Vormünder müssen online auf bestimmte Anträge und Verfahrenstipps zurückgreifen können.

WbF: Das hört sich recht aufwendig an.  

Henneicke: Es war aufwendig, ohne Frage. Aber auch nicht so schlimm, wie es sich jetzt vielleicht anhört. Denn letztendlich sind es genau die gleichen Dinge, die wir sowieso bei uns zu erledigen haben. Ehrenamtliche Vormundschaften verursachen auch nach der Einführung einen gewissen Zeitanteil in der täglichen Arbeit. Zwei Kollegen im Team haben extra Zeitanteile für die Begleitung der ehrenamtlichen Vormundschaften und sind ihr erster Ansprechpartner. Im Ausgleich bearbeiten sie weniger Fälle als die anderen. Das war eine Entscheidung, die wir im Team getroffen haben.

WbF: Zum Abschluss: Was raten Sie Kolleginnen und Kollegen bezüglich der Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Vormündern?

Henneicke: Man sollte sich nicht entmutigen lassen, wenn es mal nicht so klappt oder wenn ein ehrenamtlicher Vormund Dinge anders macht, als wenn man selbst die Vormundschaft übernommen hätte. Wenn man die Verantwortung abgibt, muss man auch den Mut haben, dass der andere die Aufgaben so erledigt, wie er es für richtig hält. Eine ehrenamtliche Vormundschaft kann eben anders laufen als eine Amtsvormundschaft. Auch und vor allem, weil sich die ehrenamtlichen Vormünder deutlich intensiver um den jungen Menschen kümmern können als wir oder ein Verein.

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