Kommune

Kinderschutz für geflüchtete Kinder und Jugendliche

Der Alltag von jungen Geflüchteten wird stark durch ihre – für sie selbst ganz fremden – Wohnverhältnisse geprägt. Mit ihren Eltern leben geflüchtete Kinder und Jugendliche überwiegend in Notunterkünften, Erstaufnahmeeinrichtungen und Übergangswohnheimen – eher selten in Wohnungen. Dieser neue Lebensraum ist für geflüchtete Kinder und Jugendliche oft risikoreich. Denn die Gewalt, die in Deutschland gegen junge Geflüchtete ausgeübt wird, hat viele Dimensionen. Sie kann von erwachsenen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern, von anderen Kindern und Jugendlichen in der Gemeinschaftsunterkunft, von den eigenen Eltern, von ehrenamtlichen Helfern oder vom hauptamtlichen Personal in den Unterkünften ausgehen. Außerdem sind junge Geflüchtete von Zwangsprostitution, Kinderhandel und rassistisch motivierten Angreifern bedroht. Daher sind Kinderschutzkonzepte für eine kind- und jugendgerechte Unterbringung entscheidend.

Rechtliche Grundlagen und Situation in den Unterkünften

Kinder, Jugendliche und Frauen im Asylverfahren gelten im Sinne der Aufnahmerichtlinie (2013/33/EU) als besonders schutzbedürftig. Das deutsche Asyl- und Aufenthaltsrecht ist jedoch nicht explizit auf jeglichen Gewaltschutz ausgelegt. Hingegen bietet die UN-Kinderrechtskonvention eine rechtliche Grundlage für den Schutz von geflüchteten Kinder und Jugendlichen. Besonders Artikel 19 hebt den Schutz vor Gewalt hervor:  „Die Vertragsstaaten treffen alle geeigneten Gesetzgebungs-, Verwaltungs-, Sozial- und Bildungsmaßnahmen, um das Kind vor jeder Form körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung, Schadenszufügung oder Misshandlung, vor Verwahrlosung oder Vernachlässigung, vor schlechter Behandlung oder Ausbeutung einschließlich des sexuellen Missbrauchs zu schützen, solange es sich in der Obhut der Eltern oder eines Elternteils, eines Vormunds oder anderen gesetzlichen Vertreters oder einer anderen Person befindet, die das Kind betreut.“

Im Gegensatz dazu stehen die Besonderheiten der verschiedenen Wohnformen für Geflüchtete. Bei der Planung und Umsetzung von Maßnahmen des Kinderschutzes sollte man diese berücksichtigen. Denn Erstaufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünfte müssen beispielsweise nicht nachweisen, dass sie geeignete Lebensorte für Kinder und junge Erwachsene sind und brauchen keine gesonderte Betriebserlaubnis, so wie sie im Kinder- und Jugendhilferecht (§45, SGB VIII) verankert ist. Zudem bleiben Kinder und Jugendliche aus „sicheren Herkunftsländern“ durch die Änderungen im Asylgesetz seit Herbst 2015 oft länger als drei Monate in den Erstaufnahmezentren. Dort würde ein Zugang zu einem geschützten Ort und zu Bildung und Teilhabe ihre Situation deutlich verbessern.
Besonders gefährdet sind begleitete Kinder und Jugendlichen mit Fluchthintergrund. Laut Deutschem Jugendinstitut sind sie eine „vergessene Zielgruppe der Kinder und Jugendhilfe“. Denn im Gegensatz zu unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen sind sie nicht durch die Aufnahme und Betreuung durch das Jugendamt weitestgehend vor Gewalt geschützt. Aus diesem Grund ist es entscheidend, den Kinderschutz in den Unterkünften mit konkreten Maßnahmen zu sichern.

Rückzugsräume für junge Geflüchtete in den Unterkünften

Inzwischen werben viele Städte, Gemeinden oder Landkreise um private Vermieterinnen und Vermieter, die Wohnraum für geflüchtete Familien anbieten können. Das ist im gewissen Maß auch ein Schritt hin zur Gewaltprävention. Aber auch in den Unterkünften selbst kann der Kinderschutz von jungen Geflüchteten ausgebaut werden. Als hilfreich haben sich Ansätze erwiesen, dem Lärm und der Enge in den Unterkünften Spielmöglichkeiten und Rückzugsräume entgegen zu setzen. Denn Aggressionen, die sich in diesem Lebensumfeld entwickeln, treffen oftmals Kinder und Jugendliche.

Ein Beispiel für solche Rückzugsräume sind kinderfreundliche Orte in den Unterkünften. Die sogenannten „child friendly spaces“, die von internationalen Hilfsorganisationen für provisorische Unterkünfte für Geflüchtete entwickelt wurden, sollen geflüchteten Kindern Geborgenheit und Normalität in einer fremden Umgebung vermitteln. Durch eigene Bereiche mit strukturierten Spiel- und Lernangeboten sollen Ruhe- und Schutzräume für Kleinkinder und ihre Mütter geschaffen werden. UNICEF international, Save the Children und Plan international planen derzeit die Einrichtung von beispielhaften kinderfreundlichen Orten in Not- und Erstaufnahmeunterkünften auch in Deutschland. Sie sollen deutschlandweit übernommen werden und zu gemeinsamen Standards führen.

Qualifizierung und Sensibilisierung von Mitarbeitenden

Als gute Maßnahmen bieten sich ebenfalls Weiterbildungsangebote für Mitarbeitende der verschiedenen Unterkünfte an. So kann beispielsweise das haupt- und ehrenamtliche Fachpersonal zur Identifikation erhöhter Schutzbedarfe und zur Aufklärung der Betroffenen und ihrer Eltern über ihre Rechte fortgebildet werden. Da es auch vorkommt, dass unbegleitete minderjährige Flüchtlinge unerkannt in Sammelunterkünften leben, sollten Mitarbeitende lernen, unbegleitete Minderjährige zu erkennen. Außerdem sind besondere Angebote und Ansprachen für den Umgang mit geflüchteten Kinder und Jugendliche mit alleinerziehender Mutter, mit chronischer Krankheit oder Behinderungen sowie LGBTI-Kinder und Jugendliche zu entwickeln. Für ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in den Unterkünften ist inzwischen häufig die Vorlag eines erweiterten polizeilichen Führungszeugnis notwendig.

Aber auch eine Sensibilisierung von Mitarbeitenden unter anderem der Kommunalverwaltung, Jugendämter, Schulen, Kitas, Krankenhäuser und Polizei kann bei der Erarbeitung von Standards im Kinderschutz für Flüchtlingskinder unterstützen. Der enge Austausch mit Expertinnen und Experten oder Vereinen, Initiativen und Organisationen vor Ort ist dafür ebenfalls sehr zu empfehlen. Zum Beispiel bietet die Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Kinder gegen sexuelle Ausbeutung (ECPAT) verschiedene Fortbildungen an. So auch Kurse, in denen man lernt, minderjährige Opfer von Gewalt, Kinderprostitution oder Kinderhandel zu erkennen. Zudem könnten Fachberatungsstellen ihre Präventionsmaßnahmen stärker an junge Geflüchtete mit oder auch ohne Begleitung ihrer Eltern herantragen.  

Das Bereitstellen von Informationen über Kindesmissbrauch und mögliche Schutzmaßnahmen ist ein wichtiger Schritt, um den Schutz von geflüchteten Kindern in Deutschland zu verbessern. Existierende Informationsmaterialien können dafür zum Beispiel auf einer Plattform gebündelt werden. Dort können Informationspapiere unter anderem mit Ansprechpartnern, Fachberatungsstellen und Hilfetelefonen für Einrichtungsleitungen und Kommunen bereitgestellt werden. Hilfsmaterialien in verschiedenen Übersetzungen für geflüchtete Kinder und Jugendliche und ihre erwachsenen Begleiter sind ebenso sinnvoll.

Ein gutes Beispiel dafür ist die mehrsprachige Broschüre „Flüchtlingskinder haben Rechte“ des Vereins Zartbitter in Köln. Klare Worte und Bilder, die auch ohne Text zu verstehen sind, informieren junge Geflüchtete über ihre Rechte. Zudem macht die Broschüre Mut, sich gemeinsam gegen sexuelle Übergriffe und körperliche Grenzverletzungen zu wehren und sich bei Fachkräften Hilfe zu holen. Die Publikation kann zum einen gut weiterverbreitet werden, aber zum anderen ebenso eine mögliche Basis für Workshops zu Kinderrechten und Kinderschutz bieten.

Zugänge zu bestehenden Angeboten erleichtern und neue schaffen

Wenn junge Geflüchtete oder ihre erwachsenen Begleiter gut informiert sind, steht ihnen die gesamte Breite der Unterstützungsleistungen der Jugendhilfe zu – wie anderen Kindern in Deutschland auch. Für diesen Zweck bieten Jugendämter inzwischen Informationen über ihre Unterstützungsleistungen mehrsprachig und zur Verteilung in Unterkünften an. Außerdem können Vor-Ort-Zeiten, Anlaufstellen, mehrsprachigen Informationen für Eltern und Kinder der Jugendämter in Erstaufnahmeeinrichtungen und Übergangsheimen ein weiterer Schritt sein. Kostenlose Bildungsangebote, verschiedene Kenntnisse, Geduld und bestehende Netzwerke könnten diese Angebote ergänzen. Ebenso können im Bereich der frühen Hilfen Präventionsnetzwerke wie „Gesunde Kinder“ oder das System der Familienhebammen unterstützen. So kann eine Kindeswohlgefährdung erfolgreich abgewendet werden.

Die Kooperation verschiedener Ämter und Behörden ist eine weitere Möglichkeit. Mit einer gemeinsamen Agenda zum Thema Kinderschutz könnten Ausländerbehörde, Jugendamt und Sozialamt, aber auch Sozialarbeit, Unterkunftsbetreiber, freie Träger und Polizei zusammenarbeiten. So könnten konsequent und flächendeckend Ansätze und Konzepte zum Schutz für geflüchtete Kinder und Jugendliche eingeführt werden.

Das bestehende Konzept von sogenannten Konfliktlotsen könnte auch gewinnbringend eingesetzt werden. Jugendliche, die selbst in Erstaufnahmeeinrichtungen oder Wohnheimen gelebt haben, werden dabei zu qualifizierten Ansprechpersonen für junge Geflüchtete ausgebildet. Bei diesem Ansatz können geflüchtete Kinder und Jugendliche über die gemeinsame Erfahrung schnell Vertrauen zu den Konfliktlotsen aufbauen. An vielen deutschen Schulen wird das Modell der Konfliktlotsen bereits eingesetzt. Dort können ebenfalls diversitätssensible Materialien im Unterricht zu Kinderrechten, zu sexueller Selbstbestimmung und zum Recht auf Gewaltfreiheit zum Einsatz kommen.

Kinderschutz durch Unterstützung der Eltern geflüchteter Kinder

Kitas, Schulen oder andere Bildungseinrichtungen können Eltern geflüchteter Kinder bezüglich des Kinderschutzes in Deutschland informieren und beraten. Mehrsprachige Elternbriefe wie die des Arbeitskreises Neue Erziehung (ANE) oder von Eigensinn e. V. sind dafür eine gute Möglichkeit. Darüber hinaus ist es sinnvoll, zielgruppenorientiert an bestehende Konzepte interkultureller Elternarbeit anzuknüpfen, welche stärkeorientiert ansprechen, aufsuchend arbeiten und bedarfsorientiert sind.

Der migrationssensible Kinderschutz, wie ihn etwa das Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz entwickelt hat oder die interkulturelle Elternarbeit, wie sie Refugio München anwendet, bieten bereits erprobte Ansätze. Dabei ist der Vertrauensaufbau über Beziehungsarbeit mit den Familien in der Kinderschutzarbeit ein elementarer Bestandteil. Die Angebote interkultureller und traumaspezifischer Elternarbeit und -beratung für Geflüchtete können dafür ausgebaut werden.

Insgesamt betrachtet gibt es bereits bewährte Modelle und gute Angebote zum Schutz von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Es kommt darauf an, diese für junge Geflüchtete und ihre Familien zu öffnen und weiterzuentwickeln. Darüber hinaus lassen sich durch engagierte Kooperationen und Netzwerke mit erfahrenen Partnern weitere gute Ideen entwickeln.  

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