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Kitas interkulturell öffnen

Um junge Geflüchtete und deren Familien in Deutschland zu integrieren, braucht es eine interkulturelle Öffnung kommunaler Einrichtungen. Besonders Kitas spielen für geflüchtete Familien eine entscheidende Rolle für ein gelungenes Ankommen und die Chance auf Bildung und Teilhabe.

100.000 junge Geflüchtete zwischen null und sechs Jahren erwartet das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bis Ende 2015. Wie in Deutschland lebende Kinder haben auch geflüchtete Kinder einen Anspruch auf eine umfassende Kinderbetreuung. Die Betreuung von Kindern aus verschiedenen Ländern und unterschiedlichen familiären Kontexten ist für Mitarbeitende von Kindertageseinrichtungen nichts Neues. Viele sind bereits darin geübt und haben ihre Angebote dieser Vielfalt angepasst. Andere Kitas stehen noch am Anfang der interkulturellen Öffnung ihrer Einrichtung und Angebote.

Was bedeutet Interkulturelle Öffnung?

Hubertus Schröer, einer der führenden Experten im Themengebiet der Interkulturellen Öffnung, beschreibt diese „als ein bewusst gestalteter Prozess, der (selbst-)reflexive Lern- und Veränderungsprozesse von und zwischen unterschiedlichen Menschen, Lebensweisen und Organisationsformen ermöglicht, wodurch Zugangsbarrieren und Abgrenzungsmechanismen in den zu öffnenden Organisationen abgebaut werden und Anerkennung ermöglicht wird.“ Der Begriff der Kultur ist dabei nicht zwangsläufig an bestimmte Herkunftsländer oder Ethnien gebunden, sondern beschreibt die Vielfalt der Lebenswelten, die es auch innerhalb Deutschlands immer schon gibt. Hier geht es besonders in Bezug auf geflüchtete Kinder und ihre Familien darum, ihnen den Zugang zu öffentlichen Einrichtungen wie verschiedenen Ämtern, Schulen und Kitas zu erleichtern. Und zwar, indem alltägliche Abläufe und Strukturen im Betrieb der jeweiligen Einrichtung nach möglichen Zugangshindernissen hinterfragt und diese nach Möglichkeit beseitigt werden.

Mögliche Zugangshindernisse für geflüchtete Familien

Viele geflüchtete Familien bringen ihre Kinder nicht in die Kindertagesstätte. Einerseits liegt es daran, dass ihnen das Konzept der öffentlichen Kinderbetreuung unbekannt ist. Denn nicht in allen Ländern gibt es Kitas. Andererseits können Ängste bestehen, ihre Kinder von anderen Erwachsenen betreuen zu lassen. Häufig sind die Fluchterfahrungen der Familien ein Grund dafür. Außerdem sind einige Gemeinschaftsunterkünfte weit entfernt von der nächsten Kita. Eine schlechte Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr, fehlende Kenntnis darüber oder auch die Kosten der Nutzung erschweren ebenfalls den Kita-Zugang für geflüchtete Kinder. Ein weiteres Hindernis sind mögliche Sprachbarrieren. Diese machen es den Familien schwer, sich über das Angebot der Kita zu informieren und mit pädagogischen Fachkräften zu sprechen.

Mögliche Hemmnisse von Mitarbeitenden der Kita

Manche Mitarbeitende haben noch keine Flüchtlingskinder in der Kita betreut. Sie können im Umgang mit geflüchteten Kindern verunsichert sein und Angst haben, etwas falsch zu machen. Besonders, wenn die Vermutung besteht, dass die Kinder in ihrem Herkunftsland oder auf ihrer Flucht traumatische Erfahrungen gemacht haben. Hinzu kommt häufig die Schwierigkeit, mit den Eltern ins Gespräch zu kommen. Denn nicht alle Erzieherinnen und Erzieher haben in ihrer Ausbildung Techniken gelernt, um Sprachbarrieren überwinden zu können. Dies kann auch erfahrene Fachkräfte vor Herausforderungen stellen. Als Reaktion darauf vertrauen manche auf ihre bisher bewährten Methoden und Routinen. Doch jede Familie und jedes Kind, ob in Deutschland aufgewachsen oder aus der Heimat geflüchtet, ist anders. Passt sich das Angebot dieser Vielfältigkeit nicht an, kann es nicht von allen gleichermaßen genutzt werden. Hinzu kommt, dass bestehende Vorurteile und darauf beruhende Missverständnisse die interkulturelle Öffnung der Kita behindern.

Hindernisse und Hemmnisse erkennen

Solche Hindernisse und Hemmnisse zu erkennen, ist der erste Schritt zur interkulturellen Öffnung von Kitas und anderen öffentlichen Einrichtungen. Denn nur so lässt sich der Zugang für geflüchtete Kinder und ihre Familien verbessern. Helfen können dabei zum Beispiel spezielle Fragebögen. Gezielt werden darin der Alltag in der Kita und die gewohnten Abläufe hinterfragt. Ebenso geht es um die vorhandenen Angebote und wie sie von geflüchteten Familien angenommen werden. Hier bietet der „Praxisleitfaden. Interkulturelle Öffnung der Familienbildung“ vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen eine gute Orientierung. Das Land Baden-Württemberg hat in diesem Zusammenhang Ende 2015 ein Pilotprojekt gestartet. Dieses sieht vor, die Mitarbeitenden der Kita durch Supervisionen und Coachings zu unterstützen. Bei der Supervision betrachten Fachexperten zunächst die Abläufe im Kita-Alltag. Anschließend werden mögliche Hindernisse für die Integration geflüchteter Kinder und ihrer Familien besprochen und Handlungsmöglichkeiten erarbeitet.

Vier Ebenen der interkulturellen Öffnung

Es gibt verschiedene Bereiche, bei denen die Leitung einer Kita ansetzen kann, um das Angebot für geflüchtete Kinder und deren Familien offener zu gestalten. Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration benennt in seiner Studie „Kitas als Brückenbauer“ vier Bereiche, die für eine gelingende interkulturelle Öffnung entscheidend sind. Das sind im Einzelnen die interkulturellen Fähigkeiten der pädagogischen Fachkräfte, vorhandene Beteiligungsmöglichkeiten für die Eltern der geflüchteten Kinder, bestehende Kooperationen mit lokalen Partnern und spezielle Bildungsangebote für geflüchtete Familien.

Interkulturelle Fähigkeit der pädagogischen Fachkräfte

Für die Arbeit mit geflüchteten Kindern und ihren Familien ist ein grundlegendes Wissen über die verschiedenen Lebenssituationen der Familien sehr hilfreich. Wie ist die Situation im Heimatland der Familien? Wo wohnen sie jetzt? Wie gestaltet sich ihr Tagesablauf? Und mit welchen alltäglichen Herausforderungen, zum Beispiel durch das Leben in einer Gemeinschaftsunterkunft oder eine unsichere Aufenthaltsperspektive, sind sie konfrontiert? Außerdem sind Kenntnisse über die verschiedenen Religionen und kulturellen Bräuche der einzelnen Familien sehr nützlich. Das erleichtert zum Beispiel die Planung eines gemeinsamen Elternfrühstücks. So kann der Verzicht auf Schweinefleisch muslimischen Eltern klar zeigen, dass sie herzlich willkommen sind. Nicht alle Erzieherinnen und Erzieher kennen sich mit den Gewohnheiten der verschiedenen Kulturen und Religionen aus. Daher gilt es, die Eltern aktiv anzusprechen und Stereotype zu vermeiden. Es geht darum, auf Grundlage einer vertrauensvollen Beziehung, allen Eltern zu ermöglichen, sich und ihre spezifische Lebenswelt auch in der Kita sichtbar zu machen. Gute Beispiele hierfür finden sich unter anderem bei der Fachstelle „Kinderwelten für vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung“.

Die Leitung einer Kita kann sich und ihre Mitarbeitenden in diesem Bereich weiterbilden. Mitarbeitende, Kinder und Eltern können gemeinsam ein Selbstbild der Kita als interkulturell geöffnete, diversitätssensible Einrichtung entwickeln. Die Einstellung von Fachkräften mit Migrationshintergrund und möglicherweise auch eigener Fluchterfahrung unterstützt ebenfalls die Öffnung einer Kita für geflüchtete Familien. Denn zum einen können Erzieherinnen und Erzieher mit Migrationshintergrund ihre interkulturellen Kenntnisse ins Team einbringen. Zum anderen können sie die Zusammenarbeit mit geflüchteten Eltern erleichtern. Grund dafür sind erste Anknüpfungspunkte über kulturelle Gemeinsamkeiten oder geteilte Diskriminierungserfahrungen in der Mehrheitsgesellschaft. Auch die Kommunikation in der Muttersprache kann eine erste Vertrauensbasis schaffen.

Beteiligungsmöglichkeiten für Eltern

Ein weiterer Baustein der Interkulturellen Öffnung ist die Beteiligung der Eltern geflüchteter Kinder. Sinnvoll sind dafür Möglichkeiten, die Eltern in die Aktivitäten der Kindertageseinrichtung einzubinden. Das hilft, um den Eltern auf Augenhöhe zu begegnen und davon ausgehend herauszufinden, wo sie vielleicht noch mitreden möchten. Die Möglichkeiten sind dabei so vielfältig wie die Eltern. Sie können sich an der Organisation von Ausflügen beteiligen oder diese begleiten, bei der Gestaltung und Renovierung der Räume unterstützen, den Kindern Geschichten erzählen oder sich im Elternbeirat einbringen. Während der gemeinsamen Arbeit wird das Gefühl vermittelt, dass jeder in seinen Fähigkeiten geschätzt wird. Das fördert ebenfalls das Vertrauen untereinander. Die Einladung zur Beteiligung wird zu einer Möglichkeit des Kennenlernens. Zudem geben pädagogische Fachkräfte den Eltern die Chance, selbst aktiv zu werden. Besonders Mütter und Väter, die noch kein Arbeitsverhältnis aufnehmen dürfen, werden durch Beteiligungsmöglichkeiten besonders gestärkt.

Kooperationen mit lokalen Partnern

Kitas können neben den Eltern geflüchteter Kinder beispielsweise auch mit lokalen Kirchen- und Moscheegemeinden, Migrantenvereinen oder verschiedenen Kultureinrichtungen zusammenarbeiten. Gemeinsam können Projekte für alle Kinder und Familien geplant und durchgeführt werden. Das kann der gemeinsame Besuch verschiedener Glaubenshäuser – wie Moscheen, Synagogen oder christlichen Kirchen – sein. Manche kulturellen Einrichtungen, beispielsweise Museen und Büchereien, bieten geflüchteten Familien kostenlose Führungen an. Aber auch Informationsabende für pädagogische Fachkräfte zur Situation in den jeweiligen Herkunftsländern der Familien, Wohn- und Lebenssituation vieler Flüchtlingsfamilien oder zum Umgang mit traumatisierten Kindern können mit kommunalen Initiativen realisiert werden.

Bildungsangebot für geflüchtete Familien

Kitas können mit spezifischen Angeboten geflüchtete Eltern besonders unterstützen. Und damit auch ihre Kinder. Leiterinnen und Leiter von Kindertageseinrichtungen können zusammen mit externen Beratungsstellen beispielsweise Veranstaltungen zum Ausländerrecht anbieten. Aber auch die Unterstützung beim Ausfüllen verschiedener Formulare kann den Familien sehr helfen. Möglichkeiten, bei denen Eltern geflüchteter Kinder Deutsch lernen können, sind für die Eltern besonders nützlich. Sie erlangen so mehr und mehr die Fähigkeit, sich alleine in Deutschland zu Recht zu finden und vorhandene Angebote zu nutzen. Je wohler sich die Eltern vor Ort fühlen und je mehr Teilhabechancen sie erfahren, desto besser können sie ihre Kinder in deren Alltagssituationen unterstützen. Das stärkt die ganze Familie. Kindertageseinrichtungen, die sich interkulturell öffnen, sind somit nicht nur Orte für geflüchtete Kinder, sondern für ihre ganze Familie.

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