Kommune

Kommunen unter Stress - Salzgitter zeigt, wie es anders gehen kann

Das Programm „Willkommen bei Freunden“ lud am 30.9.2016 zur ersten Hospitation nach Salzgitter ein. Das Thema: „Integrierte Sozialstrukturplanung und Präventionskette zur Integration junger Geflüchteter“

Der kollegiale Austausch begann bereits im Shuttle-Bus von Hannover nach Salzgitter. 18 Mitarbeitende verschiedener Kommunalverwaltungen aus ganz Deutschland waren angereist, um von der kleinsten Großstadt Niedersachsens zu lernen. Eine Teilnehmerin war eigens aus Pforzheim gekommen. „Wir sind die ärmste Stadt in Baden-Württemberg und mit unseren Problemen da ziemlich allein. Deshalb suche ich Inspiration eher bei Kommunen, die ähnliche Probleme haben wie wir.“
Im Stadtteilzentrum „AWiSTA“ angekommen, begrüßte Friederike Orth die Teilnehmenden und stellte sie einander vor. Sie leitet eines der sechs Servicebüros bundesweit. Besonders erfreut zeigte sie sich über ein fünfköpfiges Gespann aus dem Burgenlandkreis: „Der Landkreis ist mit fünf verschiedenen Zuständigkeiten vertreten. Das entspricht genau unserem Ansatz.“

Salzgitter, bis vor wenigen Jahren eine schrumpfende Stadt, hat heute knapp über 100.000 Einwohner. Immerhin 4.000 davon sind Geflüchtete, Tendenz steigend. Sie ist derzeit innerhalb Niedersachsens die beliebteste Stadt bei Menschen mit und ohne Flucht- oder Migrationshintergrund. Grund dafür ist nicht nur die wachsende syrische Community. Die Kommune punktet mit günstigem Wohnraum, verfügbaren Jobs in der Industrie und einer explizit migranten- und familienfreundlichen Strategie.

Im Herbst 2014 war Salzgitter vergleichsweise gut gerüstet. Bereits seit 2013 strukturiert die Stadt alle Maßnahmen für Geflüchtete, vom Sprachkurs bis zum Kita-Platz, anhand einer Präventionskette. Christa Frenzel, erste Stadträtin und Sozialdezernentin von Salzgitter, sagt dazu: „Das hat sich sehr bewährt. Ohne die Präventionskette hätten wir das Gefühl, im Chaos zu versinken.“ Das lokale Modell zur integrierten Sozialstrukturplanung stellte die Stadträtin höchstpersönlich vor. Erklärtes Ziel der Kommune ist es, keine Parallelgesellschaft entstehen zu lassen. Dazu gehört, alle, die ankommen, in die Regelsysteme einzubinden. „Ich habe in meinem Dezernat alle Lebenslagen unter einem Dach“, erklärt Frenzel das Geheimnis der gut  koordinierten Abläufe in Salzgitter. Diese Konstruktion ermögliche zügige Abstimmung, „superschnelle Verfahren“ und geschicktes Schöpfen aus den Fördertöpfen der unterschiedlichsten Programme.

Salzgitter hat eine integrierte Sozialstrukturplanung eingeführt, um Angebote und Maßnahmen der unterschiedlichsten Akteure  sinnvoll miteinander zu koordinieren. „Wir wollen nicht irgendwann vor einem Problemberg stehen“, bringt Claudia Fanger es auf den Punkt, die derzeit das Bildungsmonitoring der Kommune verantwortet. „Wir wollen wissen, was sich tut, und rechtzeitig steuern. Wer ist da, aus welcher Altersgruppe? Wo sind Lücken, und wie können wir die schließen?“ Fanger  erläutert, wie die Daten erhoben werden, auf denen die integrierte Planung vor Ort aufbaut: „Wichtig war uns Kleinräumigkeit und Ortschaftsbezug, und dass die Planungsräume statistisch vergleichbar sind“..

Eine große Herausforderung für Salzgitter sind die jungen Geflüchteten im Alter von 18 bis 30. Sie haben „keine Schulpflicht mehr, dafür aber hohe Erwartungen.“ Für sie hat Salzgitter eine besondere Lösung gefunden. Nachdem das AWiSTA seine vielfältigen Formate der Bürgerbeteiligung und Familienarbeit vorgestellt hat – das Stadtteilzentrum bringt das Konzept Präventionskette in die Praxis – machen sich die Teilnehmenden der Hospitation auf in die benachbarte Jugendberufsagentur. Hier sitzen neuerdings die Agentur für Arbeit, das Jobcenter und Träger der Jugendhilfe unter einem Dach. So lassen sich die Angebote zum Übergang Schule-Beruf besser bündeln und an die betroffenen Jugendlichen vermitteln. Die räumliche Nähe zum Stadtteilzentrum ist Absicht. Von anonymem Behörden-Marathon fehlt hier jede Spur. In einem freundlichen Eingangsbereich lässt sich das jeweilige Anliegen klären. Computer-Arbeitsplätze stehen bereit, um Bewerbungen zu schreiben, und alle relevanten Ansprechpartner können sich auf dem denkbar kürzesten Dienstweg absprechen. „Es hilft sehr, dass wir zusammensitzen“, erzählt eine Mitarbeiterin der Agentur. Sobald eine Mitarbeiterin mit einem Geflüchteten in Kontakt tritt, kommuniziert sie auch mit ihren Kollegen aus anderen Fachbereichen.

In der Mittagspause gab es Zeit für Gespräche und fachlichen Austausch. „Die suchen hier nicht das Problem, sondern wirklich nach Lösungen“, sagte eine Teilnehmerin aus Süddeutschland anerkennend. Eine andere Teilnehmerin fühlte sich „bestätigt, im guten Sinn. Was ich hier sehe, liefert mir wunderbare Argumente für die Arbeit daheim.“

In der anschließenden Reflexionsrunde teilte sich die Gruppe in städtische und ländliche Teilnehmende auf. Hier war Platz für konkrete Fragen, aber auch für kollegialen Austausch. „Der ist für mich ganz wichtig“, betonte Christa Frenzel. Die Zusammenarbeit mit dem Programm „Willkommen bei Freunden“ befördere da genau das Richtige. „Wissenstransfer zwischen den Kommunen ist unbedingt notwendig. Wir sind operativ sehr eingespannt; solche Chancen zum Reflektieren sind für uns Gold wert.“

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