Kommune

Kultursensibilität? Jugendliche im Fokus des Kinder- und Jugendschutzes

Im vorliegenden Artikel wird anhand eines Fallbeispiels einer türkischstämmigen Familie, die pädagogische Arbeit mit Menschen unterschiedlicher Herkunft herausgearbeitet.
Oft haben die Eltern Lebens- und Erziehungskonzepte, die auf den ersten Blick nicht mit den Vorstellungen der Institutionen beziehungsweise den Fachkräften kompatibel sind. Ein Perspektivwechsel ist nötig.
Dies gilt auch für geflüchtete Kinder und Jugendliche. Sobald die rechtliche Lage der geklärt ist, gibt es keine Unterschiede der pädagogischen Ansätze zwischen Etablierten und Neuzuwanderern beziehungsweise Geflüchteten, da Sprachbarrieren auch bei etablierten Familien durchaus häufig vorkommen.

Einführung

Wer als Fachkraft in der Sozialen Arbeit oder im Kontext der Schule mit Familien unterschiedlicher Herkunft zu tun hat, stellt bald fest, dass die gelernten herkömmlichen pädagogischen und didaktischen Kompetenzen und Methoden als Basis professionellen Handelns nicht immer ausreichen. Vielmehr sind neben der sozialen Lage, die kulturellen Prägungen und migrationsbedingten Rahmenbedingungen der Zielgruppen zu beachten und für die soziale und pädagogische Arbeit hinreichend zu berücksichtigen. Insbesondere die türkeistämmigen Familien stehen im Fokus der Sozialen Arbeit, weil sie einerseits die größte Gruppe von Migrantinnen und Migranten darstellen und andererseits Fachkräfte auf Traditionen und Wertvorstellungen, Erziehungsstile, Erziehungsziele und Geschlechterrollen treffen, die ihnen scheinbar „fremd“ sind.

Deshalb werden in folgendem Beitrag in erster Linie Familien aus der Türkei in den Fokus genommen und anhand eines Fallbeispiels herausgearbeitet, wie die pädagogische Arbeit mit der Zielgruppe aussehen kann. Zunächst wird kurz auf die Sozialisationsbedingungen der Jugendlichen eingegangen. Danach wird ein Fallbeispiel vorgestellt, um darzulegen, wie die Problemlage aussehen kann. Zum Schluss werden konkrete Handlungsvorschläge formuliert, die pädagogische Konsequenzen beinhalten.

Rahmenbedingungen der Sozialisation

Alle Kinder und Jugendlichen wachsen im Wesentlichen in den vier Lebenswelten Familie, Schule, Peergroup und Medienlandschaft auf. Diese vier Bezugspunkte stellen allerdings türkeistämmige Jugendliche vor besonders widersprüchliche Erwartungen und Handlungsoptionen. Das deutsche Schulsystem ist bekanntlich kaum in der Lage, soziale Unterschiede auszugleichen. Die Nachkommen der ehemaligen Arbeitsmigranten sind dadurch nachweislich benachteiligt. Sie machen seltener als ihre Altersgenossen hochwertige Schulabschlüsse und verlassen das Schulsystem deutlich häufiger ohne Abschluss. Das liegt neben der Schulstruktur und wenig lernförderlichen Unterrichtsformen auch daran, dass in der Schule Werte wie Selbstständigkeit, Selbstdisziplin und Selbstreflexion (notwendigerweise) eine besondere Rolle spielen. Denn viele dieser Jugendlichen wachsen in Familienstrukturen auf, in denen Gehorsam, Unterordnung und Loyalität gegenüber der Familie den Alltag begleiten.

Diese Widersprüchlichkeiten im Verhältnis von Schule und Familie, denen sich diese Jugendlichen gegenübersehen, werden dadurch verschärft, dass ihre Eltern sowohl Loyalität gegenüber den traditionellen Werten als auch Erfolg in der Schule und später im Arbeitsleben erwarten – eine typische Erwartungshaltung von Migrantinnen und Migranten der ersten und zweiten Generation gegenüber ihren Kindern. Dabei können die Eltern den Kindern kaum Hilfestellungen geben, auch weil sie traditionsbedingt die Erziehungs- und Bildungsverantwortung in großem Maße an die Schule abgeben. Dieses Problem verschärft sich für türkeistämmige Jugendliche zusätzlich, denn sie leben sowohl mit sozialen Unterschieden aufgrund ihrer Milieuzugehörigkeit als auch mit kulturellen Unterschieden aufgrund der Migrationssituation. Für sie bestehen keine „vorgeprägten Laufbahnen“, an denen sie sich in Schule und Arbeitsmarkt orientieren könnten. Sie fühlen sich nicht als Deutsche und nicht als Türken. Sie distanzieren sich in gewisser Hinsicht sowohl von der Mehrheitsgesellschaft als auch von der Familie und der traditionellen türkischen Community.
Nach dieser kurzen thematischen Einführung sollen die weiteren migrations- und kultursensiblen Ansätze anhand eines Beispiels konkretisiert werden.

Ein Fall – und viele Zugänge?

Der 17-jährige Ümit ist in Deutschland geboren, die Familie stammt ursprünglich aus der Türkei. Er ist mehrfach mit Gewalt-, Ladendiebstahl- und Drogendelikten straffällig geworden. Während der Beratungsgespräche bei der Jugendgerichtshilfe stellt die zuständige Sozialpädagogin fest, dass Ümit auch viele Probleme im Elternhaus hat, wie zum Beispiel die Arbeitslosigkeit der Eltern, Alkoholprobleme des Vaters, beengte Wohnverhältnisse und Gewalt in der Familie. Nach reiflicher Überlegung und in Absprache mit Ümit beschließt sie, ihren Klienten in einer sozialpädagogisch betreuten Wohngruppe unterzubringen. Alle Vorgespräche mit Ümit verlaufen positiv, weil er sein Elternhaus unbedingt verlassen möchte, um eigenverantwortlich und selbstständig sein Leben zu regeln. Die Sozialpädagogin bestärkt Ümit darin und ermutigt ihn zu diesem Schritt. Allerdings ist die Zustimmung der erziehungsberechtigten Eltern erforderlich.

Während des gemeinsamen Gesprächs mit der Pädagogin und den Eltern ist Ümit sehr ruhig, er vermeidet den Augenkontakt zu beiden Elternteilen und blickt fortwährend zu Boden. Der Vater betont unermüdlich, dass sie als Eltern mit Ümit keinerlei Probleme hätten und dass die Familie intakt sei. Er verstehe auch nicht, warum man ihm seinen Sohn wegnehmen und in ein Heim stecken wolle. Es gehe ihm zu Hause doch gut und er bekomme alles, was er brauche. Die Pädagogin betont zwar, dass Ümit eigenverantwortlich entschieden hat, in eine Wohngruppe zu gehen, findet aber beim Vater kein Gehör. Das Gespräch wird hitziger und für die Sozialpädagogin unproduktiv, weil die Eltern nicht verstehen wollen, dass es für Ümit besser wäre, von zu Hause wegzukommen, um selbstständiger zu werden. Außerdem irritiert es sie, dass Ümit sie im Gespräch nicht ansieht und jeden Blickkontakt vermeidet. Nach einer Weile wendet sie sich direkt an Ümit und fragt ihn, ob er in eine Wohngruppe einziehen möchte, Ümit verneint dies. Weiterhin mit gesenktem Blick sagt er, dass er sich zu Hause wohl fühle und keinerlei Probleme habe, auch nicht mit den Eltern. Die Pädagogin ist zunächst sprachlos, weil Ümit sich ganz anders verhält als in den Vorgesprächen. Er wirkt auf sie wie ausgewechselt und sie kann sein Verhalten und seine Entscheidung nicht nachvollziehen.

Das Verhalten der Gesprächsbeteiligten kann in Umrissen wie folgt interpretiert werden: Für die Eltern, vor allem für den Vater, ist es von entscheidender Bedeutung, die Familie nach außen hin als intakt und funktionsfähig darzustellen. Das Verhalten des Jungen, der sich einer Behörde anvertraut und sich den Eltern gegenüber nicht loyal verhält, wird zwar verurteilt, aber in der Öffentlichkeit nicht thematisiert. Der Sohn kennt diese Wünsche und Vorstellungen seiner Eltern. Seine Körpersprache (gesenkter Kopf, kein Blickkontakt mit den Eltern während des Gesprächs mit der Sozialpädagogin) ist eindeutig und zeigt, dass er in einem Dilemma steckt. Außerdem signalisiert er damit, dass er einen großen Fehler begangen hat. Als er begreift, dass dieser Spagat nicht gelingen kann, entscheidet er sich für die Loyalität seinen Eltern gegenüber.

Das Streben eines jungen Mannes nach mehr Eigenverantwortung und Selbstständigkeit ist für die deutschstämmige Sozialpädagogin eine Selbstverständlichkeit. Schließlich besteht ihr Auftrag als Pädagogin und Vertreterin der Institution darin, junge Menschen genau dazu zu ermuntern. Durch die Vorgespräche fühlt sie sich in ihrer Einschätzung bestärkt.
Überforderungstendenzen, Orientierungslosigkeit und Desintegration, ausgelöst durch verschärfte Individualisierungszwänge in einer modernen Gesellschaft, dienen in der sozialwissenschaftlichen Literatur als gängige Beschreibungen der Konflikte, unter denen alle Jugendliche heute heranwachsen. Individualisierung geht einher mit zunehmender Freiheit aber auch abnehmender Sicherheit.

In Besprechungen zwischen Eltern und Pädagoginnen und Pädagogen werden diese Zusammenhänge häufig übersehen. Hier kommen Lebens- und Erziehungskonzepte der Eltern zum Vorschein, die auf den ersten Blick nicht mit den Vorstellungen der Institutionen beziehungsweise den Fachkräften kompatibel sind. Ein Perspektivenwechsel – Warum verhält sich der Vater oder der Sohn anders als erwartet? Warum betont der Vater, dass die Familie intakt ist? Warum senkt der Sohn den Blick? Welche Bedeutung messen Eltern und Kinder traditionellen Werten bei? Unter welchem (inneren) Druck steht der Sohn? etc. – würde den pädagogischen Fachkräften helfen das Verhalten des Kindes oder Jugendlichen sowie der Eltern besser zu verstehen.

Fazit

Sobald die rechtliche Lage der Migrantinnen und Migranten geklärt ist, gibt es keine Unterschiede der pädagogischen Ansätze zwischen Etablierten und Neuzuwanderern beziehungsweise Geflüchteten, da Sprachbarrieren auch bei etablierten Familien durchaus häufig vorkommen. Mittlerweile gibt es zwar Ansätze, neuzugewanderte und geflüchtete Migrantinnen und Migranten anzusprechen, diese sind aber in der Regel an den Rechtsstatus der Zielgruppe gekoppelt. Beispielweise richtet sich das Projekt „Die Förderung des sozialen Zusammenhalts durch Etablierung einer Willkommenskultur“ das vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gefördert wird, an Migrantinnen und Migranten, die eine dauerhafte Bleibeperspektive haben.  

Die Angebote, die im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) aufgeführt werden, reichen vollkommen aus. Diese Angebote sind offen für alle Bevölkerungsschichten und können auch von Familien mit Migrationshintergrund in Anspruch genommen werden. Wer migrationssensibel Kinder, Jugendliche und deren Familien schützen will, kommt nicht umhin, eine Brücke zu schlagen zwischen den traditionellen Werten der Migrantenfamilien und den Zielen der Institutionen. Die Vorbereitung spielt in diesem Zusammenhang für die pädagogische Arbeit eine nicht zu unterschätzende Rolle: Analog zu einem Architekten, der für die Konstruktion einer Brücke, die Distanz und Beschaffenheit beider (Ufer-) Seiten analysiert, bevor er mit der konkreten Arbeit beginnt. Die Stabilität der Verbindung ist bei Architekt und Pädagoge gleichermaßen von den vorbereitenden Arbeiten abhängig. Dabei soll nichts missverstanden werden: was dem Architekten das Gesetz der Schwerkraft, ist dem Pädagogen das deutsche Recht.

Zum Autor

Ahmet Toprak ist seit 2007 Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund. Schwerpunkt seiner Arbeit ist „Gruppenpädagogische und therapeutische Handlungsmöglichkeiten bei Verhaltensstörungen, insbesondere Dissozialität“. Er hat außerdem zu Themen wie „Das schwache Geschlecht - die türkischen Männer. Zwangsheirat, häusliche Gewalt, Doppelmoral der Ehre", „Integrationsunwillige Muslime? Ein Milieubericht" oder „kultur- und migrationssensibler Kinderschutz“ veröffentlicht.

Nach oben Zurück zur Übersicht