Ausbildung und Berufseinstieg

Modellprojekt „Perspektive Beruf für Asylbewerber und Flüchtlinge“

Junge Geflüchtete können unabhängig von ihrem Status die, auf zwei Jahre angelegten, Berufsintegrationsklassen in Bayern besuchen. Schwerpunkte dieser Klassen sind die Sprachförderung und die Berufsorientierung für berufsschulpflichtige Asylbewerber und Geflüchtete. Die Klassen bieten neben dem Unterricht auch sozialpädagogische Betreuung an. Zum Start des neuen Schuljahres im September wird die Zahl der Berufsintegrationsklassen in Bayern fast verdoppelt. Im Projekt „Perspektive Beruf für Asylbewerber und Flüchtlinge“ tauschen sich 21 Modellschulen in regelmäßigen Treffen untereinander aus, erhalten fachlichen Input durch externe Referenten und finanzielle Unterstützung, die sie zum Beispiel für lokale Netzwerktreffen nutzen können. Mit Manfred Bäuml, Ansprechpartner der Stiftung Bildungspakt Bayern für das Modellprojekt, sprachen wir über die Herausforderungen für die Berufsschulen, wie sie voneinander lernen können und was die ersten Ergebnisse sind.

Willkommen bei Freunden (WbF): Wie kam die Idee für das Modellprojekt?

Manfred Bäuml: Im Kultusministerium und auch an den Berufsschulen bestand die Sorge, dass die Schüler nach zwei Jahren noch nicht so weit sind, eine Ausbildung zu beginnen: Sei es eine rein schulische Ausbildung an einer Berufsfachschule oder eine duale Berufsausbildung. Hindernisse können sein, dass es immer noch Probleme mit der Sprache gibt. Auch persönliche Problemlagen, können die Jugendlichen aus der Bahn werfen.

Es ist ja auch nicht einfach, in zwei Jahren ein Sprachniveau zu erreichen, das weit über die Alltagssprache hinausgeht. Auch wenn in den Fachklassen der Berufsschulen natürlich keine Wissenschaftssprache gesprochen wird, sondern ein sehr praxisorientierter Unterricht stattfindet, ist trotzdem die Problematik der Fachsprache nicht zu unterschätzen. Das sind einfach so viele neue Begriffe, mit denen mündlich und schriftlich umgegangen werden muss. Das habe ich zunächst auch unterschätzt.

Aufgrund der enormen finanziellen Mittel, die der Freistaat zur Verfügung stellt, sind natürlich alle Beteiligten bestrebt, die Beschulung bestmöglich zu gestalten. Da kam dann die Idee nachzufragen, welche Angebote besonders gut wirken, damit die Jugendlichen in die Lage versetzt werden, eine Ausbildung zu machen. Wie können Schulen effektiv und zielführend agieren? Was sind hilfreiche Rahmenbedingungen? Auf Grundlage dieser Gedanken, reifte das Konzept zum Modellprojekt „Perspektive Beruf für Asylbewerber und Flüchtlinge“, welches dann vom Vorstand der Stiftung Bildungspakt Bayern beschlossen und zusammen mit dem Kultusministerium ins Leben gerufen wurde. Als Exklusivpartner engagiert sich die vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V.

WbF: Welche Schulen nehmen an dem Modellprojekt teil?

Bäuml: Die Schulen haben sich beworben, um an dem Projekt teilzunehmen. Insgesamt sind es 21 öffentliche Berufsschulen, sowohl staatliche als auch kommunale. Alle Teilnehmerschulen haben eine ganze Menge Erfahrung im Bereich der Berufsvorbereitung. Sie haben schon vor Beginn des Modellprojektes einen umfangreichen Lernprozess durchgemacht: Wenn sie neue Klassen für Flüchtlinge einrichten, werden sie mit vielen inhaltlichen, rechtlichen und organisatorischen Fragen konfrontiert. Da ist die Lernkurve am Anfang sehr hoch. Die Modellschulen haben in den letzten Jahren sehr viel Expertise in diesem Bereich aufgebaut und davon sollen nun alle Schulen profitieren.

Die Modellschulen haben entschieden, was ihre zwei, drei Kernpunkte sind, bei denen sie sagen, darum müssen wir uns zunächst kümmern, das wollen wir weiterentwickeln, sei es im Unterricht, in der Organisations- oder der Personalentwicklung. Sie haben Themen ausgewählt, in denen sie schon gut sind, aber auch solche, bei denen noch ein wenig der Schuh drückt.

WbF: Was sind für die Schulen die größten Herausforderungen in der Arbeit mit jungen Geflüchteten?

Bäuml: Die größte Herausforderung in den Klassen ist die Heterogenität der Schüler. Welche Erfahrungen haben sie zum Beispiel überhaupt mit Schule? Es gibt Schüler, die waren in ihrem Heimatland schon acht, neun, zehn Jahre in der Schule, die kennen schulisches Lernen. Und das ist natürlich ein ganz großer Unterschied, zu jemandem, der noch überhaupt nicht in der Schule war.
Und damit sind wir bei der Vorbildung der Schülerinnen und Schüler. Mathematik zum Beispiel ist nach der Sprache die größte Baustelle. Die meisten Schulen bilden ihre Klassen nach Sprachniveaus und erreichen in diesem Bereich zumindest zeitweise relative Homogenität, aber natürlich völlige Heterogenität in Bezug auf die mathematische Leistungsfähigkeit.

Ein wichtiger Schwerpunkt im zweiten Jahr ist die Berufsorientierung. Zum Teil haben die Schüler noch keine oder unrealistische Vorstellungen darüber, was sie im Anschluss wollen oder machen können. Man darf nicht unterschätzen, dass ihnen unser Ausbildungssystem nicht bekannt ist. Bei uns ist es eine anerkannte und bekannte Sache, wenn jemand eine Berufsausbildung macht. Es ist manchmal schwer, den Wert einer Ausbildung zu vermitteln, wenn jemand aus einem völlig anderen Kontext kommt und das – differenzierte und vielfältige – bayerische Bildungssystem nicht kennt.

Dazu kommt die Tatsache, dass die Jugendlichen aus verschiedenen Gründen zum Teil unter einem enormen Druck stehen, möglichst schnell Geld zu verdienen und sich viele, was ihren ausländerrechtlichen Status angeht, in einer unsicheren Situation befinden. Aus dieser Perspektive wird nachvollziehbar, dass es häufig sehr schwer ist, einen langen Ausbildungsweg aus mindestens zwei Jahren Berufsvorbereitung und mindestens drei Jahren Ausbildung durchzuhalten.

WbF: Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Schulen aus?

Bäuml: Die konkrete Arbeit sieht so aus, dass wir als Stiftung regelmäßige Arbeitstagungen mit Vertretern der Modellschulen organisieren. In der Regel kommen zwei Vertreter je Modellschule, ein Projektleiter und der Schulleiter. Bei diesen Arbeitstagungen geht es zum einen um den Austausch zwischen den Schulen, damit sie voneinander lernen können. Zum anderen geht es um den fachlichen Input, den die Schulen bekommen und den wir organisieren. Wir holen externe Referenten und es gibt auch einen wissenschaftlichen Beirat, den wir immer wieder um seine Expertise bitten. Die Mitglieder des Beirats stehen auch als Referenten zur Verfügung. Außerdem erhalten die Schulen Unterstützung in finanzieller Form, damit sie in ihrem Arbeitsbereich flexibler agieren können, zum Beispiel um Netzwerktreffen mit anderen Schulen durchzuführen.

WbF: Was wollen die Schulen in ihren Integrationsklassen ändern?

Bäuml: Viele Schulen halten es beispielsweise für wichtig, die Berufsorientierung schon im ersten Jahr besser zu verankern. Ein Praktikum ist meist erst im zweiten Jahr vorgesehen, wäre aber im Einzelfall auch schon früher sinnvoll. Da wollen manche Schulen nachsteuern.
Außerdem wollen einige Schulen daran arbeiten, die verschiedenen Fachbereiche besser miteinander zu verknüpfen. Oft gibt es auch ganz konkrete Fragen und Initiativen zum Unterricht: Wie können wir den Unterricht in Metalltechnik im ersten Jahr gestalten? Oder auf die Schulgemeinschaft bezogen: Wie können wir die interkulturelle Öffnung unserer Schule angehen? Das macht ja auch was mit einer Schulgemeinschaft, wenn ein ehemals kleiner Fachbereich „Berufsintegration“ innerhalb relativ kurzer Zeit zu einer der größten Abteilungen einer Schule wird. Außerdem kommen auch viele neue Lehrkräfte an die Schule, die es einzubeziehen gilt.

WbF: Gibt es schon erste Ergebnisse des Modellprojekts?

Bäuml: Wir werden nach dem ersten Projektjahr im Herbst 2016 erste Ergebnisse kommunizieren. Wir wollen den Schulen einen Katalog mit Konzepten und Empfehlungen und sicher auch Materialien zur Verfügung stellen. Das Projekt läuft bis zum Schuljahr 2018/2019. Weitere Ergebnisse werden wir jährlich weitergeben. Begleitend wird das Modellprojekt zudem evaluiert. Dafür arbeiten wir mit dem Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung sowie der Technischen Universität München zusammen.

 

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