Frühe Bildung Schule

Neue Lebenswelten gestalten

Mit den insgesamt steigenden Flüchtlingszahlen der letzten Jahre stieg auch die Anzahl der in Deutschland lebenden geflüchteten Kinder und Jugendlichen. Statistisch sind im Jahr 2013 rund 8 800 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge erfasst worden, die Gesamtzahl der minderjährigen Flüchtlinge kann nur geschätzt werden und liegt bei ca. 60 000 Asylanträgen im Jahr 2014. Pädagogische Fachkräfte in Kitas, Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe sind somit aufgefordert, diese Kinder und Jugendlichen, ihre Interessen und Bedarfe in den Blick zu nehmen und adäquate Angebote zu machen. Was kann die kulturelle Bildung für geflüchtete Kinder und Jugendliche leisten? Wo liegen Chancen, wo aber auch professionsbedingte Grenzen?

Was bedeutet es, ein Flüchtling zu sein?

In einem Interview zur Situation von Flüchtlingen in Deutschland unterstreicht Louis Henri Seukwa, dass der Terminus Flüchtling lediglich ein Rechtskonstrukt darstellt, das den so Bezeichneten den Zugang zur Grundversorgung mit Wohnraum und Nahrung ermöglicht. Darüber hinaus hat der Begriff kaum Aussagekraft und doch wirkt er massiv im Alltag der mit ihm bezeichneten Menschen. Um es konkret zu machen: Was haben die 17-jährige Asma, die bis vor zwei Jahren in ihrem Heimatland auf ein Gymnasium ging und der 13-jährige Hassan, der noch nie eine Schule besucht hat, gemeinsam? Sie sind unterschiedlich alt, sprechen verschiedene Muttersprachen, haben unterschiedliche Religionen. Asma kam ohne ihre Eltern nach Deutschland, während Hassan seit einigen Monaten mit seinen Eltern und drei Geschwistern in einer Sammelunterkunft lebt. Trotz aller Unterschiede finden sich die beiden jungen Menschen nach ihrem Ankommen in Deutschland gemeinsam in der Gruppe »der Flüchtlinge« wieder und besuchen gemeinsam eine Willkommens- oder Kleinklasse.

Der Begriff Flüchtling hat häufig eine stark stigmatisierende Wirkung. Zudem vermittelt das Sprechen von den Flüchtlingen den Eindruck, es handele sich um eine homogene Gruppe. Darüber hinaus zwingt das Sprechen von den Flüchtlingen“ den so Bezeichneten einen Opferdiskurs auf, dem sie sich nur schwer entziehen können. Die Logik des Asylsystems beruht laut Louis Henri Seukwa darauf, dass die Asylsuchenden ihre Biographien so […] strukturieren, dass sie glaubhaft als Opfer von Verfolgungen und Missbrauch aus politischen, religiösen, ethnischen Gründen oder wegen ihrer sexuellen Orientierung etc. erscheinen. So gesehen ist ein anerkannter Flüchtling grundsätzlich ein Opfer. Dies bringt mit sich, dass geflüchtete Menschen häufig von der Mehrheitsgesellschaft als hilfsbedürftig und unselbstständig angesehen werden oder ihnen aufgrund noch geringer Sprachkenntnisse teilweise automatisch ein geringer Bildungsstand unterstellt wird. Nicht selten wird daher für und über Flüchtlinge gesprochen, anstatt die geflüchteten Menschen selbst nach ihren Interessen und Bedarfen zu fragen. Genau hier können Projekte der kulturellen Bildung einen wirkungsvollen Kontrapunkt setzen.

Kulturelle Bildung durchbricht den Opferdiskurs

Carolin Berendts vom Modellprogramm Kulturagenten für kreative Schulen erinnert sich an Vireak, einen Jugendlichen, der eines Tages in einer Willkommensklasse der Sophie-Brahe-Schule in Berlin saß. Wie seine neuen Mitschüler verfügte auch er damals nur über geringe Deutschkenntnisse. Doch schnell wurde deutlich, dass Vireak besondere Erfahrungen mitbrachte: Schon in seiner Heimat hatte er an der Organisation eines Jugendfilmfestivals mitgewirkt. Als an der Schule ein Trickfilmprojekt startete, nutzte er die Möglichkeit, sein Filmwissen aktiv in die Entstehung des Films Die Welt ist kein Spielplatz einzubringen und seine Mitschüler zu inspirieren.

Carolin Berendts sieht die Aufgabe der kulturellen Bildung im Rahmen des Modellprogramms vor allem darin, den Kindern und Jugendlichen vielfältige Angebote zu machen, damit sie für sich auch jenseits von Sprache adäquate Ausdrucksmöglichkeiten finden und zugleich durch immer neue Sprachanlässe einen schnellen Zugang zur deutschen Sprache finden. Denn auf diese Weise erfahren sie sich als aktive Gestalter, was mit der Erfahrung der eigenen Selbstwirksamkeit und einem Zugewinn an Selbstbewusstsein einhergeht.

Künstlerische Projekte können Kinder und Jugendliche mit Fluchtgeschichte dabei unterstützen, sich ihre für sie neue Lebenswelt selbst gestaltend anzueignen. Sie können sich auf eine Weise zu dieser Welt in Beziehung setzen, in der ihre Sichtweise gilt, in der sie auch verschiedene Sichtweisen ausprobieren und so eine eigene Position finden können. Es ist wichtig, dass ihre Geschichten und Erfahrungen selbstverständlicher Teil des Schulalltags werden, sagt Michaela Schlagenwerth, Kulturagentin im Modellprogramm Kulturagenten für kreative Schulen. Auch die Lina-Morgenstern-Schule in Berlin setzt in diesem Sinne auf das globale Medium Film. Im vergangenen Jahr thematisierte ein dort angesiedeltes Filmprojekt die Schulwege der Schüler der Willkommensklasse – am jeweiligen Heimatort und in Berlin. Über das im Schulfoyer laufende Lina TV wurden die Filmbeiträge der neuen Mitschüler einem großen schulinternen Publikum – Lehrkräften, Jugendlichen und Eltern – bekannt.

Kulturelle Bildung stärkt die Kinderrechte

Am 20. November 2014 feierte die UN-Kinderrechtskonvention bereits ihren 25. Geburtstag. Tatsächlich hat sich die Bundesrepublik Deutschland jedoch erst im Jahr 2010 dazu verpflichtet, die bürgerlichen, politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte und den Schutz vor Gewalt, Missbrauch oder Ausbeutung in vollem Umfang auch für geflüchtete Kinder und Jugendliche in Deutschland zu gewährleisten. Im Artikel 31 der Konvention verpflichtet sich die Bundesregierung das Recht des Kindes auf volle Beteiligung am kulturellen und künstlerischen Leben und die Bereitstellung geeigneter und gleicher Möglichkeiten für die kulturelle und künstlerische Betätigung sowie für aktive Erholung und Freizeitbeschäftigung zu fördern.

Um schon die Jüngsten mit den vielfältigen Kultureinrichtungen vertraut zu machen und ihnen positive Erlebnisse gemeinsam mit ihren Eltern zu ermöglichen, entwickelte das Team der Kita Weltweit in Bielefeld das Projekt Kinderkulturpass. Eine Kunstpädagogin und Fachkräfte der Kita begleiten Kinder zwischen drei und sieben Jahren und deren Eltern auf ihrer Entdeckungstour durch das Naturkundemuseum, die Kunsthalle, die Stadtbücherei und viele andere Kultureinrichtungen vor Ort. Das Projekt richtet sich nicht explizit und exklusiv an geflüchtete Familien, sondern steht allen Interessierten offen. Tatsächlich besuchen jedoch viele Kinder geflüchteter Familien die Kita Weltweit. Bei vielen Eltern mit Fluchtgeschichte, denen der Zugang zum Arbeitsmarkt in Deutschland verwehrt ist, steht Bildung hoch im Kurs und sie nehmen das Angebot sehr gerne an, ihre Stadt und andere Eltern kennenzulernen. Nach einer Anschubfinanzierung durch das Programm Lichtpunkte der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung läuft das Projekt seit Jahren sehr erfolgreich mit immer neuen Förderern weiter, da auch die Kultureinrichtungen von den Türöffnern der Kita Weltweit profitieren. Viele Kinder besuchen dank des Projektes zum ersten Mal ein Museum oder die Bücherei. Da ihre Eltern die Einrichtungen ebenfalls kennenlernen, steigen die Chancen, dass es nicht bei diesem einen Besuch bleibt.

Kulturelle Bildung bedeutet, eine „Willkommenskultur“ aktiv zu gestalten

Neben der grundsätzlichen Orientierung im neuen Land, der neuen Stadt, steht für viele geflüchtete Menschen, Erwachsene wie Jugendliche, der schnelle Erwerb der neuen Sprache ganz oben auf der Wunschliste. Kulturelle Bildung kann vielfältig und kreativ unterstützen, wenn es um den Erwerb der Zweitsprache Deutsch geht. Pädagogen denken häufig sehr funktional, wenn es um Sprachbildung geht. Kinder sollen vor allem Dinge beschreiben, Erlebtes erzählen, Handlungen ausdrücken können. Dabei kommt der Spaß manchmal zu kurz, erklärt Svenja Butzmühlen von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und fährt fort: Deshalb sprechen wir im Programm Bildung braucht Sprache immer von ›Poesie für Kinder‹ und meinen damit Verse, (Abzähl-)Reime, Zungenbrecher, Lieder und Märchen. Kinder lieben diese kleinen Texte, die oft in Verbindung mit Bewegungen und eingängigem Rhythmus stehen. Kreative, spielerische Zugangswege zur neuen Sprache lassen nicht nur die Hemmschwelle sinken selbst Silben nachzuahmen, sondern schaffen auch Gemeinsamkeiten mit Gleichaltrigen. Auch Kinder, die die deutsche Sprache noch nicht gut verstehen und sprechen, können mitmachen und teilhaben am Spaß in der Gruppe.

Geflüchtete Kinder und Jugendliche sind in erster Linie genau das: Kinder und Jugendliche. Wie alle jungen Menschen wünschen sie sich ein Gefühl von Sicherheit, sind neugierig und wollen lernen, wollen in der Gemeinschaftsunterkunft, der Kita, der Schule oder dem Jugendclub neue Freundinnen und Freunde finden, sich bewegen, kreativ sein und sich weiterentwickeln. Kurz: Gerade geflüchtete Kinder und Jugendliche wünschen sich Normalität und wollen in ihrer neuen Lebenswelt einfach dazugehören. Neben Sportangeboten bieten gerade künstlerische und kulturelle Aktivitäten die Möglichkeit, geflüchtete junge Menschen im Ankunftsland willkommen zu heißen und ihnen ein Zugehörigkeitsgefühl, zum Beispiel in einer Theatergruppe, einem Chor oder einem Orchester, zu vermitteln.

Achtungszeichen

Neben dem Erwerb der deutschen Sprache können kulturelle Projekte Menschen mit Fluchtgeschichte auch eine Stimme geben, indem das Erzählen der eigenen Geschichte im Fokus steht. Jedoch ist zu beachten, dass die Biografien von Kindern und Jugendlichen aus Afghanistan, Syrien, Somalia oder dem Irak geprägt sein können von traumatischen Erlebnissen im Heimatland oder während der Flucht. Entsprechend können persönliche Fragen heftige emotionale Reaktionen auslösen, die dafür nicht qualifizierte Künstler und Kulturpädagogen auch überfordern können.

Kulturelle Bildung hat Grenzen, sagt Kulturagentin Carolin Berendts, jenseits dieser Grenzen arbeiten Psychologen, Traumapädagogen und andere Expertinnen und Experten. Wenn Pädagogen der kulturellen Bildung mit diesen Professionen zusammenarbeiten und junge Menschen bei der emotionalen Verarbeitung ihrer traumatischen Erlebnisse fachkundig aufgefangen werden, so sind derartige Projekte ein großer Gewinn.

Zugleich besteht trotz guter Intention immer die Gefahr, das othering zu befördern. Unter diesem Begriff wird die Differenzierung und Distanzierung der eigenen Gruppe gegenüber anderen Gruppen bezeichnet. Dies geschieht, indem das eigene Selbst und das eigene soziale Image hervorgehoben wird und Menschen mit anderen Merkmalen, wie Hautfarbe, Religion oder sexueller Orientierung als andersartig oder »fremd« klassifiziert werden. Häufig geht diese Zuschreibung der Andersartigkeit mit dem Gefühl einer Bedrohung ausgehend von der anderen Gruppe einher und kann so zu Feindbildern und Fremdenfeindlichkeit führen. Dies bedeutet, den Menschen mit Fluchtgeschichte – bewusst oder unbewusst – immer wieder aufs Neue zu vermitteln, dass sie nicht zu der hier lebenden Gesellschaft gehören, dass sie anders und exotisch seien. Die Reflexion der eigenen Haltung, die Überprüfung der Ziele und Wirkungen des eigenen Projektes sind daher ebenso wie der Austausch im Kollegenkreis wichtig.

Fazit

Projekte der kulturellen Bildung mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen sollten die Projektteilnehmenden selbst nach ihren Interessen und Bedarfen fragen, statt eine homogene Gruppe von Flüchtlingen mit zugeschriebenen Eigenschaften und Bedürfnissen vorauszusetzen. Zudem sollte der Fokus auf den individuellen Stärken und Fähigkeiten der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen liegen. In diesem Sinne können Ansätze und Projekte der kulturellen Bildung einen aktiven Beitrag leisten, das Ankommen für geflüchtete Kinder, Jugendliche und ihre Familien in Deutschland positiv im Sinne einer Willkommenskultur zu gestalten.

Autoren: Judith Strohm, Linda Feger

Judith Strohm
Deutsche Kinder- und Jugendstiftung Berlin

Linda Feger
Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, Regionalstelle Rheinland-Pfalz

Lernen vor Ort

Die Vision der Initiative "Lernen vor Ort" ist ein abgestimmtes Bildungsmanagement auf kommunaler Ebene mit der Perspektive auf lebenslanges Lernen. Das Förderprogramm unterstützte bis 2014 40 Landkreise und kreisfreie Städte dabei, in ihrer Region ein kohärentes Bildungssystem aufzubauen. Lernen vor Ort war eine gemeinsame Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und von über 100 deutschen Stiftungen.. Nach Abschluss des Programms bereiten gefördert vom BMBF verschiedene regionale Transferagenturen und die überregional tätige Transferagentur für Großstädte die Erfahrungen aus den 40 Modellkommunen auf, um interessierte Kommunen beim Aufbau kohärenterer Bildungsstrukturen zu unterstützen.

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