Ausbildung und Berufseinstieg

Niemanden verlieren

Im Landkreis Wittenberg sollen geflüchtete Jugendliche auf ihrem Weg in die Berufswelt besser unterstützt werden. Um dafür Anregungen zu finden, hat das Programm „Willkommen bei Freunden“ am 9. und 10. November 2017 eine Hospitationsreise zum Regionalen Berufsbildungszentrum Wirtschaft (RBZ Wirtschaft) in Kiel organisiert.

Bereits am Kieler Hauptbahnhof gewinnt die zehnköpfige Delegation aus Wittenberg in Sachsen-Anhalt einen Eindruck von der Vielfalt der Menschen, die an der Förde ein Zuhause gefunden haben. „Die Integration zugewanderter Schüler ist hier schon lange Thema“, stellt Cornelia Rohrbeck, Leiterin der Abteilung Bildung und Planung im Wittenberger Fachdienst Jugend und Schule, fest. „Wir sind damit erst seit der großen Fluchtbewegung vor zwei Jahren konfrontiert.“ Gemeinsam mit Kolleginnen vom Fachdienst Jugend, Mitarbeiterinnen des Sprachförderzentrums einer Sekundarschule, der KAUSA-Servicestelle und des Magdeburger Servicebüros des Bundesprogramms hospitiert sie zwei Tage am Regionalen Berufsbildungszentrum Wirtschaft (RBZ Wirtschaft), dem Träger des Deutschen Schulpreises. Sie erhoffen sich hier „Anregungen, wie wir jugendliche Flüchtlinge zwischen 15 und 18 Jahren fit für Schulabschluss und Ausbildung machen und in den Beruf begleiten können.“

Unterrichtskonzept für individuelle Lernvoraussetzungen

Welche Wege die mit 4.000 Schülern vergleichsweise große Schule beschritten hat, erläutern noch am selben Abend der ehemalige Schulleiter Wulf Wersig und die DaZ-Koordinatorin Raika Wiethe ihren Besuchern (DaZ steht für Deutsch als Zweitsprache). Weil geflüchtete Jugendliche unterschiedliche Schul- und Lernvoraussetzungen mitbringen, hat das RBZ Wirtschaft ein Unterrichtskonzept entwickelt, das sehr individualisiert und in Module unterteilt ist. In den Berufsintegrationsklassen (BIK) arbeiten die insgesamt 60 geflüchteten Jugendlichen in einem „offenen Lernarrangement“, so Raika Wiethe. In ihrem ersten Jahr sollen sie „in ihrem Tempo und in angenehmer Lernatmosphäre möglichst das Sprachniveau A2 erreichen sowie eine erste Vorstellung vom deutschen Schul- und Bildungssystem und möglichen Berufsfeldern bekommen“. Um den immensen personellen und didaktischen Herausforderungen zu begegnen, hat das RBZ Wirtschaft zwei DaZ-Klassen zu einem Cluster zusammengeführt. Nun stehen für 30 Schüler zwei Klassenräume und je zwei Lehr- und Förderlehrkräfte zur Verfügung.  

Am Bedarf der Schüler ausgerichtet

Die Praxis erleben die Wittenberger Delegation am nächsten Vormittag: Im Theaterkurs mischen sie sich unter die Schüler und entwickeln gemeinsam Alltagsdialoge. „Nicht nur die Strukturen, auch die Methoden sind stark an den Schülern ausgerichtet“, stellt Cornelia Rohrbeck fest. Anschließend unterstützen die Besucherinnen im DaZ-Cluster Jugendliche bei der Erarbeitung ihrer Lernaufgaben. Eine Mitarbeiterin vom Fachdienst Jugend erzählt später beim gemeinsamen Mittagessen, sie habe dabei einen „authentischen Eindruck von den Schülern und deren Lernfortschritten“ gewinnen können. Wie ihre Kolleginnen ist sie beeindruckt von der freundlichen Atmosphäre an der Schule. „Die Schüler wirken zufrieden und haben Spaß beim Arbeiten.“ Auch das Lehrpersonal sei engagiert und motiviert. Eine Unterstützungsstruktur aus Schulpsychologin, Beratungsteam, Jugendmigrationsdiensten und Jugendberufsagentur gebe Lehrkräften den nötigen Rückhalt, „um die jungen Menschen passgenau und umfassend zu beraten und begleiten, auch über den Spracherwerb hinaus“, erläutert Raika Wiethe. „Wir wollen niemanden verlieren.“

Absprachen auf kurzem Dienstweg

„Mit warmer Hand weitergeben“ – so lautet das Credo der Jugendberufsagentur, deren Tresen neuerdings gut sichtbar im Foyer platziert ist. Hier beraten und begleiten neben der Schulsozialarbeiterin und einer Übergangsmanagerin vom Jugendamt Mitarbeiter der Agentur für Arbeit und des Jobcenters die Schüler bei allen Fragen rund um Praktikum und Ausbildung. Vom anonymen Behörden-Wirrwarr fehlt jede Spur. „Die Schüler sind in ihrer vertrauten Umgebung, sie werden tatsächlich wie Kunden behandelt“, so die Übergangsmanagerin. Vieles lässt sich hier sofort klären, längere Beratungsgespräche werden in die Räume der Schulsozialarbeit verlegt. Die Dienstwege zwischen den beteiligten Fachbereichen sind denkbar kurz.  
„Faszinierend“ findet die zuständige Mitarbeiterin des Fachdienstes Jugend aus Wittenberg diesen Ansatz, die Jugendberufsagentur direkt in der Schule anzusiedeln. Auch diese Idee werde sie mit nach Hause zu nehmen. Es ist ein sehr positives Resümee, das die Teilnehmerinnen am Ende des Tages ziehen. „Die Hospitation hat uns zu einem unwahrscheinlichen Wissenszuwachs verholfen“, sagt Cornelia Rohrbeck. Nun gehe es darum, die Berufliche Schule des Landkreises stärker in die Prozesse einzubinden. Die Intensität der Eindrücke hätte eine bloße Fortbildung nicht vermittelt, ist sie überzeugt und verspricht: „Wir bleiben im Austausch.“

Autorin: Michaela Ludwig

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