Kommune

Perspektiven schaffen durch passgenaue Anschlussmaßnahmen

Angesichts der steigenden Einreisezahlen von unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten in Deutschland, steht derzeit die Erstaufnahme dieser Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt. Doch wie geht es nach dem Ankommen weiter? Individuelle und bedarfsorientierte Anschlusshilfen sind eine große Chance für die jungen Geflüchteten, die meist dauerhaft in Deutschland leben werden. Sie erleichtern nicht nur die Integration im neuen Land, sondern bieten ihnen auch die nötigen Rahmenbedingungen, um endlich wieder Zukunftspläne machen zu können.

Keine andere Behörde begleitet den Lebensweg unbegleiteter Minderjähriger in Deutschland so stark wie das Jugendamt. Es entscheidet auf Basis des achten Sozialgesetzbuches (SGB VIII), wie eng die Minderjährigen betreut werden, welche Leistungen sie erhalten und wo sie untergebracht werden. Um den von Kind zu Kind unterschiedlichen Bedarf an Unterstützung zu ermitteln und mehr über den Lebensweg der jungen Geflüchteten zu erfahren, führt das Jugendamt oder eine geeignete Einrichtung, wie zum Beispiel ein Clearinghaus, das sogenannte Clearingverfahren durch.

Grundlage der Anschlussmaßnahmen

Gemeinsam mit dem Vormund und dem jungen Flüchtling erstellt das Jugendamt oder das zuständige Clearinghaus im Idealfall einen ersten Hilfeplan. Er bildet die Grundlage für die weitere Unterstützung durch die Jugendhilfe und wird im Rahmen der Anschlussmaßnahmen weiterentwickelt. Der Bericht enthält Empfehlungen, wie die Jugendhilfe den jungen Geflüchteten weiter unterstützen kann, welche aufenthaltsrechtliche Perspektive er oder sie in Deutschland hat, wo er untergebracht wird und wie er in das deutsche Schulsystem integriert werden kann. Nach Abschluss des Clearingverfahrens gibt die zuständige Behörde den Bericht mit individuellen Empfehlungen zur Planung der Anschlussmaßnahmen an die zukünftige Unterkunft und den zuständigen Vormund weiter.

Planung der Anschlussmaßnahmen

Die Planung der Anschlussmaßnahmen für junge Geflüchtete orientiert sich stark an dem Hilfeplanverfahren der institutionell geregelten Kinder- und Jugendhilfe. In der Praxis sind die Regelungen der Kinder- und Jugendhilfe oft ausreichend, um geflüchtete Kinder und Jugendliche ausreichend Wege in die Gesellschaft zu ermöglichen. Jedoch stellt die Arbeit mit jungen Geflüchteten besonders hohe Anforderungen an die beteiligten Fachkräfte. In langen Gesprächen soll Schritt für Schritt eine Vertrauensbasis aufgebaut werden, denn realistische Zukunftspläne können nur im Dialog mit den Kindern und Jugendlichen entstehen. Häufig ist zur Verständigung zwischen Jugendamtsmitarbeiter, Vormund und dem jungen Geflüchteten auch ein Dolmetscher unverzichtbar.

Alternative Wege der Hilfeplanung für minderjährige unbegleitete Geflüchtete

Der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge e. V. (BumF), die internationale Gesellschaft für Erziehungshilfen (IGfH) und der Evangelische Erziehungsverband (EREV) setzen sich daher gemeinsam für die die Anpassung des Hilfeplanverfahrens an die Bedürfnisse der jungen Geflüchteten ein. Auch der Europarat erarbeitet alternative und erweiterte Möglichkeiten der Hilfeplanung für Geflüchtete wie zum Beispiel in den Life Projects. Beide Ansätze unterstreichen die besondere Bedeutung der Hilfeplanung für die erfolgreiche Integration der Kinder und Jugendlichen und zeigen interdisziplinäre Herangehensweisen auf. Im Mittelpunkt stehen immer das Gespräch mit dem jungen Menschen und die kontinuierliche Zusammenarbeit mit einer vertrauten Bezugsperson. Die aus der Hilfeplanung resultierenden Anschlussmaßnahmen gliedern sich grundsätzlich in zwei Teile: Unterstützung durch die Jugendhilfe und bei der Sicherung des Aufenthalts.

Unterstützung durch die Jugendhilfe

Die Unterstützung durch die Jugendhilfe ist regional sehr unterschiedlich und hängt häufig stark von den vorhandenen Ressourcen ab. Orientierung bietet die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter in den „Handlungsempfehlungen zum Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen”. Sie stellen den Erwerb der deutschen Sprache, die Integration in eine Regelschule und das Gelingen des Übergangs von der Schule in die Ausbildung in den Vordergrund. Auch die Befähigung zum Umgang mit traumatischen Erfahrungen, die Hilfe bei der Persönlichkeitsentwicklung und der eigenverantwortlichen Lebensführung sowie die Förderung der Kontakte in die Heimat sind zentrale Elemente der Anschlusshilfe für junge Geflüchtete. Wie gut die einzelnen Maßnahmen geflüchtete Kinder und Jugendliche unterstützen und wo Anpassungsbedarf besteht, stellt das Jugendamt in halbjährlichen Hilfeplangesprächen fest.

Unterstützung bei der Sicherung des Aufenthalts

Die Aufenthaltssicherung ist für junge Geflüchtete von herausragender Bedeutung. Eine langfristige Lebensperspektive jenseits der Angst vor drohender Abschiebung ist sehr wichtig für die weitere Entwicklung der Jugendlichen und das Einleben im neuen Land. Während des Clearingverfahrens werden zum ersten Mal die verschiedenen Möglichkeiten der Aufenthaltssicherung besprochen. Hierbei ist neben dem jungen Geflüchteten, seinem Vormund und dem Betreuungspersonal aus der Jugendhilfeeinrichtung bestenfalls auch ein Anwalt anwesend. Grundsätzlich gibt es für die unbegleiteten Minderjährigen die Möglichkeit, einen Asylantrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zu stellen oder eine Aufenthaltserlaubnis bei der Ausländerbehörde zu beantragen. Entscheidend ist zumeist die Frage nach den Fluchtgründen. Viele jugendspezifische Fluchtgründe wie Zwangsverheiratung, Kinderarbeit und Genitalverstümmelung gelten in Deutschland jedoch nicht als asylrelevant.

Fragen der Kostenerstattung

In der Regel erstattet das zuständige Bundesland dem örtlichen Jugendhilfeträger die Kosten der Inobhutnahme sowie der im Clearingverfahren abgestimmten anschließenden Jugendhilfeleistungen. Voraussetzung dafür ist, dass die Gewährung von Jugendhilfe innerhalb eines Monats nach der Einreise des jungen Geflüchteten erfolgt ist. Die genaue örtliche Zuständigkeit und die Kostenerstattung sind in §§ 86 ff SGB VIII geregelt.

Eine nachhaltige, gut koordinierte Planung der Anschlusshilfen macht geflüchteten Kindern und Jugendlichen Mut. Außerdem wird dadurch deutlich, welche Möglichkeiten bestehen und welche Zwischenschritte notwendig sind, um große Ziele wie die Aufenthaltssicherung oder einen erfolgreichen Bildungsweg und Übergang in den Beruf zu erreichen. Dafür braucht es Zeit und viel Vertrauen.

Nach oben Zurück zur Übersicht