Jugendarbeit und Ehrenamt

Profession und Ehrenamt Hand in Hand

Geflüchtete in Deutschland möchten und sollen sich integrieren. Der Schlüssel für diese Integration liegt im Erlernen der deutschen Sprache. Doch häufig überlagern Sorgen oder traumatische Erlebnisse den Prozess des Deutschlernens. Auch fehlt Geflüchteten oft der Kontakt zur deutschen Gesellschaft. An diesen Punkten stellen ehrenamtliche Sprachbegleiter eine wertvolle Ergänzung zum professionellen Deutschunterricht dar.

„Deutsch spielt eine ganz zentrale Rolle bei der Integration von Geflüchteten. Und Ehrenamtliche können diesen Spracherwerb in allen Phasen begleiten“, sagte Silke Harth, Integrationsbeauftrage des Landes Bremen, in ihren einleitenden Worten am 1. Dezember 2016 auf dem Fachtag „Passt genau? Ehrenamtliche Sprachunterstützung und professioneller Deutschunterricht“. Auf Einladung von „Willkommen bei Freunden“ diskutierten Expertinnen und Experten in Bremen über Chancen und Grenzen des Ehrenamtes in der Sprachpraxisbegleitung. Die Ergebnisse wurden in einer Dokumentation zusammengefasst.

Klare Trennung der Kompetenzen von Ehrenamt und Profession

In einem ersten Impulsreferat machte Christiane Carstensen vom Internationalen Bund IB West gGmbH für Bildung und soziale Dienste in Bielefeld die Unterschiede zwischen professionellem Sprachunterricht und ehrenamtlicher Sprachbegleitung deutlich: „Professionelle Sprachvermittlung kann durch Ehrenamtliche nicht geleistet werden, ihnen fehlen die Qualifikation und die Berufserfahrung“. Lehrkräfte müssten schnell, bewährt und routiniert handeln und dennoch jederzeit ihr Handeln theoretisch fundiert begründen können.
„Das Ehrenamt hat dafür andere Chancen“, sagte Carstensen. „Das Sprachenlernen kann auf dieser Ebene mit Emotionen und Beziehungen verknüpft werden, dadurch ergeben sich authentische Sprechsituationen.“ Carstensens Fazit lautete: „Profession und Ehrenamt müssen in ihren Grenzen bleiben, für eine sinnvolle gegenseitige Ergänzung sollten sie Hand in Hand gehen.“
Ähnlich sah dies auch Hilke Wiezoreck, die im Ressort der Senatorin für Soziales, Jugend, Frauen, Integration und Sport der Stadt Bremen tätig ist und zusammen mit Jolita Rolf die Moderation des ersten Abschnitts auf dem Fachtag übernahm: „Das Ehrenamt ist eine wunderbare Ergänzung und kann die Lehrkräfte entlasten“, sagte sie.

Systematische Förderung Ehrenamtlicher

Björn Keßner von der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration Hamburg war als Vertreter des Forums Flüchtlingshilfe eingeladen – die Schnittstelle in Hamburg zwischen ehrenamtlicher und professioneller Sprachförderung. In seinem Vortrag machte er schnell klar, dass Hamburg auf eine systematische Unterstützung des ehrenamtlichen Engagements in der Sprachförderung setzt.
„Die Stadt bietet einen Rahmen an, in dem ehrenamtliches Engagement gelingen kann. Wir finden eine koordinierte Begleitung wichtig“, sagte Keßner. „Das Ehrenamt leistet einen großen Beitrag zum Überwinden von Hemmnissen, für eine erste Orientierung vor Ort und für die Anwendung der deutschen Sprache im Alltag – zum Beispiel in den Projekten Dialog in Deutsch und Sprache im Alltag.“
Auch Silke Ahrens von der IQ Fachstelle Berufsbezogenes Deutsch in Hamburg sah verschiedene Chancen in der Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen. Sie schlug vor, Ehrenamtliche im Unterricht für Rollenspiele, zum Üben von Telefongesprächen, für das Simulieren von Bewerbungsgesprächen oder für Exkursionen einzusetzen. „Ehrenamtliche bringen Zeit, Kompetenz, Erfahrung und gegebenenfalls Kontakte mit. Wenn dies unter der didaktischen Leitung der professionellen Lehrkraft aufbereitet wird, können alle Seiten profitieren“, fasste Ahrens zusammen.

Sprachcafés und Tandems sind effektiv

Der zweite Teil des Fachtages widmete sich Praxisbeispielen der Sprachbegleitung durch Ehrenamtliche in Bremen. So berichtete Franziska Suckut, die als Koordinatorin für Ehrenamtliche bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Bremen arbeitet, aus den einzelnen Stadtteilen. Nach ihrer Einschätzung ist die ehrenamtliche Sprachbegleitung in den Sprachcafés am wirkungsvollsten.
Sie nannte als großen Vorzug den offenen Rahmen ohne starres Programm. Die Treffen finden immer zu einer festen Uhrzeit statt und werden häufig von denselben Ehrenamtlichen betreut. „Dadurch können Beziehungen entstehen, die auch den Umzug aus dem Flüchtlingsheim in eine feste Wohnung überdauern“, sagte Suckut. Auch Sprach-Tandems hält sie für eine gelingende Form der Sprachbegleitung durch Ehrenamtliche.
So ähnlich wie Sprach-Tandems funktionieren die Lernpatenschaften, die an der Volkshochschule (VHS) Bremen, dem größten Träger für Integrationskurse in Bremen, angeboten werden. Eine Lernpatenschaft stellt dabei eine Beziehung zwischen zwei oder mehr erwachsenen Personen dar, von denen sich eine für den Lernfortschritt der anderen mitverantwortlich fühlt. 70 Lernpaten haben inzwischen 600 Teilnehmende von Sprachkursen begleitet. Die Lernpatenschaft endet mit dem erfolgreichen Abschluss des Deutschkurses und wird die ganze Zeit über eng von der Leitung des VHS-Projektes begleitet.
Die lokalen Praxisbeispiele rundeten der Qualifizierungsansatz der ehrenamtlichen Lernbegleitenden des Goethe-Instituts und die beeindruckende Angebotsvielfalt der Stadtbibliothek ab.

Bilanz und Ausblick

„Wir sollten versuchen, die Formate der Ehrenamtlichen, die es in Bremen schon gibt, zu systematisieren und noch mehr in die Fläche zu tragen. Wir müssen uns überlegen, wie die Kommune Anreize setzen kann, den professionellen Spracherwerb mit ehrenamtlichem Engagement zur Begleitung des Lernens und Anwenden von Deutsch zu verknüpfen. Dabei müssen wir mit allen Trägern zusammenarbeiten“, zog Silke Harth Bilanz. Außerdem solle die ehrenamtliche Sprachbegleitung, die momentan ihren Schwerpunkt auf die Erwachsenenbildung lege, ausgeweitet werden.
Der Fachtag ging zu Ende wie er angefangen hatte: freundlich, konzentriert und respektvoll.. „Der Fachtag in Bremen war wertvoll für die Vernetzung und hat einen fruchtbaren Austausch ermöglicht“, sagte Silke Harth zum Abschluss. „In meinen Augen war das eine sehr gelungene Veranstaltung, die gute Anknüpfungspunkte für die weitere Arbeit hervorgebracht hat.“

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