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Qualitätsentwicklung im Stadtteilverbund

Schulen und Stadtteileinrichtungen arbeiten im Bremer Stadtteil Gröpelingen an gemeinsamen Konzepten, um Kindern und Jugendlichen langfristig höhere Bildungsabschlüsse und bessere Sprachfertigkeiten zu ermöglichen. Mit „Qualität in multikulturellen Schulen und Stadtteilen“ initiierte „Lernen vor Ort“ eine systematische und institutionsübergreifende Qualitätsentwicklung. Das könnte ein Modell auch für andere Stadtteile werden.

Der Volksmund spricht von „selbsterfüllender Prophezeiung“: Man befürchtet das Schlimmste und prompt stellt es sich auch so ein. Seit vielen Jahren erforschen Psychologinnen und Bildungsforscher, ob und wie „selbsterfüllende Prophezeiungen“ auch eine negative Funktion im Schulalltag spielen. Offensichtlich gibt es einen starken Zusammenhang zwischen den Erwartungshaltungen der Lehrerinnen und den tatsächlichen Leistungen der Schüler. Das bedeutet, wenn Lehrer von bestimmten Schülern weniger erwarten, schlägt sich dies in tatsächlich schlechteren Leistungen der Schüler nieder. Die Forschung ist sich deshalb heute weitgehend einig, dass die Erwartungshaltungen von Lehrpersonen den Bildungserfolg von Schülern und Schülerinnen maßgeblich beeinflussen können.

Diese Erwartungseffekte spielen eine bedeutende Rolle in Stadtteilen, in denen eine sozial und sprachlich stark heterogene Schülerschaft lebt. Unbewusst wird von Kindern, die beispielsweise über keine guten Deutschkenntnisse verfügen oder von Kindern, die sich durch Kleidung oder Sprache als „Unterschichtskinder“ ausweisen, oft weniger verlangt, als von Kindern, die eher dem Ideal eines pfiffigen, aufgeweckten Kindes entsprechen. Erwartungseffekte sind den Forschungen zufolge umso ausgeprägter, je unterschiedlicher die soziale und sprachliche Herkunft von Lehrpersonen und Kindern ist.

Das Problem ist, dass diese Mechanismen nicht bewusst und nicht in böser Absicht wirken. Oft sogar im Gegenteil: Mitunter wird von Kindern weniger erwartet, weil man sie beispielsweise aufgrund schwieriger Familienverhältnisse „schonen“ oder „schützen“ will.

Diese Erwartungseffekte sind ein Hindernis, mit dem insbesondere Kinder mit Migrationsgeschichte in deutschsprachigen Schulen zu kämpfen haben. Im Schweizer Kanton Zürich wurde deshalb schon vor mehr als zehn Jahren das Schulentwicklungsprogramm „Qualität in multikulturellen Schulen“ (QUIMS) aufgelegt. Die Züricher Schulbehörde fragte sich, wie solche systemischen Benachteiligungen bekämpft werden können, wenn sie nicht bewusst gewollt sind? Das Züricher Programm QUIMS versucht deshalb den Lehrerinnen und Lehrern zu helfen, ihre bewussten Handlungen und nicht ihre unbewussten Erwartungen zu verändern. Ziel ist es, beispielsweise allen Kindern herausfordernde Aufgaben zu stellen – eine schwierige Aufgabe, die spezifische Unterrichtsmethoden wie beispielsweise Binnendifferenzierung erfordern.

Schulerfolg und Mehrsprachigkeit als Konzept

QUIMS ist ein seit mehr als zehn Jahren in der Schweiz erprobtes Schulentwicklungsprogramm für Schulen, um die Bildungschancen von Kindern mit nicht-deutschen sprachlichen Herkünften und Kindern aus sozial benachteiligten Familien zu erhöhen. Die oben beschriebenen „Erwartungseffekte“ ist nur einer von zahlreichen Aspekten systematischer Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationgeschichte.

Auch in Deutschland versuchen Schulen schon seit einigen Jahren vor dem Hintergrund einer zunehmend heterogenen Schülerschaft besonders auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Teamteaching, individuelle Förderung, Schulklima, Jahrgangsteams, das sind nur einige Stichworte der Schulentwicklung im Bremer Schulreformprozess. Alle diese Anstrengungen für eine zeitgemäße Schule sind notwendige Bausteine, aber es fehlt als weiterer Baustein eine systematische Hilfe für Schulen, die mit einer sprachlich und sozial besonders heterogenen Schülerschaft zu tun haben. Mit dem Züricher Programm liegt ein solcher Baustein vor, der sich auf drei Handlungsfelder konzentriert:

Bildungserfolg: Nach wie vor sind vor allem die Kinder mit nicht-deutscher Erstsprache und Kinder aus sozial benachteiligten Familien die Verlierer im Bildungssystem. QUIMS formuliert deshalb eine ganze Reihe von Indikatoren, mit denen Schulen den Bildungserfolg der Kinder erhöhen können.

Integration/Partizipation: Mit QUIMS soll die Integration der Schüler und Eltern verbessert werden. Unter Integration wird allerdings nicht normativ eine Art Anpassungsleistung der Migranten verstanden, sondern die Integration ins System der Schule. Gemeint ist damit eine bessere Einbeziehung der Eltern zum Beispiel durch mehrsprachige Informationen, Elternabende, die es auch Eltern mit Kleinkindern und keinerlei Deutschkenntnissen ermöglicht, teilzunehmen oder eine Schulkultur, in der Eltern und Kinder regelmäßig und dauerhaft an Entscheidungen beteiligt werden.

Literalität: Der Sprachförderung kommt im QUIMS-Programm eine besondere Bedeutung zu. Gemeint ist aber nicht (nur) individueller Sprachunterricht für Kinder nicht-deutscher Sprachherkunft, sondern ein fächerübergreifendes Konzept von Sprachförderung. Die Mehrsprachigkeit der Schülerschaft wird nicht als Defizit empfunden, sondern als Hilfe, um Sprachsensibilität und Sprachfreude zu erreichen. Ziel ist die Entwicklung von literacy (Literalität) bei allen Schülerinnen und Schülern, also eine Sprachmächtigkeit, um im Leben auch bestehen zu können.

Aus der Schweiz nach Gröpelingen

Yasemin Karakasoglu, Konrektorin der Uni Bremen, fordert in ihrer Expertise „Migration und Bildung“, die sie im Auftrag der Senatorin für Bildung, Wissenschaft und Gesundheit Anfang 2011 vorlegte, die interkulturelle Öffnung des gesamten Bremer Bildungssystems. Neben zahlreichen Vorschlägen zur Verbesserung des vorhandenen Fördersystems empfahl Karakasoglu der Senatorin auch die exemplarische Einführung des Programms QUIMS in die lokale Bildungslandschaft Gröpelingen. Im Rahmen von Lernen vor Ort lud deshalb das Bildungsressort im Mai 2011 zu einem Informationsworkshop mit dem Leiter des Schweizer QUIMS-Programms Markus Truniger (Bildungsdirektion des Kantons Zürich) ein. Am Ende des Workshops war das Interesse geweckt. Truniger riet allerdings auch zu Geduld und sorgfältiger Vorbereitung: „Ein genau geplanter Einstiegsprozess ist sehr wichtig! Schulentwicklungsprozesse sind kleinschrittig und brauchen Zeit und viel Engagement durch die Beteiligten. Um Wirkungen zu erreichen, sollte mit klar definierten Zwischenzielen gearbeitet werden. Schulen gelingt der Einstieg, wenn sie dafür Zeit, weiterbildende Impulse und eine Unterstützung in der Prozesssteuerung bekommen.“

Lernen vor Ort richtete deshalb anknüpfend an diese Empfehlung zunächst eine Entwicklungsgruppe „QUIMS_GRÖPELINGEN“ ein, um einen mit Bildungs- und Sozialressort, Schulleitungen, Stadtteilakteuren und Elternvertretern abgestimmten Einstieg in QUIMS zu beraten.

QUIMS_Gröpelingen braucht die Migranten und Migrantinnen im Stadtteil

QUIMS_Gröpelingen orientiert sich am Züricher Vorbild, aber es nimmt eine entscheidende Veränderung vor: Nicht die isolierte Einzelschule steht im Fokus, sondern die verschiedenen Bildungsakteure eines Stadtteils: Schulen, Kitas, Kultur- und Jugendeinrichtungen, Bürgerhäuser und Weiterbildungsträger qualifizieren sich gemeinsam fort, um ihre Arbeit angesichts einer heterogenen Stadtteilgesellschaft zu verbessern.

Aber ist es überhaupt möglich, dass sich beispielsweise eine Moschee und eine Schule gemeinsam mit der Frage auseinander setzen, wie Eltern besser einzubinden sind? Können die verschiedenen Einrichtungen gemeinsame Ziele und Qualitätskriterien entwickeln? Kann man sich eine Sprachförderung vorstellen, die von so unterschiedlichen Einrichtungen wie Bibliothek, Migrantenverein, Schule und Kultureinrichtung getragen wird? Was besonders schwierig erscheint, ist gleichzeitig auch die Chance des Projektes: Unterschiedliche Philosophien, Arbeitsansätze, Projektideen und Erfahrungen ermöglichen eben auch, dass Bildung und Bildungserfahrungen von Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern vielfältiger und umfassender verstanden und angemessener berücksichtigt werden. Oft wird wenig Notiz davon genommen, wenn sich eine nichtschulische Einrichtung als Bildungspartner anbietet.

In der Mevlana Moschee an der Lindenhofstraße beispielsweise organisiert Bünyamin Keskin eine rege Jugendarbeit: „Wir haben unseren Namen vom Jugendtreff auf Jugendbildungsstätte umbenannt, die unsere tägliche ehrenamtliche Jugendarbeit besser beschreibt. Wir möchten durch unsere Bildungsarbeit einen Beitrag leisten, damit Gröpelingen eine bildungsstarke und attraktive Region in Bremen wird.“ Keskin tut dies, in dem er und sein Team nicht nur kulturelle und religiöse Veranstaltungen organisieren, sondern auch bildungspolitische Themen auf ihre Agenda setzen. So wird die Moschee zu einem Ort, in dem Jugendliche sich beispielsweise mit dem neuen Bremer Wahlrecht, mit Rassismus und Ausgrenzung oder mit dem Bildungssystem auseinandersetzen.

Nicht nur diese Jugendgruppe ist ein wichtiger, aber kaum wahrgenommener Akteur in der lokalen Bildungslandschaft. Auch Elterninitiativen oder Elterngruppen der Migrantenvereine müssen viel intensiver als bisher als Partner im Bildungssystem einbezogen werden. Edhem Dirlik stellt aus seinen langjährigen Erfahrungen in der Arbeit mit eingewanderten Eltern fest, das „der Kontakt zu Eltern mit Migrationshintergrund wichtig ist. Sie wollen für ihre Kinder den bestmöglichen Schulerfolg, viele wissen aber nicht, wie sie ihre Kinder unterstützen können. Deshalb ist eine kontinuierliche Kommunikation zwischen Lehrkräften und Eltern trotz knapper zeitlicher Ressourcen wichtig und sollte möglich sein, genauso sollten die Eltern in den Schulen mitwirken dürfen!“

Sprachförderung mit Kultur?

Die großen Einrichtungen im Stadtteil beteiligen sich ebenfalls an der Entwicklungsgruppe QUIMS_Gröpelingen: Bremer Volkshochschule, Kultur Vor Ort e. V., Stadtbibliothek, Bürgerhaus, und ZIS bringen ihre Erfahrungen und ihre Projekte in das Netzwerk ein. Auch kulturelle Plattformen werden für QUIMS eine große Rolle spielen: Durch die Schaffung eines lebendigen Erfahrungsraums für Sprache und Schrift wird Sprachkompetenz gefördert. Diesen Prozess beschreibt Julia Klein, die zum künstlerischen Team von Kultur Vor Ort e. V. gehört, so: „Künstlerische Projekte sind Sprachförderung pur! Das Arbeiten mit Drucken, Farben, Plastiken findet ja nicht schweigend statt. Die Kinder reden, diskutieren, fragen, beschreiben, philosophieren, erzählen, argumentieren. Sprache ist für uns ein Werkzeug, um Prozesse in Gang zu setzen. Unsere künstlerisch-kulturelle Arbeit beispielsweise in Projekten wie ‚Buchwerkstatt‘, KLEKS oder ‚Selbstgemacht‘ wird bewusst sprachlich begleitet. Die Künstlerinnen und Kunstpädagogen wissen, wie Sprache wirkt, wie Sprache zu Teilhabe führt und nutzen die Arbeitsschritte im Atelier im Sinne einer durchgängigen Sprachförderung. Gezielt werden alle in den Gruppen gesprochenen Sprachen in den künstlerischen Prozess integriert“.

Nachtrag: Wie weiter nach Lernen vor Ort?

Nach Abschluss des Programms Lernen vor Ort wurden die positiven Erfahrungen und entwickelten Strukturen des lokalen Bildungsmanagements im Bildungsbüro des Quartiersbildungszentrums „Morgenland“ gebündelt. Zwar nutzt die Senatorin für Kinder und Bildung nicht mehr das Akronym QUIMS, aber die Aufgaben des Bildungsbüros sind ähnlich geblieben:

  • Fortbildungen, kollegiale Beratung und Arbeit an Qualitäten insbesondere im Arbeitsfeld Sprachbildung und Bildungspartnerschaften mit Eltern,
  • Qualkitätsentwicklung in der Kooperation von kultureller Bildung, Schule und Kita,
  • Bereitstellung von sozialräumlichen Daten zur besseren Planung und Steuerung der Aktivitäten,
  • Beratung und Begleitung bei der Weiterentwicklung von Aktivitäten,
  • Öffentlichkeitsarbeit und Einwerbung von Programmen und Stiftungen für gemeinsame Aktivitäten und
  • Erarbeitung von passgenauen Fortbildungen.

Das Bildungsbüro ist durch die Anbindung an das Referat „Schule-Jugendhilfe“ eng in die gesamtkommunalen Bildungsstrategien Bremens eingebunden und sorgt seinerseits auch für gute Kommunikation zwischen kommunalen Behörden und dem lokalen Bildungsverbund. So wie es mit QUIMS angefangen hat, wird es vom Bildungsbüro weiter entwickelt: Die systematisierte Zusammenarbeit soll den Einrichtungen im Stadtteil langfristig helfen, Vielfalt als Entwicklungsmöglichkeit für den Stadtteil zu nutzen. Gröpelingen, der junge Bremer Stadtteil, braucht Schulen, Kulturzentren, Bildungseinrichtungen, Freizeitmöglichkeiten, in denen die Migrationserfahrung der Kinder und Jugendlichen kein Handicap, auch keine romantisch-schillernde Geschichte, sondern ganz einfach Normalität ist. Nur so kann endlich mehr Teilhabe für Gröpelinger Kinder gelingen.

Autoren: Fatmanur Sakarya-Demirci, Dr. Lutz Liffers

Fatmanur Sakarya-Demirci
Mitarbeiter der Senatorin für Bildung und Wissenschaft Bremen. Arbeitet an der Umsetzung eines lokalen Bildungsmanagements im Stadtteil Gröpelingen im Rahmen des Programms „Lernen vor Ort“.

Dr. Lutz Liffers
Mitarbeiter der Senatorin für Bildung und Wissenschaft Bremen. Arbeitet an der Umsetzung eines lokalen Bildungsmanagements im Stadtteil Gröpelingen im Rahmen des Programms „Lernen vor Ort“.

Lernen vor Ort

Die Vision der Initiative "Lernen vor Ort" ist ein abgestimmtes Bildungsmanagement auf kommunaler Ebene mit der Perspektive auf lebenslanges Lernen. Das Förderprogramm unterstützte bis 2014 40 Landkreise und kreisfreie Städte dabei, in ihrer Region ein kohärentes Bildungssystem aufzubauen. Lernen vor Ort war eine gemeinsame Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und von über 100 deutschen Stiftungen. Nach Abschluss des Programms bereiten gefördert vom BMBF verschiedene regionale Transferagenturen und die überregional tätige Transferagentur für Großstädte die Erfahrungen aus den 40 Modellkommunen auf, um interessierte Kommunen beim Aufbau kohärenterer Bildungsstrukturen zu unterstützen.

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