Gesundheit und medizinische Versorgung

Seminarreihe zum Umgang mit traumatisierten Geflüchteten

Traumatisierte geflüchtete Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alltag zu begleiten, ist für pädagogische Fachkräfte eine große Herausforderung. Manche sind sich unsicher, wie sie eine Traumatisierung erkennen und wie sie ohne psychotherapeutische Kenntnisse junge Geflüchtete unterstützen können. Ein praxisnaher Ansatz ist die Traumapädagogik. Das Servicebüro Berlin hat dazu in Zusammenarbeit mit dem Sozialpädagogischen Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg (SFBB) eine Fortbildungsreihe entwickelt. Diese findet parallel in Herzberg (Elster) und Storkow statt. Am 12. Dezember 2016 fand das zweite von insgesamt vier Seminaren in Herzberg (Elster) in Brandenburg statt.

Fortbildungsreihe unterstützt Fachkräfte

In jedem der vier Seminare wird ein spezieller Schwerpunkt behandelt. Ziel ist es, dass pädagogische Fachkräfte sowie Akteure von Jugendamt und Schulverwaltung Grundlagen und Methoden der Traumapädagogik in ihrem Arbeitsumfeld selbst anwenden können. Die Fortbildungsreihe ist so konzipiert, dass die Teilnehmenden nach jedem Seminar das Gelernte direkt umsetzen können. Im nächsten Seminar ist zu Beginn stets Zeit eingeplant, um sich über die gemachten Erfahrungen gegenseitig auszutauschen: Was hat bereits gut funktioniert? Wo hat jemand noch Herausforderungen? Und wie gehen die anderen Teilnehmenden mit ähnlichen Situationen um? So warten die 20 Teilnehmenden nach einer kurzen Reflexion des ersten Termins am 2. Dezember in Herzberg (Elster) gespannt auf die Fortsetzung des Seminars. Alle erwarten schnelle und alltagstaugliche Informationen und werden nicht enttäuscht. Die Referentin Marianne Herzog, Fachpädagogin und Fachberaterin für Psychotraumatologie, hat ein Bilderbuch und zwei Spielkoffer dabei.

Wer sind Lily, Ben und Omid?

Frau Herzog beginnt ihren Vortrag und im Raum wird es still. Jeder der Teilnehmenden weiß, da ist endlich jemand, der uns versteht und uns sagen kann, was zu tun ist. Tatsächlich kennt Frau Herzog viele Unsicherheiten, Fragen und darüber hinaus die Herausforderungen im Umgang mit traumatisierten Menschen. Sie öffnet den ersten Koffer und erklärt sehr anschaulich, anhand von therapeutischem Filzpuppen, wie der Verstand auf Gefahren reagiert und wie sich das körperlich äußert. Herzog praktiziert Psychologie zum Anfassen und verzichtet dabei gänzlich auf Fachvokabular. Alle Sinne der Teilnehmenden werden hierbei angesprochen und man ist hochkonzentriert.
Lily, Ben und Omid sind die Protagonisten des gleichnamigen Bilderbuchs von Marianne Herzog. Dieses dokumentiert sehr anschaulich, wie sich Traumata auf Kinderseelen auswirken, welche irrationalen Ängste entstehen und wie man aus diesem „dunklen Wald“, wie Herzog es beschreibt, hinausfindet. Das Buch eignet sich für alle, welche mit geflüchteten Kinder und Jugendlichen zusammenarbeiten. Aber auch für Geflüchtete selbst, weil sie oftmals ihr eigenes Trauma nicht wahrnehmen. Es dient zum Vorlesen und Anschauen und ist für jede Altersstufe geeignet. Bisher ist das Buch auf Arabisch, Deutsch, Englisch, Rumänisch und Schwedisch erschienen.

„Alle Geschenke auspacken!“

Diese Aufforderung richtet sich an alle Teilnehmenden. Herzog erklärt anhand des Inhalts des zweiten Koffers, die Herausforderungen im Umgang mit traumatisierten Geflüchteten. Sie rollt einen roten Teppich aus, auf welchem sich Karten mit der Aufschrift „Klebstoff“ befinden. Dadurch soll symbolisiert werden, dass man unbewusst von traumatisierten Menschen eingeladen wird, sich auf diesen Teppich zu begeben und sich eine Rolle auszusuchen: Täter beziehungsweise Verfolger, Retter oder Opfer. Der Klebstoff verhindert dabei die Flucht. Wer diesen Teppich achtlos betritt, wird sich in einer dieser Rollen wiederfinden – außer: man ist im „Selbst“. Anschließend erläutert Herzog, wie man dieses Selbst erreichen kann.

Jedem Teilnehmenden werden in der täglichen Arbeit aber auch sogenannte „Geschenke“ überreicht. Geschenke, die man eigentlich nicht haben möchte, welche man jedoch unbewusst annimmt und zunächst ins Regal stellt. Auf den Etiketten steht unter anderem Angst, Wut oder Trauer. Dabei habe man keine Wahl, diese gefühlsgeladenen Päckchen abzulehnen, erklärt Marianne Herzog. Diese Art der Übertragung im zwischenmenschlichen Bereich findet immer statt. Erst, wenn man das Bewusstsein für diesen Prozess erlangt hat, kann man die Geschenke auspacken und sich von dessen Inhalt befreien und möglichen Depressionen vorbeugen.

Traumapädagogik hat keine Nebenwirkungen

Traumata können also auch bei Bezugspersonen Depressionen auslösen: die sogenannte sekundäre Traumatisierung. Gerade jetzt sind die Teilnehmenden des Seminars sehr konzentriert und horchen in sich hinein. Jeder entdeckt in sich eines oder mehrere dieser ungewollten Geschenke. Herzog erklärt, wie man das Thema des Tages auf sich und seinen Alltag anwenden kann, all diese Geschenke auspackt und wieder im Selbst ankommt. Und auch, wie man vermeidet auf den roten Teppich zu treten und Traumapädagogik sinnvoll einsetzt. Schaden könne es niemandem und Nebenwirkungen seien ausgeschlossen, sagt Marianne Herzog.

Der sichere Ort

Jeder braucht und wünscht sich einen sicheren Ort. Traumatisierte Geflüchtete haben diesen Ort verloren. Für sie ist es besonders wichtig, neue Sicherheit zu finden. Ein Weg dahin ist es, die eigene Traumatisierung zu verstehen. Marianne Herzog zeigte den Teilnehmenden beim zweiten Termin der Fortbildungsreihe praxisorientierte Möglichkeiten, Selbstschutz- und Handlungskompetenzen erstens an geflüchtete Kinder und Jugendliche zu vermitteln und zweitens für sich selbst zu erlangen.

Autorin: Gabriele Thäle

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