Jugendarbeit und Ehrenamt

„Spielberechtigungen für junge Geflüchtete sind kein Hexenwerk“

Henrik Oesau arbeitet im CSR-Management bei Werder Bremen. In dieser Funktion betreut er das Bremer Bündnis des Programms „Willkommen im Fußball“. Das Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung wird gefördert von der Bundesliga-Stiftung und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Im Interview erläutert Henrik, warum junge Geflüchtete nicht mehr bis zu 15 Monate auf eine Entscheidung über ihren Asylantrag warten müssen, um an Punktspielen teilzunehmen.

Willkommen bei Freunden (WbF): In den Bündnissen, die ihr mit Werder Bremen betreut, brauchen junge Geflüchtete für eine Spielerberechtigung kein Ausweisdokument. Warum ist das besonders?

Henrik Oesau: Wir sind erst durch unsere Bündnisarbeit im Zuge des Programms "Willkommen im Fußball" mit diversen Vereinen in Bremen darauf Aufmerksam geworden, dass es für junge Geflüchtete eine große Problematik ist, eine Spielberechtigung zu bekommen. Im Zuge eines anderen Integrationsprojekts, das ich zusammen mit einem Freund vor anderthalb Jahren auf die Beine gestellt habe, sind uns die Regularien aufgefallen. Diese haben uns etwas Kopfschmerzen verursacht, weil wir gemerkt haben: Sport sollte einen einfachen und direkten Zugang zur Teilhabe in der Gesellschaft bieten. Einige Punkte dieser Regularien haben das jedoch verhindert.

WbF: Um welche Regularien geht es genau?


Henrik: Geflüchtete Jugendliche brauchten zum Beispiel zumindest eine Duldung. Das war am Anfang immer der Fall. Das heißt, sie mussten erst einmal auf ihren Aufenthaltsstatus warten, bevor sie am Sport teilnehmen konnten. In unserem Bündnis haben wir daraufhin den direkten Dialog zum Deutschen Fußball Bund (DFB) gesucht. Zusammen haben wir dann eine Ausnahmeregelung gefunden. Diese ist seit Januar 2016 in Bremen offiziell anerkannt. Seitdem ist nicht mehr eine ausgestellte Duldung notwendig, sondern es reicht eine Bestätigung über die Erstregistrierung des Jugendlichen aus. Eine Duldung kann dann später nachgereicht werden. Der große Vorteil ist, dass die Jugendlichen damit nicht mehr, wie zurzeit üblich, bis zu 15 Monate auf eine Duldung warten müssen, um damit eine Spielberechtigung zu beantragen.

WbF: Wie ist der Weg, um eine Spielberechtigung für einen geflüchteten Jugendlichen zu beantragen?

Henrik: Es werden verschiedene Unterlagen für einen Spielerpass benötigt. In der Regel ist das ein Passantrag, ein Zusatzformular für Jugendliche aus dem Ausland und eine Zustimmungserklärung der Eltern beziehungsweise der Vormünder. Zudem muss eine Kopie des Ausweises, der Aufenthaltsgenehmigung, Duldung oder Erstregistrierung vorliegen. Eigentlich auch eine Meldebescheinigung. Wenn die noch nicht vorliegt, reicht vorerst auch die Erstregistrierung aus. Dann brauchen die Jugendlichen noch ein Passfoto und ein ärztliches Attest über die Sporttauglichkeit. Falls ein Betreuer die Formulare ausfüllt, was sehr häufig der Fall ist, dann muss man noch eine Vollmacht des jeweiligen Vormundes des Jugendlichen beifügen.

WbF: Wie geht es dann mit den Dokumenten weiter, wenn man alles beisammen hat?

Henrik: Die Unterlagen müssen dann beim jeweiligen Landesfußballverband eingereicht werden. In unserem Fall wird das dann beim Bremer Fußballverband abgegeben, welcher die Spielberechtigung beantragt. In der Regel wird dann 30 Tage auf eine Antwort des Heimatverbandes gewartet, um Transfers von Kindern und Jugendlichen, die gegen die FIFA-Regularien verstoßen, auszuschließen. Das heißt, wenn beispielsweise ein Gambier in Deutschland eine Spielberechtigung beantragt, wird das beim Gambischen Fußballverband gemeldet. Der hat dann 30 Tage Zeit, um zu prüfen, ob der jeweilige Jugendliche bereits in einem Profiklub erfasst wurde. Dann hat er die Möglichkeit zu sagen: „Halt, stopp mal kurz. Das verstößt aber gegen Transfer-Regularien.“ Bisher habe ich es aber noch nie erlebt, dass so eine Rückmeldung vom Fußballverband kam. In der Regel werden die Anfragen nicht beantwortet und somit kann nach 30 Tagen die Spielberechtigung erteilt werden.

WbF: Kann das für die geflüchteten Jugendlichen problematisch werden, wenn im Heimatland durch die Anfrage bekannt wird, dass er geflüchtet ist?

Henrik: Mir ist das tatsächlich ein paar Mal zugetragen worden, dass die Jugendlichen selbst damit Probleme haben. Wir haben dann natürlich keine Spielberechtigung beantragt. Ich kann jetzt nicht in die einzelnen Landesverbände hineinschauen, aber bisher habe ich das so wahrgenommen und es wurde auch vom DFB zugesichert: Es werden diese Anfragen gestellt, aber in der Regel gibt es keinen direkten Ansprechpartner im Heimatland. Damit sind die Sorgen in der Regel unbegründet, weil dieser Weg noch nicht als Mittel entdeckt wurde, um Nachforschungen über einzelne Personen anzustellen.

WbF: Die Möglichkeit besteht jedoch. Aus dem Grund ist also ratsam, mit den Jugendlichen vorher zu sprechen. Ihnen zu sagen, dass die Informationen an das Heimatland geschickt werden und zu fragen, ob das in Ordnung ist.

Henrik: Ganz genau.

WbF: Du hast kurz erwähnt, dass du im Rahmen deiner Bündnisarbeit mehrere Gespräche geführt hast, damit junge Geflüchtete auch mit ihrer Erstregistrierung eine Spielberechtigung beantragen können. Kannst du das Vorgehen für andere Vereine in anderen Bundesländern bitte beschreiben?

Henrik: Ich bin davon überzeugt, dass auch in anderen Landesverbänden diese Regelung in Kraft getreten ist. Der Bremer Fußballverband dürfte das sicher nicht für sich alleine beanspruchen, während andere Landesverbände andere Regularien fahren. Dadurch, dass es auch direkte Gespräche mit dem DFB gab, ist es eigentlich bereits für alle durchgesetzt. Es war lange Zeit nur unausgesprochen.

WbF: Im Grunde sind die Wege geebnet und jeder Verein könnte das bereits so machen?

Henrik: Genau. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass das nicht direkt der Verdienst von Werder Bremen war. Wolkenkratzer e. V., ein sozialer Träger hier in Bremen und gleichzeitig ein Bündnispartner von uns, hatte den Kontakt zum DFB und war mit uns im Austausch.

WbF: Bei manchen Vereinen besteht Unsicherheit in Bezug auf den bürokratischen Aufwand, der auf sie zukommt, wenn sie geflüchtete Jugendliche bei sich aufnehmen möchten. Was gibst du diesen Vereinen mit?

Henrik: Wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass Vereine bisschen Bedenken vor dem bürokratischen Aufwand haben. De facto muss man aber sagen: Der bürokratische Aufwand für Vereine ist sehr gering. Es sind lediglich zwei zusätzliche Dokumente auszufüllen, als bei einer Spielberechtigung für andere Jugendliche. Man muss ein Zusatzformular ausfüllen, dass derjenige Jugendliche aus dem Ausland kommt. Dazu braucht man eine Zustimmungserklärung der Eltern beziehungsweise des Vormunds. Die übrigen Dokumente müssen auch deutsche Jugendliche erbringen. Der Aufwand ist also sehr überschaubar. Man muss es nur einmal wissen.

WbF: Wie ist es mit offenen Trainingsangeboten. Brauchen die Jugendlichen dafür ebenfalls eine Spielberechtigung?

Henrik: Nein. Es gibt aktuell viele Vereine, die offene Trainingsangebote schaffen, damit die Jugendlichen einfach kicken können und eine Freizeitbeschäftigung haben. Da braucht niemand eine Mitgliedschaft oder irgendwelche Dokumente. Das sind wirklich freie Angebote, bei denen durch den Landessportbund auch zugesichert ist, dass die Jugendlichen versichert sind.
Aktuell halten wir es auch für sehr sinnvoll, dass Vereine sich durch offene Trainingsangebote engagieren, wenn sie natürlich die Möglichkeiten dafür haben. Das ist die größte Schwierigkeit bei Sportvereinen - die ehrenamtliche Unterstützung, die Manpower, die dafür notwendig ist.

Offene Angebote sind eine sehr gute Möglichkeit, um einen ersten Zugang zum Sport zu bekommen und darüber auch Vertrauen in einzelne Personen zu erhalten, um von dort aus zu schauen, was eigentlich die beste Möglichkeit für den Jugendlichen ist: Möchte derjenige wirklich einfach nur kicken oder möchte derjenige vielleicht leistungsbezogen spielen. Daher ist ein Integrationsbeauftragte oder jemand der das offene Training leitet, der sich als Anlaufstelle ein bisschen darum kümmert, eine gute Idee. Dann wird der Zugang  direkt persönlicher und einfacher. Man merkt, dass das kein Hexenwerk ist.

WbF: Du hast kurz das Thema Versicherung angesprochen: Wie sind Geflüchtete, wenn sie im Verein spielen oder trainieren, versichert?

Henrik: Ich kann nicht für andere Landesverbände sprechen, aber in Bremen ist es auf jeden Fall so, dass Jugendliche definitiv über den Landessportbund versichert sind. Auch wenn sie noch keine Vereinsmitglieder sind. Das heißt beispielsweise, wenn ein Jugendlicher zum Probetraining geht und sich dort verletzt, ist er dennoch über den Landessportbund versichert. Zum Schutze der Vereine versichert der Landessportbund genau solche Fälle. Sobald eine Spielberechtigung beantragt wird, wird in der Regel auch eine Vereinsmitgliedschaft beantragt. Dann ist der Jugendliche natürlich auch im Verein registriert und dort versichert.

WbF: Vielen Dank für das Gespräch Henrik.

Henrik: Sehr gerne.

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