Frühe Bildung

Sprachentwicklung junger Geflüchteter früh fördern

Sprache ist ein zentraler Baustein für Bildung, Inklusion und Integration. Eine gezielte Sprachbildung in Kitas und Familienzentren trägt dazu bei, ungleiche Bildungschancen von Kindern mit verschiedenen Sprachkenntnissen auszugleichen.

„Guten Morgen. Das ist Karim. Karim und seine Familie kommen aus Syrien.“ Dabei zeigt Frau Müller auf eine Weltkarte in der Mitte vom Sitzkreis. Um die Karte herum sitzen Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren verschiedener Herkunft. Sie alle besuchen zusammen eine Kita. Für manche ist Deutsch die Muttersprache. Karim hingegen kommt in diesem Beispiel zum ersten Mal in Kontakt mit der deutschen Sprache. Ganz neu ist diese Situation für Fachkräfte der früh-pädagogischen Bildung nicht. Denn Kinder geflüchteter Familien sprechen, wie viele Kinder mit Migrationshintergrund, in ihrem familiären Umfeld meist kein Deutsch. Kindergärten sind damit oft nicht nur der einzige Ort, an dem junge Geflüchtete mit der neuen Sprache intensiv in Kontakt kommen. Sondern darüber hinaus auch eine Möglichkeit, Deutsch als Zweitsprache zu erlernen. Diesen Lernprozess können Mitarbeitende von Kitas und Familienzentren entscheidend unterstützen.

Aus der Kita eine mehrsprachige Umgebung machen

Ein erster Weg die Sprachentwicklung zu fördern, ist der Einbezug der unterschiedlichen Sprachen in die alltägliche Umgebung der Kita. Dafür gibt es viele Möglichkeiten: zum Beispiel Bücher in den jeweiligen Landessprachen in der Bücherecke oder Klebestifte mit französischer, arabischer oder russischer Beschriftung. Beschildern kann man auch die verschiedenen Orte und Gegenstände wie Spiegel, Schränke und Tische in der Kita. Die Küche heißt dann beispielsweise auch mutfak (türkisch), kuzhinë (albanisch) oder مطبخ (arabisch). Kassetten oder CDs mit Liedern auf verschiedenen Sprachen zeigen ebenfalls allen Kindern eins deutlich: Jeder von euch ist hier willkommen.

Integration der Kinder

Kinder aus anderen Ländern fühlen sich unter anderem durch solche mehrsprachig gestalteten Räume in Kindergärten oder Familienzentren nicht fremd. Sie erkennen ihre Sprache und die der anderen Kinder als normalen Teil ihrer Umgebung. Dieses Gefühl kann weiter verstärkt werden, wenn Erzieherinnen und Erzieher einige Wörter in unterschiedlichen Sprachen verwenden. So lernen alle Kinder, dass es unterschiedliche Sprachen gibt. Zudem bauen die geflüchteten Kinder auf diese Weise Berührungsängste mit den neuen Bezugspersonen ab. Gleiches gilt für die Zusammenarbeit mit den Eltern der Kinder. Hier tragen Aushänge, Informationen und Einladungen auf unterschiedlichen Sprachen oder das Hinzuziehen von Dolmetschern bei Elterngesprächen zum gegenseitigen Verständnis bei. Neben der Lernumgebung unterstützt das Kita-Personal auch direkt die Sprachbildung der Kinder. Das kann einerseits über gezielte Lernsituationen erfolgen. Andererseits lassen sich die Übungen zur Sprachentwicklung auch in den Alltag integrieren.

Sprachbildung durch kleine Lerngruppen

Zurück in unsere Beispiel-Kita. Dienstagnachmittag, 14:30 Uhr. Karim sitzt mit drei anderen Kindern und einer Pädagogin etwas abseits der anderen Kinder. Gemeinsam schauen sie in ein großformatiges Buch. Gerade sehen sie ein Bild mit vielen Kindern auf einem Spielplatz an. „Wo seht ihr ein Mädchen mit einer blauen Hose?“, fragt Frau Schmidt. Karim überlegt kurz und tippt dann auf ein Mädchen. Dabei schaut er fragend seine Betreuerin an. Sie lächelt und nickt. „Genau Karim. Das ist ein Mädchen mit einer blauen Hose.“ Mit solchen und anderen Übungen lernen kleine Gruppen zu festen Terminen mehrmals wöchentlich ganz gezielt Deutsch. Das Arbeiten in solchen spezifischen Lerngruppen erleichtert es pädagogischen Fachkräften auf den unterschiedlichen Bedarf der Kinder einzugehen. Nicht immer ist eine Weiterbildung zur Fachkraft für elementarpädagogische Sprachförderung dafür notwendig. Auch die Begleitung der Sprachgruppen durch eine externe Fachkraft ist eine gute Möglichkeit.

Praxisbegleitung durch Logopäden

Bereits bei der Bildung der Lerngruppen können die Beobachtungen und die Erfahrung von Logopädinnen und Logopäden sehr hilfreich sein. Wer hat welchen Entwicklungsbedarf? Welche Übungen eignen sich besonders? Worauf ist bei der Beobachtung der Sprachentwicklung zu achten? Bei solchen und anderen Fragen können Sprachförderkräfte die Kita-Mitarbeitenden gut beraten. Pädagogische Fachkräfte brauchen „neben konkreten Ideen für die pädagogische Arbeit“, so die Logopädin Jutta Kind-Kolb, „auch Fachkenntnisse, wie die Sprachentwicklung eines Kindes verläuft und welche Förderbedarfe Kinder haben.“ Jutta Kind-Kolb berät im Rahmen des Modellprogramms „Bildung braucht Sprache“ als Praxisbegleiterin Bonner Schulen und Kitas zur Weiterentwicklung der Sprachbildung. Eine solche logopädische Praxisbegleitung eignet sich auch für den alltagsintegrierten Ansatz der Sprachentwicklung.

Der alltagsintegrierte Ansatz

Alltagsintegrierte Konzepte der Sprachentwicklung und -bildung beruhen auf der täglichen Interaktion. Ziel ist es, alle Kinder in ihrer Sprachentwicklung durch alle Pädagogen in allen Situationen im Kita-Alltag zu fördern. Erzieherinnen und Erzieher hören beispielsweise den Geschichten der Kinder genau zu, lassen sie ausreden und stellen Nachfragen. Dadurch fühlen sich die jungen Menschen ernst genommen und entwickeln Freude beim Sprechen. Weitere Sprachanlässe können ganz einfach geschaffen werde. Auch hier hat Jutta Kind-Kolb eine leicht umzusetzende Idee: „Zum Beispiel ist es besser, offene Fragen statt Ja-Nein-Fragen zu stellen – also nicht ‚Malst Du einen Drachen??, sondern ‚Was macht der Drache da??.“

Das gemeinsame Mittagessen als Sprach- und Integrationsanlass

Das gemeinsame Essen gibt ebenfalls gute Gelegenheiten. Zudem eröffnet sich dadurch die Möglichkeit, die Essgewohnheiten junger Geflüchteter in den Alltag einzubinden. Zum Beispiel kann es mittags Couscous mit Gemüse oder Mutabbal geben. Das ist ein syrisches Nudelgericht aus pürierten Auberginen, Sesam und Olivenöl. Bei der Zubereitung der Gerichte können die Eltern der geflüchteten Kinder unterstützen. So bekommen auch sie die Chance, in einer bekannten Situation Deutsch zu sprechen. Damit ist die Sprachentwicklung nicht nur auf die Kita oder das Familienzentrum beschränkt, sondern kann in den Familien fortgesetzt werden.

Umgang mit traumatisierten Kindern im Kita-Alltag

Trotz der Nähe zur Betreuung von Kindern mit Migrationshintergrund gibt es Besonderheiten bei der Arbeit mit jungen Geflüchteten in Kitas und Familienzentren. Eine davon sind mögliche Traumatisierungen. Die Kinder sind mit ihren Familien oder in seltenen Fällen auch ganz allein aus ihrer Heimat geflüchtet. Auf diesem Fluchtweg, aber auch in ihrer früheren Umgebung haben sie vieles gesehen und erlebt, was für sie nur schwer zu verarbeiten ist. Bestimmte Eindrücke, Geräusche oder Bilder in der Kita können daher die Erinnerung an diese Erlebnisse wieder wach rufen. Manche von ihnen verbinden beispielsweise mit dem Geräusch eines Hubschraubers eine erlebte Gefahr. Als Reaktion darauf verstecken sie sich, beginnen zu weinen oder sind verängstigt. Für Außenstehende ist es nicht leicht, ein solches Verhalten direkt mit der Ursache, wie hier dem Hubschrauber, zu verbinden. Der Kontakt zu lokalen Beratungsstellen oder Fachzentren wie dem Gesundheitsamt kann dabei helfen, für solche Situationen vorbereitet zu sein. Es kann den pädagogischen Fachkräften aber auch helfen, so Dr. Marianne Rauwald vom Institut für Trauma-Bearbeitung und Weiterbildung Frankfurt, für solche Reaktionen sensibilisiert zu sein. Meist hilft dann die Vermittlung von Verständnis und Sicherheit. Eine mehrsprachige Umgebung in der Kita kann dabei eine Möglichkeit sein. Aber auch das Verstehen der neuen Sprache vermittelt ein Stück Sicherheit in der neuen Umgebung.

Was ist ein Familienzentrum?

Familienzentren sind in erster Linie Kitas. Darüber hinaus sind sie jedoch mehr. Denn sie bündeln verschiedene Betreuungs-, Bildungs- und Beratungsangebote für Kinder und Familien an einem Ort. So arbeiten Familienzentren beispielsweise auch mit Sozialämtern, Schulen und Vereinen zusammen. Ein Familienzentrum wird dadurch zum Netzwerk für familienorientierte Angebote in der Kommune. Kinder und Familien werden so gezielt gestärkt und eingebunden. Je nach Bundesland heißen die Einrichtungen auch Kinderzentrum oder Eltern-Kind-Zentrum.

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