Frühe Bildung Schule

Sprachlos? Ein Projekt zur Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund

Da Sprachbeherrschung eine der Schlüsselkompetenzen zur aktiven Teilnahme am kulturellen und politischen Leben der Gesellschaft darstellt, ist deren Vermittlung eine der dringlichsten und oftmals schwierigsten Bildungsaufgaben im Bereich der Integrationspolitik. Die Schule ist der exklusive und vielfach einzige Ort, an dem Kinder mit Migrationshintergrund täglich über mehrere Stunden mit der deutschen Sprache konfrontiert werden. Defiziterfahrungen sind dabei nicht auszuschließen. Die Folgen sind bekannt: Am Ende ist die Tür zur Teilhabe an der Gesellschaft in vielerlei Hinsicht zugeschlagen.

In der Primarstufe einer Berliner Grundschule, der Anna-Lindh-Schule im Wedding, in der bis zu 80 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund lernen, erprobten von 2005-2007 die drei professionellen Erzählerinnen Sabine Kolbe, Kerstin Otto und Marietta Rohrer-Ipekkaya, ausgebildet an der Universität der Künste Berlin (UdK), ein Verfahren zur Sprachförderung, das einfach anmutet, aber von ungewöhnlichem Erfolg gekrönt war: Sie erzählten zwei Jahre lang wöchentlich im regulären Unterricht Geschichten – und zwar Märchen und Mythen aus aller Welt, vornehmlich aus jenen Kulturen, aus denen die Eltern der Kinder kommen. Sie erzählten die Geschichten frei – nicht zu verwechseln mit dem Vorlesen! – und bauten Verständnisbrücken über das expressive Ausdrucksrepertoire der Mimik, des Körpers, der Stimme. Es mutet wie ein Wunder an, aber Kinder, die zu Beginn ihrer Schulkarriere mitunter elementare Wörter der deutschen Sprache nicht verstanden, lauschten am Ende des Projektes bis zu 40 Minuten hingebungsvoll den mitunter komplexen volksliterarischen Zeugnissen aus aller Welt.

Warum Erzählen besser als Vorlesen ist

Aus dem Erleben des aktiven Zuhörens, also ausschließlich über das Medium der Mündlichkeit, bahnte sich die Fantasie der Kinder gänzlich neue Wege. Vor allem aber erweiterte sich ihr aktiver Wortschatz ohne didaktische Interventionen. Sie erfanden selbst originelle, oftmals tief berührende Geschichten, wurden also selbst zu Erzählerinnen und Erzählern – ein grandioses Abenteuer für Kinder, die sich ansonsten in den engen Grenzen des gemischtsprachlichen Alltagsjargons bewegen. Die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer bestätigen die ungewöhnliche Wirkungsmacht dieses Konzeptes. Das Projekt macht deutlich, dass nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern deutliche Entwicklungsfortschritte zeigen in den Bereichen:

  • Konzentration und Zuhörkultur
  • Empathie und emotionale Ansprechbarkeit
  • Erzählkompetenz (hierbei u. a. Erwerb narrativer Schemata)
  • Sensibilisierung für die Sprache der Poesie, ihre Musikalität und Farbigkeit
  • Aktiver Gebrauch einer am Literarischen orientierten Sprache (hierbei insbesondere die Suche nach bildkräftigen Wendungen und das Bemühen um die Verwendung des Präteritums und dialogischer Passagen)
  • Fantasie und kreativer Umgang mit tradierten Bildern, Figuren und Konfliktkonstellationen des Volksmärchens
  • Erwerb kommunikativer und sozialer Fähigkeiten
  • Neugier auf kulturelle Zeugnisse fremder Kulturen
  • Neugier auf narrative Zugänge zur Welt
  • Lust, die Welt anders zu denken als sie ist.

Das Projekt stand unter der Leitung von Prof. Dr. Kristin Wardetzky von der Universität der Künste Berlin und wurde dokumentarisch begleitet von Christiane Weigel, Absolventin der UdK. Das Projekt wurde gefördert durch die Universität der Künste Berlin, Deutsche Bank Stiftung, LBS Nord, Innerwheel Berlin. Es erhielt 2007 den Sonderpreis der Jury des bundesweiten Wettbewerbs „Kinder zum Olymp" und konnte damit für ein weiteres Jahr an der Anna-Lindh-Schule weitergeführt werden.

Folgeprojekte schlossen sich in verschiedenen Brennpunktschulen Berlins an. Seit 2008 werden diese unter dem Titel „ErzählZeit" über den Berliner Projektfonds „Kulturelle Bildung" gefördert. Neben zehn deutschsprachigen Erzählern und Erzählerinnen sind nun auch sechs fremdsprachige Erzählerinnen und Erzähler in das Projekt eingebunden.

Autoren: Prof. Dr. Kristin Wardetzky

Prof. Dr. Kristin Wardetzky
Prof. Dr. Kristin Wardetzky ist ehemalige Professorin an der Universität der Künste in Berlin für Theaterpädagogik. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit sind neben dem künstlerischen Erzählen auch Rezeptionsforschung im Kinder- & Jugendtheater und Erzählen im Rahmen kultureller Bildung. Prof. Dr. Kristin Wardetzky erhielt diverse Auszeichnungen, neben dem Bundesverdienstkreuz unter anderem den Europäischen Märchenpreis und den Ludwig-Bechstein-Märchenpreis des Landes Thüringen.

Ideen für mehr! Ganztägig lernen.

„Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“ ist ein Programm der Deutschen Kinder und Jugendstiftung, gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Das Programm unterstützt bereits seit 2004 Schulen auf ihrem Weg von einer Halbtags- zur Ganztagsschule. Schon bestehenden Ganztagsschulen soll das Programm dabei helfen, ihre Angebote weiterzuentwickeln.

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