Schule

Sprechen und gehört werden

Erinnerungen an die alte Heimat und Bilder von der neuen Heimat verschmelzen miteinander – und werden zu Kunst. Im „Kultur.Forscher!“-Projekt „Vom Abschied und Wiedersehen“ an der Stuttgarter Rosensteinschule erforschen geflüchtete Jugendliche ihren neuen Lebensraum. Sie sammeln Eindrücke von Deutschland, setzen sie in Bezug zu ihrer eigenen Kultur und verarbeiten sie in Filmbeiträgen und Live-Acts. Dabei erlangen die Schülerinnen und Schüler spannende Erkenntnisse über das, was sie sich wünschen und wer sie sind.

Ramin steht da, in der Mitte des Gymnastikraums und scheint zum ersten Mal an diesem Morgen ganz bei sich. Um Zentimeter gewachsen wirkt er und aus seinem Gesicht spricht eine Mischung aus Stolz und Ernsthaftigkeit. „Ich bin Ramin, ich bin 12 Jahre und ich komme aus Afghanistan“ – so beginnt der gebürtige Iraner seine Präsentation.

Acht weitere Jugendliche, alle zwischen elf und 17 Jahre alt, sitzen auf der Treppe des Raums und lauschen. Es ist kurz vor den Sommerferien, genauer: Tag zwei einer Projektwoche hier an der Stuttgarter Rosensteinschule, die bereits seit sechs Jahren am Kultur.Forscher!-Programm teilnimmt. In jedem Schuljahr bietet die Schule ästhetische Forschungsprojekte an, um Kindern und Jugendlichen kreative und persönliche Erlebnisse zu ermöglichen, die sie im normalen Unterricht nicht machen würden. Mal wird blockweise geforscht, mal wöchentlich fortlaufend über ein halbes oder ganzes Schuljahr oder eben wie jetzt im Rahmen einer Projektwoche.

„Es ist wichtig, dass sich Kinder und Jugendliche mit ihrer Lebenswelt auseinandersetzen. Wenn die Jugendlichen selbst spüren: Ich muss aktiv werden, muss Verantwortung übernehmen – dann ist viel gewonnen. Die sonst gängige Opfer-Rolle, die passt hier einfach nicht,“ sagt Tobias Metz, Theaterpädagoge.

Das Projekt Vom Abschied und Wiedersehen richtet sich speziell an die Schülerinnen und Schüler aus den jahrgangsübergreifenden Vorbereitungsklassen. Hier lernen neu zugewanderte Kinder und Jugendliche Deutsch, bis sie fit sind für den Übergang in die regulären Klassen. Ramin und die anderen hätten in der Projektwoche auch bei „American Football“ oder „Heiß plus kalt gleich lecker“ mitmachen können. Aber sie haben sich für Vom Abschied und Wiedersehen entschieden.

„Vielen der Jugendlichen ist eine starke Sehnsucht nach der Heimat anzumerken“, sagt Theaterpädagoge und Projektleiter Tobias Metz. Oft sind es diffuse und teils auch widersprüchliche Gefühle, die die Jugendlichen beschäftigen, hat er beobachtet. Hier einen Bewusstwerdungsprozess anzustoßen – das sei der Hintergedanke des Projekts. Metz ist sowohl mit der Rosensteinschule als auch mit der Ästhetischen Forschung gut vertraut: Seit es hier Kultur.Forscher! gibt, ist Metz als fester Kulturpartner der Schule mit an Bord und setzt ästhetische Forschungsprojekte um. Die Ästhetische Forschung gibt bei den Projekten einen Rahmen vor, doch der Forschungsweg und das Ergebnis sind weitestgehend offen.

Das Erforschen des Kulturraums hilft die eigene Sichtweise zu hinterfragen. Ramin hält zwei auf DIN A4 hochkopierte Fotos hoch – Ergebnisse von Projekttag eins, den die Kulturforscher dafür nutzten, mit Kameras durch das multikulturelle Viertel um die Schule zu ziehen und Eindrücke einzufangen. Um den neuen Kulturraum zu erforschen, in dem sie sich nun bewegen. Aber das allein ist es nicht. Im Rahmen des künstlerischen Schaffens bringen sie auch ihre eigene Geschichte und Identität ein. Wie sehe ich Deutschland – durch jene Brille, die natürlich auch durch meine Vergangenheit geprägt ist? Ramins erstes Bild zeigt die Kühlerhaube eines Mercedes, der Stern ist klar Blickfang des Bildes. Auf dem anderen Foto ist ein vergittertes Fußballfeld zu sehen. „Ich hab das Mercedes-Auto genommen, weil es so was in Afghanistan nicht gibt. Fußballplätze gibt es schon, aber nur aus Sand. Und es gibt auch keine Tore. Die sind, wenn überhaupt, mit Steinen markiert.“ „Was ist der persönliche Gegenstand, den du präsentieren möchtest?“, fragt Tobias Metz, als Ramin fertig gesprochen hat. Denn das war die Aufgabe: Fotos im Umfeld der Schule zu machen und auszuwählen, einen Brief an einen Freund in der Heimat anzufertigen und einen Gegenstand von zuhause mitzubringen. Ramin greift einen Stein, der vor ihm liegt: „Wir nennen so was Mohr“, sagt er, „Meine Oma betet damit, seit 30 Jahren.“ Er hält ihn nahe ans Gesicht.

David Piper, Lehrer an der Rosensteinschule, sagt: „Die Persönlichkeitsentwicklung, die die Kinder im Rahmen der theaterpädagogischen Projekte durchlaufen, ist eindrucksvoll. Sie setzen sich stark mit ihrem kulturellen Umfeld auseinander und ich bin davon überzeugt, dass diese Auseinandersetzung zu einem gesunden Selbstbild beiträgt.“

„Er riecht so besonders …“. Mucksmäuschenstill ist es im Raum, als der 12-Jährige zurück zur Treppe geht, damit der nächste präsentieren kann. Alle acht zeigen nacheinander zwei Fotos, einen Brief und einen persönlichen Gegenstand. Tobias Metz zeigt sich beeindruckt von der Offenheit der Projektteilnehmer: „Man hat das Gefühl, da will was raus, was bisher zurückgehalten wurde.“ Vorsichtig will der Theaterpädagoge sich den Jugendlichen im Rahmen der Ästhetischen Forschung nähern. „Nicht wenige sind traumatisiert und ich weiß natürlich nie, ob ich eine Tür, die aufgemacht wird, auch wieder zukriege.“ Nicht als Therapeut versteht der Dramaturg sich, eher als einer, der die Jugendlichen dazu anregt selbst zu entscheiden, was sie von sich preisgeben wollen. „Ramin, was denkst du, wenn du einen Mercedes siehst?“, fragt Tobias Metz in einer der beiden Kleingruppen, die sich draußen auf dem Flur zusammengetan haben. „Ein Mercedes kostet viel“, sagt Ramin. „Genau, das ist das Thema, zu dem ich euch nun bitten würde, euch eine Geschichte auszudenken“, sagt Metz. „Wie wäre es, wenn ihr viel Geld hättet? Wäre es wichtig für euch, reich zu sein?“. Bei der elfjährigen Liana kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen.

Die Frage nach der Zukunft wird in einem kleinen Theaterstück beantwortet.

„Ich will in Deutschland bleiben, ich will eine Wohnung haben, ich will glücklich sein.“ In dem Land, aus dem sie komme, Tschetschenien, sei Krieg. „Die Leute sterben. Manche haben ein Bein weg, manche den Kopf.“ Lianas Stimme stockt. „Ich habe Angst, zurückzugehen. Ich möchte hier bleiben.“ Ramin nickt. „Du kannst nicht nur nicht zur Schule, du kannst auch sonst nicht einfach raus auf die Straße, es ist zu gefährlich“, sagt Ramin. Der Mercedes-Stern ist plötzlich kein Thema mehr. „Ich glaube, wir sind jetzt an einem wichtigen Punkt“, sagt Tobias Metz. „Was habt ihr für Wünsche? Wie stellt ihr euch die Zukunft vor?“ Ausgehend von diesen Fragen erarbeiten die Jugendlichen das künstlerische Produkt, in das ihre Erlebnisse und Gedanken aus den vorangegangenen Projekttagen einfließen. „Wenn ich einmal groß bin …“ – so beginnen Ramin, Emma und Liana als sie schließlich vor der gesamten Projektgruppe vorspielen, was sie erarbeitet und geprobt haben. Ramin möchte Polizist werden. Er weist Liane und Emma, die als imaginäre Autos durch den Raum fahren, den Weg. Die zwölfjährige Emma spricht als Anwältin energisch zum „hohen Gericht“. Liane schüttelt herzlich Hände derer, die gerade – gespielt – neu nach Deutschland gekommen sind. „Ich will Ärztin werden, weil ich helfen will“ – ihre Worte gehen unter die Haut.

Zum Abschluss der Projektwoche zeigen die Schülerinnen und Schüler vor der ganzen Schule, was sie erarbeitet haben. Entstanden ist eine Mischung aus Filmbeiträgen und Live-Acts – anders als zunächst gedacht also kein Theaterstück. „Etwa ab der Hälfte der Woche war das klar“, sagt Theaterpädagoge Tobias Metz. Der vertraute Rahmen des kreativen Schaffens bleibe so gewährleistet. Weil die Vorführung nicht zu abstrakt wirken soll, sind die Protagonisten aber anwesend: Sie stehen bei ihren Präsentationen, den Bildern, Briefen und Gegenständen. Für jeden ansprechbar. Das Ergebnis am Ende der Projektwoche, die Vorführung, ist jedoch bei der Ästhetischen Forschung gar nicht so sehr im Fokus, sagt Metz. Es gehe vielmehr um den Weg, der auf die selbige hinsteuert. Und das Wichtigste dabei ist: „Den Teilnehmern die Freiheit zu geben, in einem weitgehend selbst gesteckten Rahmen schöpferisch zu werden. Zu sprechen und gehört zu werden – vor allem das.“

Autoren: Elisabeth Hussendörfer

Elisabeth Hussendörfer
freie Journalistin aus Stuttgart

Kultur.Forscher! Kinder & Jugendliche auf Entdeckungsreise

Wie können wir geflüchteten Kindern und Jugendlichen das Ankommen in Deutschland erleichtern? Ein "Kultur.Forscher!"-Projekt an der Stuttgarter Rosensteinschule zeigt, wie der Ansatz der Ästhetischen Forschung einen Beitrag dazu leisten kann. Schülerinnen und Schüler aus sogenannten Vorbereitungsklassen entdecken kreativ ihre neue Lebenswelt und bringen ihre individuellen Geschichten und Perspektiven ein. Dabei spüren sie Selbstwirksamkeit, stärken ihr Selbstbewusstsein – und erhalten eine Stimme.

Kontakt

Deutsche Kinder- und Jugendstiftung
Christine Florack
Programmleiterin Kultur.Forscher!
christine.florack@dkjs.de

Weitere Informationen und Materialien zur Ästhetischen Forschung und zum Programm Kultur.Forscher! finden Sie unter www.kultur-forscher.de

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