Jugendarbeit und Ehrenamt Schule

Theaterpädagogische Arbeit mit Geflüchteten

Das Theaterstück „Crossover – Lasst uns froh und bunter sein“ von der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück, arbeitet gezielt mit Jugendlichen ab 15 Jahren. Gemeinsam arbeiten die Jugendlichen im Stück daran, gemeinsame Werte zu erkennen und dazu beizutragen, auf spielerische Art, Werte für ein gemeinsames, auf Vielfalt basierendes, Zusammenleben zu finden. Im Rahmen der Programmarbeit des Servicebüros Frankfurt von „Willkommen bei Freunden“ stellte die theaterpädagogische Werkstatt ihr Stück zum einen einem Kreis von Mitarbeitenden aus der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit im Rhein-Main-Gebiet vor. Zum anderen wurde der Workshop einen Tag später mit afghanischen jungen Geflüchteten im Alter von 17 bis 21 Jahren durchgeführt. Dagmar Gendera, Leiterin des Servicebüros Frankfurt, erläutert im Interview, wie theaterpädagogische Ansätze die Bildungsarbeit mit geflüchteten Jugendlichen unterstützen kann.

Willkommen bei Freunden (WbF): Wie kam es zu dem Workshop mit der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück?

Dagmar Gendera: Wenn es darum geht, Integration zu ermöglichen, werden wir von den Akteuren vor Ort immer wieder nach methodischen Ansätze gefragt, die in Schul- und Bildungsarbeit eingesetzt werden können. Insbesondere die Definition gemeinsamer Werte steht dabei im Mittelpunkt, um das Zusammenleben in Vielfalt zu regeln. Die meisten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge kommen im Alter von 14 bis 18 Jahren nach Deutschland. Oft wird dabei die Phase der Identitätsfindung übersprungen, da die Jugendlichen sich den neuen Herausforderungen der Aufnahmegesellschaft stellen müssen. Peergroups wirken dabei unterstützend – führen aber auch zu Konflikten mit bereits vor Ort lebenden jungen Menschen. Oftmals liegt das auch an unterschiedlichen Wertevorstellungen. Der Workshop diente zum einen für die kommunalen Akteure als Impuls für die eigene Arbeit. Einen Tag später wurde das Stück mit jungen Geflüchteten aus einer Wohneinrichtung von Rumi im Puls e.V. in Frankfurt am Main durchgeführt. Der Verein bietet Unterstützung insbesondere in Fragen der Integration afghanischer junger Geflüchteter an, die dezentral in Einrichtungen der Jugendhilfe untergebracht sind.

WbF: Im Stück geht es hauptsächlich um die Vermittlung von Grundwerten wie Redefreiheit, Religionsfreiheit und die freie Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Welchen Mehrwert bietet der theaterpädagogische Ansatz gegenüber der reinen Wissensvermittlung?

Gendera: Das Stück regte zur Selbstreflexion des eigenen Selbstverständnisses zu Vielfalt in unserer Gesellschaft an.  Das gelang durch den Ablauf des Stücks. Zuerst wurde eine Szene durch die Schauspielerinnen und Schauspieler aufgeführt. Jeweils eine zu einem der Grundwerte. Dabei haben die Schauspielenden bewusst Situationen übertrieben und mögliche Vorurteile pointiert dargestellt. Danach ging es ins vertiefende Gespräch mit den Jugendlichen oder in kleine Arbeitsphasen. Der theaterpädagogische Ansatz hilft sehr gut dabei, in einen Reflexionsprozess mit den Jugendlichen einzusteigen. Sie erkennen sich in den gespielten Szenen wieder oder aber das Dargestellte widerspricht ihren eigenen Werten. Das regt zum Denken an und zum Nachfragen. Das Auseinandersetzen und Hinterfragen der eigenen Werte und die Sensibilisierung dafür, dass andere Menschen andere Vorstellungen und Werte haben, hilft dabei, seinen Gegenüber besser zu verstehen. Das schafft eine Kommunikation auf Augenhöhe, getragen von Respekt und Wertschätzung. Ich denke, dass diese offene, entspannte und vor allem spielerische Atmosphäre theaterpädagogischer Angebote dafür sehr förderlich ist.

WbF: Gibt es dafür ein konkretes Beispiel?

Gendera: Zum Beispiel ging es in dem Workshop auch um die sexuelle Freiheit, insbesondere um Homosexualität. Zunächst löste die dargestellte Szene dazu kritische Blicke bei den Jugendlichen aus. Anschließend gab es eine Übung dazu, in der die Jugendlichen entscheiden sollten, wen oder was sie auf eine einsame Insel mitnehmen würden. Dabei kamen die Jugendlichen zu dem Schluss, dass die sexuelle Orientierung keine Rolle spielt, in dem Fall, ob der Krankenpfleger schwul oder die Krankenschwester lesbisch ist. Einer der Teilnehmer sagte am Ende: Jetzt verstehe ich was Diversität heißt, dass niemand ausgegrenzt sein darf, egal ob er eine Behinderung hat, schwarz, weiß oder gelb ist, er ein Mann oder eine Frau ist.

WbF: Welchen Eindruck konntest du aus den Workshop mitnehmen?

Gendera: Bei mir, als Begleiterin von kommunalen Prozessen, bleibt der Eindruck, dass wir mit der Methode junge Afghanen, die jeden Tag hart damit zu kämpfen haben, ihre eigene Rolle in dieser Ankunftsgesellschaft zu festigen, dabei unterstützen konnten abstrakte Begriffe wie zum Beispiel „Würde“ mit Inhalt zu füllen und Vielfalt, als erstrebenswertes Gesellschaftsmodell erkennen zu lernen. Aus meiner Sicht ist das ein wichtiger Schritt, um junge Geflüchtete dabei zu unterstützen handlungsmächtig zu werden.

Nach oben Zurück zur Übersicht