Kommune

Tipps für Kommunen. Wie können Sie die aktuellen Herausforderungen meistern?

Der klassische deutsche Beamte muss umdenken. Warum? Das schildert Dieter Assel, der Geschäftsführer des kommunalen Kompetenzzentrums für Bildungsinnovation im hessischen Weiterstadt im Interview mit „Willkommen bei Freunden”.

Willkommen bei Freunden (WbF): Sie haben einmal gesagt, dass es gerade in der Kommunalverwaltung darum geht, neue Strukturen zu schaffen und das oftmals von bestimmten Typen abhängig ist. Dabei kommt es nicht nur auf einzelne Personen an, sondern auch auf ganze Teams. Wenn sie diesen Typen als Menschen beschreiben würden, wie würde dieser Typ Verwaltungs-Mensch aussehen, der die aktuelle Situation gut meistern kann? Was muss er mitbringen?

Dieter Assel: Er muss (a) eine Offenheit für Fremdes, für Anderssein haben, er muss (b) Empathie besitzen, um zu verstehen, wie sich der ihm gegenüber sitzende Mensch fühlt und er sollte (c) ein bisschen Hintergrundwissen über religiöse und ethnische Voraussetzungen haben. Aber er sollte vor allem verstehen können, wer dort vor ihm sitzt und auch, dass er denjenigen nicht wie ein 08/15-Antragsverfahren behandeln kann. Das bedeutet, sich zu verstehen als jemand der helfen kann und muss und nicht als jemand der einfach nur Recht anwendet. Ein solches Verständnis zu etablieren ist, glaube ich, die schwierigste Herausforderung, weil das Verwaltungen nicht gelernt haben. Das ist nicht ihr Auftrag. Sie haben gelernt, Gesetze abzuwickeln und politische Richtlinien umzusetzen. Die Mitarbeiter der Verwaltung müssen das, was man unter Willkommenskultur in der verlautbaren Lyrik so schnell setzt, auch leben können. Wenn jemand willkommen geheißen werden soll, dann muss der auch das Gefühl haben, dass das ernst gemeint ist.

Es braucht aber auch ein anderes Verständnis von Loyalität sowohl auf der Mitarbeiter- als auch auf der Führungsebene von Verwaltungen. Loyal sein in diesem veränderten Sinne bedeutet auch Vorgaben zu hinterfragen, eigene Lösungsideen zu entwickeln und ggf. auch zu widersprechen, wenn Vorgaben offensichtlich zu erkennbarer Fehlentwicklung führen.

WbF: Der klassische deutsche Beamte muss also umdenken?

Assel: Ja, nicht nur der Beamte, sondern alle Beschäftigten in öffentlichen Verwaltungen sind vor dem Hintergrund des anstehenden Integrationsauftrages gehalten, Lösungskonzepte nicht primär als ordnungspolitische sondern als humanistische Aufgabe zu begreifen und in entsprechende Lösungsansätze umzusetzen. Vielleicht müssen Verwaltungen einige Strukturen neu schaffen um Willkommenskultur auch organisatorisch und sprachlich zu dokumentieren.

Also in der Verwaltung Strukturen etablieren die z. B. nicht Ordnungs-, Bau- und Sozialamt heißen, sondern „Zentrum für Bürgerhilfen“ in denen die klassischen Verwaltungsstrukturen im Sinne multiprofessioneller Zusammenarbeit aufgelöst werden. Kommunen werden vor eine große Aufgabe gestellt.

WbF: Was geben Sie solchen Kommunen an Tipps oder Motivation aus Ihrem Erfahrungsfundus mit auf den bevorstehenden Weg?

Assel: Es ist schwer, konkrete Tipps zu geben. Man kann am Ende nur bestimmte Grundhaltungen vermitteln. Es geht darum, offen zu sein, nicht zu kapitulieren, sondern sich dem Problem zu stellen. Und es geht auch darum, zu schauen, wo man entsprechende Ressourcen akquirieren kann und darum, nicht zu warten bis etwas von allein passiert. Man muss sich die Frage stellen, wer einem bei der Lösung des Problems helfen kann und wie man diese Person mit an den Tisch bekommt. Das wären schon einmal die einfachsten ersten Schritte.

Man sollte Verantwortung nicht von sich wegschieben, indem man sagt: „Das Land müsste doch eigentlich.“ Natürlich muss das Land und natürlich müsste der Bund. Das soll er auch und da muss letztendlich auch Druck ausgeübt werden. Aber um das Problem generell zu lösen, muss man eine Haltung entwickeln im Sinne von „Ich gehe da jetzt dran, ich will das lösen.“ Das ist die Grundlage und auf dieser Basis hole ich mir Leute, die mir helfen, Probleme zu lösen, völlig unabhängig davon, wer da jetzt für zuständig ist oder nicht. Diese Grundhaltung müssen wir vermitteln, denn am Ende hast du zwei Möglichkeiten: Du kannst dich hinsetzen und über das Problem jammern oder du tust was dagegen und hast gleich noch einen Erfolg dabei. Das klingt zwar banal, ist aber der Kern des Problems.

WbF: Die Veränderung beginnt also bei jedem im Kleinen?

Assel: Genau. Zumal ich glaube, dass überall ausreichend Ressourcen rumliegen, die man aufpicken und organisieren kann. Das ändert aber nichts daran, dass man auch politisch Position beziehen kann und die Finanzierungen anders geregelt werden müssen. Hier kann ich nur appellieren: Schafft Strukturen, kommuniziert miteinander, schaut, was ihr an zivilgesellschaftlichen Aktivitäten vor Ort habt und dann bringt diese zusammen. Die einfache Kernfrage lautet stets: Was ist das Problem und wie lösen wir es zusammen? Aus eigener langjähriger Verwaltungserfahrung in einer Kommune kann ich nur sagen: Diskutieren wir über die Themen, die die Menschen vor Ort beschäftigen und nicht die, die gerade dem jeweils vorherrschenden politischen Mainstream entsprechen.

WbF: Vielen Dank.

Assel: Gerne.

Autoren: Dieter Assel

Dieter Assel
Geschäftsführer des kommunalen Kompetenzzentrums für Bildungsinnovation im hessischen Weiterstadt

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